G-Strophanthin und Bluthochdruck

10.10.2014
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Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Strophanthin keine Blutdruck steigernde Wirkung besitzt. Die ausgeprägte Parasympathikus Wirkung des Strophanthin wird erneut experimentell bestätigt.

1991 hatten eine Arbeitsgruppe der University of Maryland und Wissenschaftler der Upjohn Laboratories in Kalamazoo, Michigan, berichtet, aus menschlichem Plasma g-Strophanthin – englisches Synonym: Ouabain - isoliert zu haben [1]. Auch wenn dieser Befund durch neue Arbeiten nicht bestätigt werden konnte [2,3], haben zahlreiche Forschungsgruppen in der Folgezeit unter Verwendung von Immunoassays Ouabain Plasmaspiegel bestimmt. Erhöhte Ouabain Werte wurden in Verbindung gebracht mit einer Vielzahl von Erkrankungen, u. a. Herzinsuffizienz, chronischer Niereninsuffizienz, essentieller Hypertonie, Präeklampsie, Nierenschädigung nach Herzchirurgie und polyzystischer Nierenerkrankung. Ein Schwerpunkt dieser Arbeiten war die Wirkung von Ouabain auf den Blutdruck. In einigen Untersuchungen konnte an Ratten gezeigt werden, dass mehrwöchige Verabreichung von Ouabain den Blutdruck erhöht. In anderen Untersuchungen konnte dieser Effekt nicht bestätigt werden. Dennoch setzte sich in der Wissenschaft die These durch, dass ein erhöhter Ouabain-Spiegel Hypertonie verursacht. Unter dieser Prämisse entwickelte das italienische Pharmaunternehmen Sigma-Tau einen Ouabain-Antagonisten, welcher in Ratten Blutdruck senkende Effekte zeigte, in der klinischen Prüfung am Menschen in einer breit angelegten Phase II Studie sich aber als wirkungslos erwies [4].

Eine Forschungsgruppe der Kuwait University hat nun in einer aktuellen Arbeit erneut die Wirkung von mehrmonatiger Verabreichung von Ouabain auf den Blutdruck von Ratten untersucht [5]. Unter Berücksichtigung der widersprüchlichen, bisher publizierten Ergebnisse – 16 Arbeiten berichten Blutdruck steigernde Wirkung, 5 Arbeiten finden keine eindeutigen Wirkungen und 11 Arbeiten finden keine Blutdruck steigernde Wirkung von Ouabain – wird die Wirkung von zwei unterschiedlichen Dosierungen von Ouabain (63 und 324 µg/kg/Tag) auf den Blutdruck von männlichen Wistar Ratten nach kontinuierlicher dreimonatiger Verabreichung untersucht. Ergänzend zu dem Blutdruck wurden in der Studie zahlreiche pharmakologische Parameter bestimmt. Radiotelemetrie wurde verwendet, um Blutdruck, Herzfrequenz, kardiovaskuläre Variabilität und Barorezeptorreflexsensitivität zu bestimmen.

Es wurde gefunden, dass die kontinuierliche Gabe von Ouabain über 3 Monate den arteriellen Blutdruck der Wistar Ratten nicht erhöht. Aus den Bestimmungen der Herzfrequenz-Variabilität und der Urinausscheidung von Katecholaminen ergibt sich, dass Ouabain das sympathische Nervensystem nicht anregt aber die Vagusnerv-Aktivität erhöht. Parameter, welche die molekulare Struktur der Arterien verändern und den Blutdruck erhöhen können, werden durch Ouabain nicht beeinflusst. Stattdessen wird der Plasmaspiegel von vasodilatatorischen Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) deutlich erhöht. Die durch Ouabain erhöhte parasympathische Aktivität und der durch Ouabain erhöhte Plasmaspiegel von CGRP schließen eine Blutdruck steigernde Wirkung des Ouabain aus.

Diese aktuellen Ergebnisse bestätigen die langjährige klinische Erfahrung, dass g-Strophanthin den erhöhten Blutdruck von Herz-Kreislauf-Patienten senkt. Die ausgeprägte Parasympathikus Wirkung des Strophanthin wird erneut experimentell bestätigt. Es ist bemerkenswert, dass auch in dieser aktuellen Arbeit kein Bezug genommen wird auf die langjährige Verwendung des g-Strophanthin in der Therapie von Herzerkrankungen und Hypertonie. Dieser Teil der Geschichte des Ouabain ist in der Wissenschaft heute nach wie vor unbekannt.

 

Literatur

[1] Hamlyn JM, Blaustein MP, Bova S, DuCharme DW, Harris DW, Mandel F, Mathews WR, Ludens JH. Identification and characterization of a ouabain-like compound from human plasma. Proc Natl Acad Sci U S A. 1991;88:6259–6263.

[2] Baecher S, Kroiss M, Fassnacht M, Vogeser M. No endogenous ouabain is detectable in human plasma by ultra-sensitive UPLC-MS/MS. Clin Chim Acta. 2014;431:87–92.

[3 Lewis LK, Yandle TG, Hilton PJ, Jensen BP, Begg EJ, and Nicholls MG. Endogenous Ouabain Is Not Ouabain. Hypertension. 2014 Oct;64(4):680-3

[4] Staessen JA, Thijs L, Stolarz-Skrzypek K, et al. Main results of the ouabain and adducin for Specific Intervention on Sodium in Hypertension Trial (OASIS-HT): a randomized placebo-controlled phase-2 dose-finding study of rostafuroxin. Trials. 2011;12:13.

[5] Ghadhanfar E, Al-Bader M, Turcani M. Wistar rats resistant to the hypertensive effects of ouabain exhibit enhanced cardiac vagal activity and elevated plasma levels of calcitonin gene-related Peptide. PLoS One. 2014 Oct 3;9(10):e108909.

Artikel letztmalig aktualisiert am 11.10.2014.

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Medizin, Pharmazie
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