Krebsschutz durch Selen?

22.06.2014
Teilen

Viele Krebspräventionsstudien, die durch Substitution von Vitaminen oder Spurenelementen eine Reduktion der Karzinominzidenz nachweisen wollten, zeigten keinen oder teilweise sogar einen gegenteiligen Effekt. Wie sieht es mit Selen aus?

Die individuelle Selen-Versorgung ist unter anderem abhängig von der Selen-Konzentration in den landwirtschaftlich genutzten Böden. In Deutschland liegen die im Blut bestimmten Selen-Werte oft unter dem Referenzbereich von 100–140 µg/l.
 

Eine Korrelation zwischen niedrigen Selenspiegeln und einer erhöhten Krebsinzidenz gilt als gesichert und konnte durch mehrere prospektive Studien belegt werden. Dadurch stellt sich natürlich die Frage, ob eine Selensubstitution das Krebsrisiko senken kann. Eine wissenschaftliche Studie, die den Einfluss einer Selen-Supplemen­tierung (200 µg/Tag über 4,5 Jahre) auf die die Inzidenz von Hautkrebs (Primärer Endpunkt) und anderen Krebsarten (Sekundärer Endpunkt) bei 1312 Studienteilnehmern untersucht, ist die Nutritional Prevention of Cancer Study.

Während für die Inzidenz von Hautkrebs kein Unterschied festgestellt werden konnte, wies die Selen-Gruppe im Vergleich zu Placebo eine insgesamt signifikant niedrigere Krebsinzidenz für alle anderen Lokalisationen auf, insbesondere beim Prostatakarzinom (Hazard-Radio: 0,48 [0,28-0,80]; p<0,0005). Dies wurde auch in einer späteren Subgruppenanalyse der Daten von 1250 Studienteilnehmern bestätigt, die eine längere Follow-Up-Phase untersuchte.

Andererseits zeigt eine Untersuchung des Dana-Farber Cancer Institute, dass eine exogene Selen-Zufuhr den Krankheitsverlauf bei einigen Männern, die bereits an Prostatakrenbs erkrankt sind, verschlechtern kann: Ein höheres Risiko für ein aggressiveres Prostatakarzinom wurde bei Männern mit einer bestimmten genetischen Variante wurde bei 75% der Patienten in dieser Studie gefunden. Bei diesen Männern war ein hoher Selen-Spiegel mit einem zweifach erhöhten Risko für ein schlechtes Outcome verbunden als bei Männern mit niedrigem Selen-Spiegel. Für diese Männer wäre eine Selen-Subtitution also wahrscheinlich schädlich.

Es bleibt also schwierig.

 

Literatur:

Clark LC, Combs GF, Jr., Turnbull BW et al. Effects of selenium supplementation for cancer prevention in patients with carcinoma of the skin. A randomized controlled trial. Nutritional Prevention of Cancer Study Group. JAMA 1996; 276: 1957-1963.
 
Duffield-Lillico AJ, Reid ME, Turnbull BW et al. Baseline characteristics and the effect of selenium supplementation on cancer incidence in a randomized clinical trial: a summary report of the Nutritional Prevention of Cancer Trial. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2002; 11: 630-639.
 
Dana-Farber Cancer Institute. "Selenium Intake May Worsen Prostate Cancer In Some, Study Reports." ScienceDaily. ScienceDaily, 27 June 2009.
 
Bildquelle (Außenseite): Tomihahndorf, wikimedia.org

Bildquelle: Benjamin Klack / pixelio.de

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.07.2014.

