Wünsch dir was

20.08.2014
Teilen

In den letzten Wochen hatte ich dank Urlaub und Ferien doch ein relativ entspanntes Arbeiten. Jetzt ist die letzte Ferienwoche angebrochen, und wir merken doch deutlich den Strom der nach Hause und zur Arbeit zurückkehrenden Sommerurlauber. Die Praxis läuft wieder voll.  Und nicht nur die Patienten sind zurück, auch die vielen, vielen Sonderwünsche, die wir tagtäglich hören. Ein paar Beispiele aus den letzten Tagen:

Junge, 17 Jahre, kommt heute zu mir: "Ich hatte vor 2,5 Wochen eine Fahrstunde, aber die konnte ich nicht antreten, ich hatte Allergie. Und dafür brauche ich jetzt ein ärztliches Attest. Sonst muss ich die Stunde trotzdem bezahlen."  "Und warum bist du nicht gleich an dem Tag gekommen?" Wir sind noch an dem Tag in den Urlaub gefahren und erst vor 2 Tagen wiedergekommen." Äh ja. Bei aller Liebe, aber eine nachträgliche Krankschreibung für vor über 2 Wochen? Wohl kaum. Zumal der Patient heute das 2. Mal überhaupt in seinem Leben unsere Praxis betreten hat.

Feierabend, ich stehe noch mit den Mädels vor der Praxistür und wir reden über private Themen. Kommt eine Patientin angelaufen:"Ach ist schon zu??" Es war wohlgemerkt bereits kurz vor 19Uhr, die Sprechstunde geht bis 18 Uhr.  Die Patientin erkennt mich: "Ach, ich frag Sie einfach gleich so: Ich brauche nochmal 6x Krankengymnastik, die 6x haben das zwar schon besser gemacht, aber es ist immer gut, sich nochmal begrabbeln zu lassen." Die Patientin hatte nur ein leichtes HWS-Syndrom, und in solch einem Fall bezahlt die Krankenkasse nicht mehr als 6x KG in 12 Wochen, jedenfalls nicht vom Hausarzt und mit einem bestimmten Verordnungsschlüssel. Zugegeben, die Materie ist etwas kompliziert. Ich habe mir also die Mühe gemacht und ihr das geduldig erklärt, welche Möglichkeiten sie jetzt hat usw. Darauf die Patientin: " Ich will aber unbedingt nochmal 6x KG! Ich habe schon die Termine gemacht! Das ist doch IHR Problem, dass müssen SIE doch lösen! Rufen SIE die Kasse an oder irgendwas!" Nach weiteren 10 Minuten Diskussion habe ich entnervt das Gespräch beendet und bin gegangen.

Vor ein paar Tagen Hausbesuch bei einer Patientin, die auf einen Rollator angewiesen ist. Es ging um einen anstehenden, wichtigen Kardiologentermin, weswegen ich mit mehreren Kardiologen telefoniert hatte, um ihr schnellstmöglich einen Termin zu besorgen. Patientin: " Ich möchte nicht nochmal zum Kardiologen."

Ich: "Aber Frau XY, warum denn nicht? Sie wissen doch, Ihre Herzrhythmusstörungen müssen unbedingt weiter behandelt werden und Sie waren doch schon vor zwei Wochen bei ihm und das ging."

Sie: "Das ging eben nicht, wir mussten 3h warten, bis wir dran waren, obwohl wir einen Termin hatten!" Ich: "Darauf habe ich keinen Einfluss, aber wir waren doch froh, dass Sie überhaupt dran gekommen sind usw. usf."

Sie: "Ja, aber wenn ich da nochmal hinsoll, will ich einen Schein fürs Taxi"

Die Patientin wohnt in einem Haus mit zwei ihrer Kinder, die beide ein Auto besitzen und beide nicht berufstätig sind. Normalerweise fährt ein Kind die Mutter zu ihren Arztterminen.

Ich: " Aber Frau XY, letzte Mal hat sie doch auch Ihre Tochter gefahren, warum geht das nicht nochmal? Sie sind nicht so schwer krank und in der Mobilität eingeschränkt, dass die Krankenkasse Ihnen ein Taxi bezahlen würde"

Sie: "Ja, aber meine Tochter hat keine Lust, da solange beim Arzt zu warten und ich auch nicht" An dem Punkt habe ich dann die Tochter hinzugeholt und die Sache auch noch einmal mit ihr erörtet, dass medizinische Leistungen wie auch Krankentransport usw. indiziert sein müssen, und das "Kein Bock auf Wartezeit" keine medizinische oder soziale Diagnose ist. Am Ende hat sie dann eingewilligt, netterweise ihre Mutter noch einmal hinzufahren.

