Wo Cochrane draufsteht, ist nicht immer Cochrane drin!

18.10.2014
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Wenn in einer Studie aus Groß-Britannien, im British Medical Journal (BMJ) unter dem Titel: 'Antibiotic treatment failure in four common infections in UK primary care 1991-2012: longitudinal analysis' von Craig J Currie et al. vom Cochrane Institute of Primary Care and Public Health, Cardiff University, Cardiff, UK und Global Epidemiology, Pharmatelligence, Cardiff, UK, folgende Aussage steht:

Die Gesamtversagerquote bei der antibiotischen Behandlung der genannten Infektionskrankheiten lag bei knapp 15 Prozent. Von 1991 an bis einschließlich 2012, also in 22 Jahren, war sie von 13,9 auf 15,4 Prozent gestiegen, so ist sicherlich n i c h t korrekt, zu formulieren: "Overall failure rates increased by 12% over this period". Denn dies negiert, dass ein 12%-Anstieg innerhalb von 22 Jahren einem wenig dramatischen jährlichen Anstieg von 0,545 Prozent entspricht:

·  “Overall antibiotic treatment failure rates increased from 1991 to 2012 by more than 10%, with most of the increase occurring in more recent years when antibiotic prescribing plateaued and then increased”

Hätte die britische Autorenschaft sich klar gemacht, dass auch Zahlenräume ü b e r zehn die wissenschaftlich gebildete Leserschaft nicht überfordert, wäre nicht das unselige "more than one in 10" als Schlussfolgerung formuliert, sondern durchaus anspruchsvoller von 13,9 bis 15,4 Prozent V e r s a g e r quote resp. von 86,1 bis 84,6 Prozent E r f o l g s quote geschrieben worden:

·  „More than one in 10 initial antibiotic monotherapies for upper and lower respiratory tract and skin and soft tissue infections were associated with failure over a 22 year period in UK primary care“

Die überwältigende Mehrheit der britischen Hausärzte und Internisten hat aus meiner Sicht  von 1991 bis 2012 mit ihrer gezielten Antibiotika-Therapie alles richtig gemacht. Eine Fehlerquote von nur 13,9 bis 15,4 Prozent über einen so langen Zeitraum fast konstant zu halten, ist bei zunehmender Antibiotikaresistenz, vermehrter Penicillin-Allergie bzw. -Resistenz, Wirkungsabschwächung veralteter Antibiotika (z. B. nicht ß-Laktamase resistente Cotrim forte, Tetracycline) und neuen Problemkeimen in den anderen Bereichen der Medizin wie z. B. der Depressionsbehandlung oder bei Suchterkrankungen niemals erreichbar. Selbst die Transplantationschirurgie mit ihrem gigantischen logistischen Aufwand kann derartig überragende Erfolgsquoten gegenüber so geringen Misserfolgsraten nicht mal ansatzweise verwirklichen.

Ich bin der Überzeugung, dass eine derartig undifferenzierte BMJ-Veröffentlichung medizinisch-wissenschaftliche und klinisch-praktisch anwendbare Erkenntnisse eher behindert als befördert und der durchaus sinnvollen Idee von kritischen Cochrane-Studien einen Bärendienst erweist.

Quelle: BMJ 2014349 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g5493 (Published 23 September 2014) Cite this as: BMJ 2014;349:g5493

Bildquelle: Medikamentenblister Copyright Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 27.10.2014.