71 Wertungen (4.58 ø)
9151 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
@Dr. Bayerl: Die Google-Abfrage "cancer prayer" ergibt 51.200.000 Einträge. Amen.
#13 am 23.07.2014 von Gast (Gast)
  0
Gast
#12 am 08.07.2014 von Gast
  0
Dr.Bayerl
Eine medline Anfrage für die Kombination von "selenium cancer" ergibt bereits 4242 Treffer und darunter auch sehr deutliche Wirkungen bei Krebszellen, so dass ich davon ausgehe, dass die Pharmaindustrie schon an einem "patentierbaren" Derivat als "Krebsmedikament" bastelt. Es ist allerdings nicht ganz einfach ein Spurenelement zu patentieren. Das sollte einen stoffwechselinteressierten Dr. aber nicht davon abhalten selbst nachzudenken und am Einzelfall orientiert mit Blutwertkontrolle einzugreifen. Definitive Erkrankungen bei Selenmangel sind ausreichend bekannt.
#11 am 05.07.2014 von Dr.Bayerl (Gast)
  0
Dr.Bayerl
Bei einem essentiellen Spurenelement, dessen biochemische Funktion zudem weitgehend bekannt und MESSBAR ist, (selenabhängigen Enzyme: glutathione peroxidase activity, glutathione reductase activity, catalase activity, Na(+)/K(+)-ATPase activity, and glutathione S transferase activity), geht es bei der Frage einer evtl. Substitution nicht nur um Krebs, das keine einheitliche Krankheit darstellt und alle möglichen Ursachen hat, auch wenn ein solcher Zusammenhang spannend ist. Schon die Selenwirkung steht nicht allein, sondern in Wechselwirkung z.B. zu Vit.E. (tocopherol), dessen Überdosierung bekanntermaßen auch zu vermeiden ist. Vit E wird ja gerne bei Lebensmitteln als zugelassenes Antioxidationsmittel (E 306) verwendet, was der Käufer nicht weis.
#10 am 05.07.2014 von Dr.Bayerl (Gast)
  0
Ergänzung: Die Vergiftung (Überdosierung) war bei Selen (durch Bodenbelastung irgendwo in Asien) viel früher bekannt als die essentielle (lebenswichtige) biologische Wirkung.
#9 am 05.07.2014 von Gast (Gast)
  0
@Andreas Rheinländer, wenn etwas rational und naturwissenschaftlich "nützlich" ist, dann ist es das "Messen", also die Bestimmung des Blutspiegels, zumal das recht leicht ist und keine ganze Uni-Mannschaft erfordert. Entsprechend "zertifizierte" Labors können bei definierten "Normalwerten" über Zahlenmaterial verfügen, das allgemein UNTERSCHÄTZT wird. Ich denke, darauf kann man sich verlassen, zumal immer ein Bereich definiert wird (74-139 µg/l). Klar ist das "wenig", aber deshalb weder unwichtig noch ungenau, bei Jod, ebenso ein Spurenelement ist die Konzentration NOCH GERINGER und keiner wird wohl abstreiten, dass es hier ein zu viel ebenso wie ein zuwenig bei diesen winzigen Mengen gibt. Wem die Serumblutspiegel nicht reichen (wissenschaftlicher Anspruch), der kann (in beiden Fällen) noch die Gesammtausscheidung im Urin bestimmen, natürlich im penibel gesammelten 24h-Urin.
#8 am 05.07.2014 von Gast (Gast)
  0
Selen ist ein Spurenelement. Das ist unstrittig. Ob und inwieweit es Auswirkungen auf die Prävention oder den Verlauf maligner Erkrankungen hat kann mit so winzigen Testgruppen mit einigen tausend Teilnehmern nicht geklärt werden. Wie bei allen essentiellen Stoffen sind Normwerte zunächst lediglich rechnerischer Natur. Die interindividuellen Unterschiede sind zu groß, als dass man daraus "neue" therapeutische Konsequenzen ziehen könnte. Zudem wären langfristig angelegte Studien (Jahreszeiträume) mit sehr großen Testgruppen nötig, um überhaupt verwertbare Ergebnisse zu erzielen. Diese müssten dann auch noch regionalspezifisch sein, da durch kulturelle Unterschiede in verschiedenen Teilen der Welt auch das Heil- und Therapieverhalten ein anderes ist. Pauschales Einstellen auf bestimmte Blutspiegel ist vollkommen nutzlos und ohne jeden kausalen Zusammenhang.
#7 am 26.06.2014 von Andreas Rheinländer (Student der Humanmedizin)
  0
