Die herzkranke Gesellschaft

27.08.2014
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In Deutschland werden heute fast drei Mal so viele Blutdruckmittel und Cholesterinsenker geschluckt wie vor 15 Jahren. Doch Herzinfarkt und Schlaganfall haben seitdem nicht abgenommen. Das Gegenteil ist der Fall.

Das Autoren-Team Ute Jurkovics und Irene Stratenwerth hat einen aufklärenden Film mit dem Titel "Die herzkranke Gesellschaft" über die Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen gemacht, welcher aktuell in der Mediathek von NDR und WDR abrufbar ist. Thematisiert wird der paradoxe Befund, dass in Deutschland heute fast drei Mal so viele Blutdruckmittel und Cholesterinsenker geschluckt werden wie vor 15 Jahren. Doch Herzinfarkt und Schlaganfall - die Krankheiten, vor denen diese Pillen schützen sollen - haben seitdem nicht abgenommen.

1996 nahmen 9,7 Millionen Patienten in Deutschland Blutdruck senkende Mittel, 2012 waren es 24,7 Millionen. 2003 nahmen 2,17 Mio Patienten Statine, 2012 waren es 4,91 Mio Patienten. Trotz dieser massiven Steigerung an Medikamentenkonsum stieg das statistische Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden von 4 % in 1998 auf 4,7 % in 2011. Das Risiko einen Schlaganfall zu bekommen stieg von 2,6 % auf 2,9 %.

Diese Zahlen ergänzen den ernüchternden Befund, dass Inzidenz und Prävalenz von Herzinsuffizienz in den meisten entwickelten Ländern stetig zunehmen [1]. Trotz moderner Behandlung mit Beta-Blockade und voller Angiotensin-II-Modulation liegt die Fünf-Jahres-Mortalität von Herzinsuffizienz bei über 50% und entspricht der von Krebserkrankungen [2]. Die Wirksamkeit der heutigen Standard-Medikation zur Behandlung der Herzinsuffizienz ist in absoluten Zahlen ausgedrückt nur um wenige Prozentpunkte besser als Placebo [3].

Ständig sinkende Grenzwerte für Blutdruck und Cholesterin haben keinen messbaren Erfolg in der Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen bewirkt. „Wir haben Millionen Gesunde zu Kranken gemacht und verschreiben ihnen Medikamente und Medizintechnik ohne Nutzen“, erklärt die streitbare Dr. Iona Heath, ehemalige Präsidentin des britischen Hausärzteverbandes. Sie fordert eine radikale Kehrtwende –weniger strenge Grenzwerte und stattdessen mehr Zuwendung für die wirklich Kranken statt Panikmache bei Gesunden, denen durch willkürlich festgelegte Grenzwerte suggeriert wird, sie seien krank und bedürften einer umfassenden Medikation.

 

Literatur

[1] Liu L, Eisen HJ. Epidemiology of heart failure and scope of the problem. Cardiol Clin. 2014 Feb;32(1):1-8

[2] Stewart S. Prognosis of patients with heart failure compared with common types of cancer. Heart Fail Monit. 2003;3(3):87-94

[3] Granger CB, McMurray JJ. Using measures of disease progression to determine therapeutic effect: a sirens' song. J Am Coll Cardiol. 2006 Aug 1;48(3):434-437

Artikel letztmalig aktualisiert am 27.08.2014.

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