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@ letzter Gast: Das war mein Beitrag im British Medical Journal (BMJ). Auf "Schätzlers Blog" habe ich die deutsche Version vorgestellt. Von Günter Biernoth aufgedeckte Berechnungsfehler habe ich als "Another Curiosity" publiziert: Normally I do not check simple statistical analysis expecting failure-free percent calculations in scientific papers. But the authors say: "In 1991, the overall failure rate was 13.9% (12.0% for upper respiratory tract infections; 16.9% for lower respiratory tract infections; 12.8% for skin and soft tissue infections; and 13.9% for acute otitis media). By 2012, the overall failure rate was 15.4%, representing an increase of 12% compared with 1991" and this neglects totally that the difference of 1.5% points between 13.9% and 15.4% overall failure rates is not at all "representing an increase of 12%"! It is an increase of 10.8% over a period of 22 years. That means an annual increase of 0.49% only. This publication must be revised. (BMJ 2014;349:g5493)
#7 am 25.10.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Englisch ist doch die Primitivsprache, die "Wissenschaftlichkeit" vorgaukeln soll. Sagen Sie´s auf Deutsch.
#6 am 25.10.2014 von Gast (Gast)
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Mein Kommentar im BMJ - Re: Antibiotic treatment failure in four common infections in UK primary care 1991-2012: longitudinal analysis - What's labelled Cochrane contains not always Cochrane The publication of Craig J Currie et al. from the Cochrane Institute of Primary Care and Public Health, Cardiff University, Cardiff, UK, and Global Epidemiology, Pharmatelligence, Cardiff, UK, is not so intelligent as it wants to be. 1. Conclusions like "from 1991 to 2012, more than one in 10 first line antibiotic monotherapies for the selected infections were associated with treatment failure" mean in the publications reality that in 22 years of observation only 13.9 to 15.4 percent of antibiotic treatment failed. In the meantime 86.1 to 84.6 percent of the antibiotic treatment obviously succeeded instead. 2. When "overall failure rates increased by 12% over this period..." of 22 years this is an annual increase of 0.545 percent only.
#5 am 24.10.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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(Forts.) In my opinion most of the British GP and Family Doctors did right with their targeting antibiotic treatment from 1991 until 2012. Nearly constant failure rates from 13.9 to 15.4 percent over such a long period instead of augmenting antibiotic resistance, increasing allergies e. g. against penicillin and amoxicillin, ß-lactamase active germs, less effectiveness of older antibiotics e.g. trimethoprim and tetracycline, non-indicated ciprofloxacin therapy, and new multi-resistant germs like MRSA or others should be taken into consideration. This seems to be a very undifferentiated BMJ-publication caricaturing the former idea of critical Cochrane investigation. Competing interests: No competing interests 21 October 2014 Thomas G. Schaetzler Family Medicine Unit Public GP-medical office/Fachpraxis Allgemeinmedizin Kleppingstr. 24 D 44135 Dortmund Germany
#4 am 24.10.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Arzt
Danke für den Beitrag, Herr Schätzler; ich habe mir als moderner Arzt mal den Luxus erlaubt, bei einem üblen Rezidiv einer vorher 5 Tage erfolgreich (blind) antibiotisch behandelten postgrippalen Nebenhöhlenvereiterung (Ciprofloxazin) einen Eiterabstrich mit Antibiogramm durchzuführen. Das Ergebnis ließ mit Versand 6 Tage auf sich warten und kostete fast 300 Euro. In der Zwischenzeit wirklich nicht ungefährliches Leiden mit antibiotikafreien heroischen Maßnahmen u.a. mehrmals täglichen Kochsalzspühlungen der Nasenwege. Ergebnis: nicht resistente 08/15 Kokken, ich hatte das Antibiotikum nur zu früh abgesetzt. Das nächste mal werde ich allerdings ein anderes wählen, das "schneller" wirkt, wie ich aus Erfahrung weis. Man kann auch das als Versager interpretieren. Nur muss hier die Konsequenz gerade NICHT Antibiotikaverzicht lauten. "Stimmungsmache" ist also genau die richtige Charakterisierung.
#3 am 22.10.2014 von Arzt (Gast)
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Ganz herzlichen Dank, Günter Biernoth, für diesen Hinweis! Ich bin davon ausgegangen, dass die britischen Cochrane-Experten wenigstens Prozentrechnung können. In ihrer BMJ-Publikation steht: "In 1991, the overall failure rate was 13.9% (12.0% for upper respiratory tract infections; 16.9% for lower respiratory tract infections; 12.8% for skin and soft tissue infections; and 13.9% for acute otitis media). By 2012, the overall failure rate was 15.4%, representing an increase of 12% compared with 1991"... Diese Angaben habe ich o h n e sachlich-und-rechnerisch-richtig-Prüfung übernommen. Ich persönlich halte diesen Aufsatz im British Medical Journal (BMJ) für schlecht aufgemachten, pseudowissenschaftlich publizierten Populismus. MfG
#2 am 21.10.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Es geht nicht darum, festzustellen, ob es ein Erfolg ist oder nicht, sondern es geht darum, die Veränderung darzulegen. Und es darf nur deshalb nicht von 12% gesprochen werden, weil die Steigerung tatsächlich bei 10,8% (15,4/13,9*100) liegt. Ansonsten ist die Aussage korrekt und die "wissenschaftlich gebildete Leserschaft" (Zitat aus dem Artikel) erkennt natürlich, dass es über einen sehr langen Zeitraum gerechnet ist. Mehr noch: Endlich mal jemand, der hier nicht von einer "Steigerung von 1,5%" - nämlich korrekt: 1,5%-Punkte - spricht!
#1 am 21.10.2014 von Günter Biernoth (Rettungssanitäter)
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