War Selen nicht der Stoff, der bei Schwermetallentgiftung heiß diskutiert wird? Könnte Krebs dann vielleicht doch eine direkte Folge von Umweltbelastungen sein? Wie bei allen Untersuchungen ist doch hier wieder einmal der versuchsaufbau so gestaltet, dass eigentlich keinerlei Rückschlüsse daraus gezogen werden dürften. Man kann in einem komplexen System einfach kein einzelnes Element untersuchen, weil es kein einfaches Ursache-Wirkungsprinzip gibt, denn es gibt immer Veränderungen im System mit vielfältigen Auswirkungen. Mal 20 bis 30 zusätzliche Faktoren in so eine Untersuchung miteinzubeziehen wäre schön, die dafür nötigen Rechnerleistungen haben wir inzwischen doch auch zur Verfügung. Krebsschutz erreicht man durch eine ganze Reihe anderer Faktoren, angefangen bei gesunder Ernährung, Meidung von Umweltgiften oder Stress (physisch und psychisch), Stärkung des Immunsystems (sprich Darmgesundheit), Entzündungsherde etc. Als vorbeugende Maßnahmen gegen eine Krebserkrankung geht es bei der Optimierung der Immunabwehr auch nicht nur um stoffliche Elemente, wie Mineralien, Spurenelemente oder Vitamine, sondern auch um Sport, Balance von Spannung und Entspannung, etc. Bei der Vielzahl der Faktoren dürfte Selen als einzelner Parameter zumindest für den klinischen Bereich wohl kaum relevant sein.
#6 am 25.06.2014 von Gast (Gast)
  0
Es ist wie immer wieder zu beobachten: Keiner liest die Studien genau!!! Wie hoch waren die Ausgangswerte der Männer? (Hoch! Hätten womöglich gar nicht substituiert werden müssen?) Womit wurde substituiert? Mit Selenhefe, die kumuliert, im Gegensatz zu Natriumselenit, und führt dann bei hohen Ausgangswerten durchaus zu Intoxikationen. Also nicht Äpfwl mit Birnen vergleichen, und auch den Misthaufen, auf dem sie gedeihen, genau analysieren. Nicht nur wir Terapeuten müssen Informationen genau hinterfragen, auch die Journaille muss endlich lesen und hinterfragen!
#5 am 23.06.2014 von Jürgen Wolf (Arzt)
  0
Ich denke das Hauptproblem ist tatsächlich die individuelle Dosisfindung. Eine Möglichkeit, die wir in meiner Praxis seit Jahren nutzen, ist der Selen-Vollblutspiegel, hier orientieren wir uns an einem Wert von 200mcg/l., also ein Stück höher als die üblicherweise bei Vollblutdiagnostik angegebene Obergrenze von 150mcg/l. Diese Werte sind mit Na-Selenit schwierig zu erreichen, jedenfalls ist das meine Beobachtung. Organisches Selen (z.B. Selenhefe) scheint hinsichtlich des Erreichens des o.g. Vollblutspiegels wesentlich biverfügbarer zu sein, man sieht aber nach einigen Wochen nicht selten eine Kumulation und muss dann herunterdosieren. Mit diesem Prozedere sehen wir in der Praxis bei Autoimmunopathien in Verbindung mit einer Vitamin D Therapie oft einen Antikörperrückgang. Und dann sind wir schon beim zweiten Problem: Die Mikronährstoffe, speziell die Antioxidantien, wirken teils synergistisch, speziell was das quenchen der ROS angeht (z.B. Vitamin E und Vitamin C).
#4 am 23.06.2014 von HP Dirk-Rüdiger Noschinski (Heilpraktiker)
  0
Wenn man schon zu so etwas rel. seltene greift, bitte den Blutspiegel bestimmen. Nur wenn er erniedrigt ist, geben. Ist allerdings oft erniedrigt.
#3 am 23.06.2014 von Gast (Gast)
  0
Ich denke bei den 200 µg/Tag handelt es sich um organisch gebundenes Selen, welches in den ueblichen Nahrungsergaenzungsmitteln enthalten ist und nicht um Natriumselenit. Die Aufnahme und Verstoffwechselung ist unterschiedlich. Ich gebe es bei Patienten unter Radiotherapie/Chemotherapie zur Verbesserung des DNS Repair.
#2 am 23.06.2014 von Dr. med. Jutta Heinz (Ärztin)
  0
200 µg/Tag über 4,5 Jahre scheint mir als Menge bezogen auf dem Bedraf eines Erwachsenen von 50 - 70 µg doch sehr hoch. Die Frage wäre also , ob 200 µg oder mehr für die die Verschlechterung bei Prostata Ca zu gelten haben. Empfohlen wird im allgemeinen nach meiner Information nur die Hälfte als Substitution.
#1 am 23.06.2014 von Dr. med. Wolfgang Knüll (Arzt)
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Finasterid ist ein selektiver Inhibitor des Enzyms Steroid-5-Alpha-Reduktase. Durch seine strukturelle Ähnlichkeit mehr...
„Ich hab da ein Problem.“ Dem jungen Mann (19 J.) , der vor mir in unserer andrologischen Sprechstunde sitzt, mehr...
Herr R. ist 63 Jahre alt und wird von seinem behandelnden Urologen zur Prostatastanzbiopsie ambulant zugewiesen. mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: