Pädagogische Maßnahmen

18.06.2014
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Letzten Montag gegen 11 Uhr kam ein junger Mann in die Sprechstunde.  Verbundene Handknöchel, eine Fahne bis zum Fenster und sehr flapsig. Ich fragte ihn, was los sei. Joah, er hätte die Nacht davor mal wieder im Suff gegen einen Schrank geboxt. Nun sind die Handknöchel dick geschwollen, so kann er natürlich nicht in seinem Handwerkerberuf arbeiten gehen. Vor genau 2 Wochen war er mit derselben Geschichte und geschwollenen Handknöcheln an der anderen Hand zu mir gekommen. Auf meine Frage, ob es öfters vorkomme, dass er unbescholtene Schränke vermöbelt, erntete ich nur ein Grinsen. Wahrscheinlich war es gar kein Schrank, sondern ein anderer Mensch.

Also wieder dasselbe Prozedere abgespult, Röntgen, Verband und AU für 3 Tage, denn seine Finger waren so dick geschwollen, dass er beim besten Willen nicht damit arbeiten gehen konnte.

Am Freitag kam er dann wieder zu mir, wieder mit Fahne. Er wäre dann doch mal gestern beim Röntgen gewesen, die Bilder hatte er dabei. Auf die Frage, warum er nicht gleich am Montag zum Röntgen gegangen war, nur Schulterzucken.

Ein Blick auf das Bild genügte mir. Fraktur des Os metatarsale V, eingestaucht und abgekippt. Ein Fall für den Handchirurgen. Das teilte ich ihm auch mit, worauf ich wieder nur ein Grinsen erntete. "Och, najaaaa, so ne kleine OP, wat macht dat schon" und "Ach, dann kann ich bestimmt erstmal ne ganze Weile nicht arbeiten gehen, oder? Hähähä schön."

Da überkam mich der starke Wunsch, einmal meine Faust zu nehmen und einfach reinzuschlagen. Sozusagen als pädagogische Maßnahme. Habe ich natürlich nicht gemacht. Ich habe es mir auch nicht anmerken lassen.

Aber ich habe danach darüber nachgedacht, was dieser Patient das Gesundheitssystem kostet, für eine Verletzung, die er sich selbst zugefügt hat. Da es das zweite Mal war, gehe ich davon aus, dass er wusste, welches Risiko man eingeht, wenn man ohne Sinn und Verstand auf irgendetwas raufboxt. Nach soviel Dummheit sich dann auch noch zu freuen, dass man jetzt krankgeschrieben wird und noch mehr Zeit für Dummheiten hat, ist eigentlich nur noch frech.

Eigentlich müsste er sich an den Kosten für die OP, Arbeitsausfall etc. beteiligen, stattdessen profitiert er in seinen Augen nur: bezahlter "Urlaub" extra für den Preis von ein bißchen OP.

Sicher, ich weiß, das solche "pädagogischen Maßnahmen" wie Beteiligung an den Kosten nicht möglich sind, und das ist vielleicht auch ganz gut so.

Trotzdem, bei soviel Arroganz, Ignoranz und fehlendem Unrechtsbewusstsein, wünschte ich, dass es doch ein paar "pädagogische Maßnahmen" gebe, die man anwenden könnte, außer der Standpauke und einer eher knapp bemessenen Krankschreibung.

Zum Glück sind die meisten Patienten nicht so, sonst würde ich mir wirklich Sorgen um unsere Zukunft und unsere Gesellschaft machen.

 

Bildquelle: arthurorskis, thinkstock

Artikel letztmalig aktualisiert am 19.07.2014.

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Rettungsassistent
Oft komen diese Personen leider aus Sozial schwachen Familien. Wieviele Menschen missbrauchen unseren sozialstaat Tagtäglich??? Wir sind keine Legislative / Judikative / Exekutive und ich find es auch besser so! Herr Mednyanszky hat es richtig erkannt ;)
#8 am 19.07.2014 von Rettungsassistent
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#6 na klar, welcher Unfallchirurg kennt denn einen kunstvollen Iselin-Verband? Besser als eine Op.
#7 am 21.06.2014 von Gast (Gast)
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Gast
Os metatarsale V ein Fall für den Handchirurgen? ;)
#6 am 21.06.2014 von Gast
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@Stud Edith Meyer, vielleicht ist seine Freundin weggelaufen und er hat deshalb gesoffen. Besser der Schrank als die Freundin.
#5 am 21.06.2014 von Gast (Gast)
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Es täte vielleicht gut, so ein Jüngling zu einem Berufsberatungsinstitut zu schicken. Mindestens mal heraus zu finden, was er sich für einen verwirklichbaren Beruf vorstellt. Und ob die familiären Verhältnisse für ihn tragbar sind. Kindes-und Erwachsenenschutzbehörden kontaktieren, auch wegen Alkoholmissbrauchs? Sie schicken denn bestimmt einen Sozialarbeiter vorbei! Gegebenenfalls liegt ein Sozial- oder Krankenversicherungsmissbrauch vor. In der Schweiz wird momentan diskutiert, ob Hausärzte irgendwelche Missbräuche ( auch Veränderungen im Status des Versicherten) den Versicherungen mitteilen sollten. Die Frage nach dem Wohlbefinden des Patienten bleibt aber bestimmt vordergründig für den Arzt. Ihn auf den Leim gehen, damit er zu reden anfängt...
#4 am 18.06.2014 von Stud Edith Meyer (Studentin der Humanmedizin)
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Im Prinzip ist die Kritik an selbstverursachtem Verhalten korrekt. Jedoch ist die Forderung nach Sanktionen einseitig und nicht weit genug gedacht. Die tiefgreifendere Frage ist, was den jungen Mann überhaupt dazu bewegt sich so zu verhalten und wie man dem begegnen und es ändern kann.
#3 am 18.06.2014 von Andreas Rheinländer (Student der Humanmedizin)
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Ihre Aufregung in allen Ehren, aber müssten sie sich dann nicht auch gleichermaßen über jeden Raucher und die Gesundheitskosten, die er mit dieser Angewohnheit selbst verursacht derart aufregen?
#2 am 18.06.2014 von Benjamin Buck (Student der Humanmedizin)
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Das ist selbstgefährdendes und selbstverletzendes Verhalten, das häufige Betrinken eine Betäubungsstrategie und der Unwillen zu arbeiten kindlicher Trotz. Pädagogik wäre hier vor allem in Form einer Psychotherapie angebracht. Gewalt gegen Gewalt bringt nichts und Bestrafung nur insofern, wenn sie verstanden und akzeptiert werden kann und einen Wunsch zur Änderung motiviert.
#1 am 18.06.2014 von Andreas Mednyánszky (Student der Humanmedizin)
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