"Tomaten auf den Augen?"

26.06.2014
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Ein Doppelblindversuch mit einer 2:1 Verblindung (2 Pat. erhalten Verum und 1 Patient Placebo) mit einer 7-mg-Kapsel Lycopen als rotem Tomatenfarbstoff täglich kann nur dann halbwegs irgendwie signifikante Unterschiede ergeben, wenn ausschließlich Surrogat-Parametern verwendet werden.

Wenn man in einer Placebo-kontrollierten Studie, wie  in PLOS One (2014; doi: 10.1371/journal.pone.0099070) publiziert,  36 Patienten m i t Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Vorgeschichte gegen 36 gesunde Probanden nur 61 Tage lang mit täglich einer 7-mg-Kapsel Lycopen als rotem Tomatenfarbstoff im Doppelblindversuch in einer 2:1 Behandlungs-Allokation gegen Placebo testet, können halbwegs signifikante Unterschiede nur durch konsequenten Einsatz von Surrogat-Parametern errungen werden: 


- Die endothelabhängige Vasodilatation wurde dabei über intraarterielle (sic!) Acetylcholin-Infusionen gemessen und musste für die "endotheliale Dysfunktion" als einzig experimentell bedeutsam signifikantem Parameter herhalten. 

- Die nicht-endothelabhängige Vasodilatation über intraarterielle Infusion von Nitroprussid-Natrium gemessen bzw. die intraarterielle Infusion von N-Methylarginin, um die Aktivität der Stickstoffmonoxid (NO)-Synthase zu messen, brachten keinerlei Wirkungsnachweise von L-Lycopen.

- K e i n e Wirkung zeigten Blutdruck oder Pulswellengeschwindigkeit als Maß für die „Steifigkeit" der Arterien bzw. Lipid- und hsCRP-Spiegel im Vergleich von Lycopen vs. Placebo.

["Forearm responses to intra-arterial infusions of acetylcholine (endothelium-dependent vasodilatation; EDV), sodium nitroprusside (endothelium-independent vasodilatation; EIDV), and NG-monomethyl-L-arginine (basal nitric oxide (NO) synthase activity) were measured using venous plethysmography. …Blood pressure, arterial stiffness, lipids and hsCRP levels were unchanged for lycopene vs. placebo treatment groups ..."]. 

Auch bei Patienten mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist allerdings die "endotheliale Dysfunktion" nach ICD-10-GM in der aktuellen Fassung von 2013 als eigenständiges Krankheitsbild n i c h t vermerkt. Es sei denn, man gibt sich bei der ICD-10 mit der ebenso allgemeinen wie nichtssagenden Codierung „I77.9“, von "small-vessel-disease“ bis zum "arteriellen Gefäßleiden" klassifiziert, zufrieden. 

Die Vermutung, dass die 6-köpfige Autorengruppe neben ihren bekannten Interessenkonflikten in Form ihrer „Nähe“ zur Herstellerfirma von Lycopen vermutlich Tomaten auf den Augen haben könnten, ergibt sich aus der Einleitung ihrer Publikation: Dass eine "Mediterrane Diät" die Krankheitslast für kardiovaskuläre Krankheiten senken würde ["...a ‘Mediterranean diet’ reduces cardiovascular disease (CVD) burden..."], wollen sie isoliert und monokausal einzig und allein auf vermehrten Konsum von Lycopen-Tomatenfarbstoff herunterbrechen?

Foto: „Tomaten auf den Augen“ © Praxis  Dr. med. Thomas G. Schätzler, Dortmund

Abstract der Studie in PLOS One

Bild Außenseite: Ajith Kumar , flickr

Bildquelle: Foto: Copyright Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 29.06.2014.

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"Die Tomate ist mehr als Lykopin". Diesen Satz sprach der Leiter der 5 jährigen, internationalen Forschungsstudie über Tomaten (nicht nur den einen, aktuell bekannten Inhaltsstoff Lykopin!) Dr. Böhm der Uni Jena im Interview im Koch-und Gesundheitsbuch "Tomatenrot+Drachengrün" über die anti-entzündliche Wirkungen der Tomaten. Man beachte: Ein Lebensmittelchemiker, der sich freut über jeden einzelnen Inhaltsstoff, den er isolieren und beforschen kann, weisst darauf hin, dass die Interaktion innerhalb des Lebensmittels und die Bioverfügbarkeit den Ausschlag machen, ob ein noch-so-toller isolierter Wirkstoff beim Menschen das macht, was in der Petrischale beobachtet wird. Tipp: sowohl die anti-entzündliche Wirkkraft wie auch Prostata-Schutz gibt es ganz lecker und einfach: Bio-Tomatenmark auf ein Vollkornbrot, obendrauf Schnittlauch (mit Glucosinolaten und Sulphoraphanen, siehe Fr. Prof. Herr, DKFZ Heidelberg), wirkt, nachweislich.
#2 am 29.06.2014 von Dr. med. Susanne Bihlmaier (Ärztin)
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Peter Huberts
sind die kleinen Cherry- oder die grossen Fleischtomaten gemeint? Spass beiseite: ich bin für die Beiträge in DocCheckNews sehr dankbar!
#1 am 27.06.2014 von Peter Huberts (Gast)
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