Wo wir stehen

07.07.2014
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Der Begriff "moderne Medizin" taucht in vielerlei Zusammenhang auf. Doch wie gerechtfertigt ist eine solche Selbsteinschätzung?



Allein auf weiter Flur

 

Glaubt man einzelnen Fachdisziplinen, ist es vermutlich nicht mehr weit bis der menschliche Körper vollständig verstanden ist.

Insbesondere in hochtechnisierten und hochspezialisierten Disziplinen entsteht dieser Eindruck. Sei es die Onkologie oder die Neurochirurgie und andere.

Vorletztes Jahr titelte eine der größeren Zeitschriften (Spiegel oder Fokus) mit einem reißerischen Titel im Sinne von "so funktioniert unser Gehirn". Als ich davon erfuhr, saß ich in einem neurowissenschaftlichen Seminar und die Dozenten erzählten uns davon – und lachten kollektiv, genau wie wir.

Alle Anwesenden wussten (und wissen): nichts ist einfach. Im Grunde stehen wir stellenweise gerade erst am Anfang.

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Es ist - mechanistisch gesehen - einfach in einer hochspezialisierten Fachdisziplin immer weiter zu gehen, an die Grenzen des Machbaren. Innerhalb einer solchen Disziplin ist es sicher durchaus möglich zu sagen, dass man irgendwann alles verstanden hat. Aber eben nur in genau diesem Kontext.

 

In so vielen anderen Bereichen jedoch zeigt sich, dass wir im Grunde gerade einmal an der Oberfläche kratzen.

So gibt es selbst nach 30 Jahren molekularbiologischer und virologischer Forschung nachwievor kein Mittel gegen einen banalen Virus-Schnupfen.

 

Ein weiteres Beispiel ist das Claustrum: eine kortikale Struktur, von der bekannt ist, dass sie mit den meisten kortikalen und subkortikalen Regionen in Verbindung steht.

Dennoch ist selbst in großen Standardlehrbüchern nachwievor nur zu lesen: "Zur Funktion ist bisher nichts bekannt".

Lediglich um 2005 herum nahmen sich Crick und Koch des Themas an und werteten Material aus etlichen Jahren aus, um zumindest eine Ist-Analyse durchzuführen.

 

Ebenso sei das Beispiel Diabetes mellitus genommen: inzwischen ist bekannt, dass eine Vielzahl von Ursachen genetische Mutationen zur Folge haben. Wir kennen diese Ursachen, jedoch nicht die Zusammenhänge wie es zu diesen Mutationen kommen kann.

Durch das Aufkommen der Epigenetik als Forschungszweig beginnen wir zu verstehen, dass wir unser Verständnis genetischer Zusammenhänge im Prinzip neu bewerten müssen und sind durch diese neue Erkenntnis in einigen Bereichen sogar deutlich zurückgeworfen worden.


Entschleunigung
 

Es ist nicht auszuschließen, dass weitere Erkenntnisse uns genau wie die Epigenetik vor noch mehr neue Fragen stellen.

In sehr ferner Zukunft wird die Astrobiologie vermutlich genauso ganze Bandbreiten an neuen Fragen aufwerfen wie das Voranschreiten des Verständnisses der Zusammenhänge in der Paläoanthropologie.

Die Neurowissenschaft als eigenes Feld ist heute ein Fach mit bröckelndem Selbstbewusstsein, da auf der einen Seite mehr und mehr molekulare Grundlagen aufgedeckt werden, aber andererseits diese mit der Psychologie teilweise in Konflikt stehen und zu neuen, unangenehmen Fragen führen.

So waren es Neurowissenschaftler wie Stephan Schleim und andere, welche die Frage nach der tatsächlichen Macht über unsere Handlungen auch zum Gegenstand juristischer Überlegungen machten.

 

Ergänz wird das durch den starken menschlichen Drang, Technologie einzusetzen, um den Menschen effektiver zu machen und zu gestalten. Die Strömungen des Transhumanismus sehen das gar als eine Notwendigkeit an.

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So steht auf der einen Seite die Erkenntnis, dass wir mit unserem Wissen im Prinzip erst am Anfang stehen. Auf der anderen Seite befindet sich der Wunsch, der innere Drang, Technologie und Fortschritt zu nutzen um den Menschen und seine Umwelt zu verbessern.

Zyniker könnten meinen, hier träfe die Arroganz einer Person die einen Raketenwerfer in der Hand hat, auf die Unwissenheit welchen Schaden dieser anrichtet, wenn er auf eine Blechdose abgefeuert wird.

Vorwärts

 

Bei historischer Betrachtung könnte man sagen, die Menscheit befindet sich an der Schwelle zum "zweiten Zeitalter". Als das erste kann man die Entwicklung bis heute ansehen – aus den Höhlen in die Hochhäuser.

Das zweite Zeitalter wäre das der Hochtechnologie und der Erneuerung der gesellschaftlichen Strukturen, welche mit dem Versiegen der Quellen fossiler Brennstoffe einhergeht.

Dass dieses kommt ist unumgänglich. Der Club of Rome hat eine mögliche Projektion dieser Gesellschaftsform in seinem aktuellen Bericht vorgestellt.

Aus Sicht der Zukunftsforschung wäre das dritte Zeitalter das der aktiven Erforschung und Kolonisierung des Raumes innerhalb und später außerhalb des Sonnensystems. Der ganz frühe Beginn dessen ist das gestartete Projekt zur Besiedlung des Mars ab 2025 ("Mars One").

In der Mitte all dessen steht die Medizin. Sie hat nach westlichem Verständnis der Welt den Auftrag, die Gesundheit der Bevölkerung zu sichern und zu erhalten (bzw. im Krisenfalle wiederherzustellen), ist aber letztlich an all die genannten Entwicklungen gekoppelt.

Anders als es gerne gesehen wird, ist sie keine eigenständige Einheit, sondern zu einem Großteil auf die Forschung, Entwicklung und natürlich die finanziellen Mittel anderer angewiesen. Zum Vergleich: die dem diametral gegenüberstehende Waffenindustrie ist auf niemanden finanziell angewiesen (mit Ausnahme der Käufer selbst). Ihre Budgets sind derart groß, dass sie nach eigenem Ermessen arbeiten – und im Rahmen der weltweiten Konflikte eher noch mit Wachstum rechnen kann.

Zudem werden ihre Forschunsgelder von Universitäten in aller Welt dankend angenommen, sei es in der Materialforschung oder im Bereich der Hoch- und Feinwerktechnologien.

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Die Medizin hingegen wird punktuell bedient. Das liegt in der Natur der Sache. Eine systematische Erforschung von Problemen im Gesamtzusammenhang ist unter den aktuellen Bedingungen praktisch nicht möglich. Gelder werden vor allem diagnosezentriert (bzw. in der Forschung krankheitszentriert) verteilt, was jedoch gerade dem Systematikgedanken widerspricht. Jeder, der schon einmal versucht hat mit der ICD einen Patienten sinnvoll zu kodieren kennt das Problem.
Es lässt sich stellvertretend für die Schwächen des Systems als Beispiel heranziehen.

Natürlich ergibt sich auf der anderen Seite die Frage, wo die Gelder - vor allem in diesem Volumen - sonst herkommen sollten.

 

Moderne Medizin sollte daher besser als "punktuell moderne Medizin" bezeichnet werden, da die Unterschiede in den unterschiedlichen Fachdisziplinen erschreckend (und deutlich zu) groß sind.
Eine Lösung ist nicht in Sicht. Wohl aber, dass der Fokus auf bestimmte Einzeldisziplinen immer stärker wird. Demgegenüber fehlt generalistisches Denken und systematische Herangehensweise.

In der klinischen Medizin zeigt sich das beispielsweise am "Aussterben" der Allgemeininternisten (= Innere Medizin ohne Gebietsbezeichnung) und dem Rückgang der Zulassungen als Allgemeinmediziner.
In einer dystopischen Welt gibt es irgendwann niemanden mehr, der den Patienten begutachtet und überhaupt feststellt, zu welchem Spezialisten er gehört. Das Äquivalent in der Forschungswelt wäre der Verzicht auf alle "unnötige" Forschung und die Konzentration auf das "Wesentliche".

Spätestens dann müsste man den Begriff "modern" noch einmal überdenken. Auf dem Weg in diesen Zustand befinden wir uns bereits in Ansätzen.

 

 

 

 

 

 

Bildnachweise

 

Titelbild:
Klaus Steves  / pixelio.de

Bilder im Text (von oben nach unten):
Lupo  / pixelio.de
Rainer Sturm  / pixelio.de
Klicker  / pixelio.de

Artikel letztmalig aktualisiert am 07.07.2014.

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