Von Kaffeekränzchen, Erbkrankheiten, Unfallchirurgen und Ärzte-"bashing"-Versuchen

02.07.2014
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Ärztliche Diagnosen und Informationen darüber können Betroffene und ihre Angehörigen bzw. Kinder und ihre Eltern seelisch schwer belasten und in psychische Konflikte stürzen. Eine daraus angeblich entstandene Depression einer Mutter muss der Arzt aber nicht verantworten.

In einem konkret verhandelten Fall vor dem Bundesgerichtshof (BGH) war Anfang 2011 bei einem Vater die erblich belastende Erkrankung Chorea Huntington festgestellt worden.

Die gewünschte ärztliche Beratung über Folgen, Risiken und diagnostisch-therapeutische Optionen führten zu einer psychischen Dekompensation bei der genetisch unbelasteten Mutter der beiden Kinder, die dieses familiäre Risiko in sich tragen. Die Mutter lastete dies wiederum dem Arzt an und forderte 15.000 Euro Schmerzensgeld bzw. die Bezahlung aller möglichen Krankheitsfolgen.

Der BGH in Karlsruhe entschied in einem kürzlich veröffentlichten Urteil

Az.: VI ZR 381/13

dass der informierende und aufklärende Arzt für die seelische Erkrankung bzw. Reaktionsbildung n i c h t haften kann, weil dies zu den allgemein zu tragenden Lebens- und Krankheitsrisiken zählt, die jeder eigenverantwortlich bewältigen muss.

"Das war die doofe Tischkante, die mir die Beule gemacht hat!" Haben mir meine Kinder und die kleinen Patienten in der Praxis immer erzählt, wenn sich ihnen ein Hindernis "aggressiv" und „aktiv“ in den Weg gestellt hatte. Die Klage und eine Schadenersatz-Forderung der nach eigenen Angaben informationsgeschädigten Mutter für eine medizinisch vollkommen korrekte Risikoaufklärung sind absolut unsinnig. Dann könnten sich Kaffeekränzchen-Teilnehmerinnen und Teilnehmer untereinander verklagen, weil sie sich gegenseitig von zu schlimmen Krankheiten erzählt hätten.

Diese Zivilklage verletzt auch wesentliche Kausalitätsprinzipien über eine eher infantil gekränkte Schuldzuweisung. Denn jeder Unfallchirurg müsste demnach befürchten, juristisch belangt zu werden, nur weil er beim schweren Polytrauma auf die unvermeidliche Lebensgefahr bei seinem an sich lebensrettenden Eingriff hinweisen würde.

Bildquelle (Außenseite): MIKI Yoshihito, flickr / CC-by

Artikel letztmalig aktualisiert am 04.07.2014.

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Arzt
Fortsetzung: Der gleiche BGH verurteilte vor etlichen Jahren in einem spektakulären Fall durch alle Instanzen ausgerechnet einen völlig korrekt handelnden Praktiker, der einen Patienten wegen offenbar therapeutisch problematischen Kopfschmerzen, wegen "seelischer" Körperverletzung, warum??? jetzt kommts: er hat den Patient zu einem Neurologen überwiesen zum Ausschluss eines Hirntumors. Sein Pech war dabei, dass er gar keinen hatte, aber die Neurologen offenbar an die 6 Wochen stationär danach gesucht haben, das hat ihm Angst gemacht. Warum der BGH ausgerechnet den Hausarzt, aber nicht die stümperhaften Neurologen verurteilt hat, bleibt das Geheimnis der Juristen. Ich hätte den Patient allerdings mit einer solchen Verdachtsdiagnose an einen Neurochirurg geschickt, der ihn sicher NICHT stationär aufgenommen hätte und die Diagnose in einer einzigen CT- oder allenfalls MRT-Untersuchung beantwortet hätte. Also auf hoher See und vor Gericht ... mfG
#2 am 04.07.2014 von Arzt (Gast)
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Arzt
Die Aufregung ist verständlich, lieber Kollege, aber nicht immer waren Aufklärungspolitik und Rechtssprechung so eindeutig, wobei es allerdings für mich EIN NOVUM darstellt, dass nicht der betroffene Patient sondern "ein Dritter" klagt, wer immer das auch sein mag (Frau). Wie im amerikanischen Fernsehen ("alles wird wieder gut") war früher, sehr viel früher, die Rücksichtnahme auf die "Angst" vor der real existierenden Gefahr, bis zu dem leichtsinnigen Spruch eines Operateurs, "das macht bei uns der Pförtner" weit verbreitet. Worauf gerade der BGH diesen Aspekt Jahrzehnte systematisch zurückgestellt hat gegenüber einer rückhaltlosen Aufklärungspflicht, die auch sehr seltene "Komplikationen" mit einzubeziehen hatte, durchaus eine fragwürdige Belastung, wie ich aus langer Praxis im Krankenhaus als Chirurg versichern kann. Nur irrt ein Arzt, wenn er sich auf Juristen verlässt fast immer. Fortsetzung
#1 am 04.07.2014 von Arzt (Gast)
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