Solche Beispiele erleben wir jeden Tag in unserer Praxis. Wir machen ja vieles möglich und versuchen auch oft, unbürokratisch und schnell Hilfe zu leisten, wo wir können. Und sicher hat das Gesundheitssystem viele, viele Schwächen, aber die "Nehmerqualitäten" und das Anspruchsdenken mancher Patienten erstaunt mich doch immer wieder. Nur nichts selber tun. Wozu ist der Arzt sonst da, wenn nicht zum Wünsche erfüllen?

In diesem Sinne wünsche ich mir selber morgen einen entspannten Arbeitstag mit netten Patienten.

Bildquelle: 9632290_400, thinkstock

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.09.2014.

62 Wertungen (4.47 ø)
4675 Aufrufe
Medizin, Allgemeinmedizin
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
hinter du muss es
#8 am 26.09.2014 von Henriette Engel (Studentin der Humanmedizin)
  0
@Arzt (unten): ja genau, damit machst du richtig besser-Gratulation!
#7 am 26.09.2014 von Henriette Engel (Studentin der Humanmedizin)
  0
Ich meine, statt der vielen Gruselgeschichten, über eigentlich harmlose erkrankungen, sollte den Patienten mal mehr darüber geschrieben werden, was Ihnen eigentlich zusteht und was wirklich krank sein bedeutet...OMG was ist nur los in diesem Land? Nichtsdestotrotz muss sich aber auch an der Ärzteschaft etwas ändern, mehr Zusammenhalt und arbeioten in eine Richtung, sind nur einige zu nennende Dinge...wir müssn uns gemeinsam stark machen, sonst werden die Dummen nur noch über uns lachen...
#6 am 26.09.2014 von Henriette Engel (Studentin der Humanmedizin)
  0
@ Dr. Voigtlaender: Ich beobachte, dass sich paradoxerweise die Patientenzahlen erhöhen, je klarer mein Nein zu unangemessenen Anliegen kommt. So sind meine treuesten Patienten diejenigen, denen ich in der Vergangenheit schon mal die Tür gewiesen habe. Das deckt sich übrigens mit meinen Erfahrungen in der Kindererziehung - klare Grenzen sind wohl in jedem Bereich wichtig.
#5 am 22.08.2014 von Sabine Stawiarski (Heilpraktikerin)
  0
Dr. Dieter Thiel Mit der Bildung geht es stets abwärts und im gleichem Maße werden die Ansprüche und Forderungen immer dreister. Viele Empfänger von Leistungen sind nur darauf bedacht, alles und dann immer sofort erfüllt zu bekommen. Ein bisschen Erfurcht vor den Personen, die die Hilfe nicht aus der Hüfte präsentieren können. Dafür ist das System unseres Körpers mit all seinen Mechanismen doch zu komplex, das es einem auch erlaubt werden darf, nachdenken zu wollen. Auch Pharmaka zur Beruhigung des Patienten zu verordnen, dient nicht der Offenbarung ärztlicher Kunst. Alle schimpfen (von den Medien angestachelt) über die medizinische Versorgung und ihre Akteure, aber wer steht vor dem Spiegel, um seine eigenen Unzulänglichkeiten zu reflektieren.
#4 am 21.08.2014 von Dr. med. Dieter Thiel (Arzt)
  0
Absolute SPITZE !!!!!!! Frau Kollegin, aus VOLLSTEM Herzen gesprochen und ein KLARES NEIN hilft auch öfter . Mein Leitspruch : Entweder man liebt mich oder man hasst mich . Aber das geht NUR mit genug Patientenzahlen.
#3 am 21.08.2014 von Dr. Uwe Voigtlaender (Arzt)
  0
... und weil wir alle immer lächeln und Empathie zeigen, anstatt auch mal Grenzen zu setzen, wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Ich bin aber nicht nur verantwortlich für das, was ich tue, sondern auch für das, was ich unterlasse. Züchten wir sie durch Lächeln zum bösen Spiel nicht selbst heran, die Generation der Schmarotzer und Hypochonder?
#2 am 21.08.2014 von Sabine Stawiarski (Heilpraktikerin)
  0
Arzt
Wir leben im Paradies für Schmarotzer und Hypochonder. Egal, immer lächeln und Empathie zeigen, sonst gibts Post vom Rechtsanwalt.
#1 am 21.08.2014 von Arzt (Gast)
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Heute kam eine Bekannte von mir in die Sprechstunde. Ich schätze sie sehr – als einen vernünftigen, gebildeten mehr...
Bei den ganz Kleinen im Kindergarten habe ich vor allem darüber gesprochen, was ein Arzt so bei der Untersuchung der mehr...
Leider nützen alle Zahlen, Statistiken und Wahrscheinlichkeiten dem einzelnen Patienten recht wenig, wenn er oder mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: