Prävention als Ausfahrt aus der "Krankheitsgesellschaft"?

15.06.2014
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Möglichkeiten und Grenzen des geplanten "Bundes-Präventionsgesetzes" werden in der "Gesundheits"-politischen Diskussion unzulässiger Weise mit "Früherkennung von Krankheiten" vermengt. Der Sinnspruch "Krankheiten zu verhindern, ist allemal besser als sie zu heilen", ist populistisch irreführend – die berufsspezifische Lebenswelt von Ärztinnen und Ärzten in Klinik und Praxis trifft er nicht!

Nichtmedizinern und der eher Medizin-bildungsfern agierenden Politik empfehle ich die unvoreingenommene Betrachtung der US-TV-Serie „Emergency Room“. Wie ein Taifun brechen dort Krankheiten, Infekte, Unfälle, Sterbesituationen, Akutdiagnostik, Notoperationen, Seuchenalarm, Not-, Krisen- und Katastrophensituationen über das Team um Dr. Green und seine Nachfolger/-innen herein; selbst George Clooney entgleisten die damals noch faltenfreien Gesichtszüge.

In der Realität ist es dramatischer. In der Not-Aufnahme der Universitätsklinik „Bergmannsheil“ der Bochumer RUB sieht es manchmal schlimm aus. Im Klinikum Dortmund (KLIDO), dem Haus der Maximalversorgung und mit 24 Fachkliniken und 1.559 Betten zweitgrößtes kommunales Krankenhaus in Deutschland, erleben Mitarbeiter/-innen mehrfach täglich "Land unter". Dito im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn, das erst kürzlich ein Beispiel seiner Notfall-Versorgungskapazität illustriert hat - http://www.springermedizin.de/traumatische-brustwirbelkoerperdislokation/4930892.html

Fürs Deutsche-TV produzierte Arztserien pendeln seit der "Schwarzwald-Klinik" zwischen kommunikativ-psychotherapeutischem Kaffeetrinken, öffentlicher Ehe- und Lebensberatung bzw. Suizid- und Suchtabklärung auf dem Klinikflur und Selbsterfahrung auf dem Petzi-Ball. Leichtes Tätscheln des Thorax mit einer Dreißiger-Frequenz bei der maximal 45 Sekunden dauernden kardiopulmonalen Reanimation (CPR) mit achselzuckendem Aufgeben und dem obligatorischen Blick auf die Wanduhr fürs Protokoll sind die Regel. Wenn nicht gerade der Schwenk zum nächsten "take" im OP mit differenzial-diagnostischen Kontemplationen angesichts einer explorativen Laparotomie erfolgt. 

In der Realität gibt es schätzungsweise 30.000 bekannte Krankheits-Entitäten, und täglich werden uns Medizinern mehr bewusst: "Von den ca. 30.000 bekannten Krankheiten werden über 7.000 zu den 'Seltenen Erkrankungen' gezählt" - http://www.bmbf.de/de/1109.php  Davon sind nur ein Bruchteil und auch nur der Schwerpunkt „Zivilisationskrankheiten“ primär-präventiv verhinderbar. 

Impfungen als medizinische Primärprävention funktionieren insgesamt sehr gut, wenn sozial ausreichend akzeptierte Impf-B e r e i t s c h a f t und eine entsprechende Durchimpfungsrate zusammentreffen. Isolierte Ausbrüche von Polio-Erkrankungen bei einer Sekte mit prinzipieller Impfgegnerschaft in den Niederlanden, kleinräumige Epidemien bei den „Amish-People“ in den USA, Masern-Ausbrüche bei mangelhafter Impfstoff-Wirkung oder unzureichender Zweit-Impfungsrate in Duisburg, München und Stuttgart bzw. Legionellen-Erkrankungen mit mangelhafter Abwasser-Hygiene in Warstein/NRW sprechen dagegen eine andere Sprache. Weltweite Neuerkrankungen an zahlreichen Influenza-Varianten t r o t z Einsatz von Massenimpfungen und spezifischer Virustatika-Anwendung kommen hinzu. 

Sozial- und seuchenmedizinische Fortschritte waren und sind im Wesentlichen immer noch auf Forschungen und praxisnahe Umsetzungen zurückzuführen, die mit dem Namen von Prof. Robert Koch an der Berliner Charité verbunden sind: Insbesondere bei bakteriell-viralen Erkrankungen, die fäkal-oral durch Kontakt- oder Schmierinfektionen übertragen werden, durch verbesserte Trink-, Brauch- und Abwasser- bzw. Toiletten- und Waschhygiene ("nach dem Klo und vor dem Essen wird immer noch viel zu oft das Händewaschen vergessen"), kam es unmittelbar nach deren Einführung und Propagierung zu einem deutlichen Rückgang von Typhus, Cholera, Paratyphus und Hepatitis A. Das damalige gesetzliche Verbot von „Spuckschüsseln“ im öffentlichen Raum trug zur Hygiene bei. Das öffentliche Ausspucken wird aber heutzutage durch unsere männlichen Fußballstars (im G e g e n s a t z zum Frauenfußball) auf dem grünen Rasen perseverierend perfektioniert und gesellschaftlich wieder salonfähig gemacht. 

Sexuell übertragbare („STD“) oder primär aerogen übertragbare Erkrankungen (Pocken, Varizellen, Influenza, TBC etc.) sind weitgehend resistent gegenüber allgemeinen Verbesserungen des Wohnumfeldes, des kollektiven Volkswohlstands und der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen (z. B. im Kohle-Bergbau). Da haben tatsächlich Impfungen (historisch: Scarifikation mit Kuhpocken durch Dr. Jenner) aus medizinischer Sicht zur Eindämmung von Epidemiegefahren ihren Schwerpunkt. 

Medizinerinnen und Mediziner beschäftigen sich professionell und schwerpunktmäßig mit Anatomie, (Patho-)Physiologie, Biochemie, Nosologie und Krankheitsepidemiologie. Unsere Sozialisation in (Grundlagen)-Forschung, Wissenschaft und angewandter Medizin auf den Gebieten der Psychiatrie, Psychosomatik und Somatik mit ambulant/stationärer Versorgungspraxis in Kliniken auf Stationen und Funktionsabteilungen, in der Niederlassung als Haus-, Fach- und Spezialarzt hat im Wesentlichen nur ein Ziel: Erkennung, Untersuchung, Diagnostik, Therapie und Palliation von K r a n k h e i t e n prozess- und ergebnisqualitätsmäßig zu etablieren, zu optimieren und möglichst weitgehend fehler-, schaden- und nebenwirkungsfrei zu gestalten. 

Dass wir dabei p r i m ä r über eine wie auch immer geartete Expertise der Primärprävention verfügen könnten, ist eine ebenso populäre wie irrige Annahme. Populär deshalb, weil es viele Kolleginnen und Kollegen s e l b s t sind, die in omnipotenter Verkennung ihrer eigenen Begrenztheit ärztlich diagnostisch-therapeutischer Fähigkeiten meinen, die Verhütung und Verhinderung von Krankheiten selbst, sozusagen als präventiologisches „Abfallprodukt“, a u c h noch „mit links“ erledigen zu können. 

Irrig deshalb, weil die anderen Humanwissenschaften nur darauf warten, dass sich die Prävention in den Händen von Ärzten a l l e i n e als stumpfes Schwert erweist: Prävention ist für uns Medizinerinnen und Mediziner letztlich ein äußerst ambivalenter, uns selbst und alles andere in Frage stellender Wunschtraum: Unserer Profession und unserem Selbstverständnis wesensfremd. Wer tagtäglich mit unvorhersehbar hereinbrechenden Zell-, Organ- und Strukturveränderungen, pathologischen Prozessen und Manifestationen konfrontiert ist, kann sich nicht gleichzeitig empathisch einfühlen in eine Welt, die von zuvorkommender, rational geplanter, systematisch vorsorgender, rein vernunftgesteuerter Be- und Verhütungsperspektive begleitet werden soll.

Die Fahrtrichtung der Prävention als A u s f a h r t aus der "Krankheitsgesellschaft" antizipiert rationale, manchmal auch überbehütende Verhaltensweisen. Konträr zur potenziell krankmachenden Risiko- und Spaßgesellschaft, die genießen, konsumieren und unterhalten werden will. Echt effektiv wirksame Primär- und Sekundärprävention muss mit lust- und freudvoll gelebter Lebenswirklichkeit in Kindergarten, Hort, Schule, Beruf, Freizeit, Familie und in der „Peer-Group“ als Orte primärer und sekundärer Sozialisation zusammenfallen.

Der als E i n f a h r t in die "Krankheitsgesellschaft" häufige, aber zeitlich viel zu kurze, diagnostisch bzw. -therapeutisch geprägte und oft hektische Patienten-Arzt-Kontakt in Klinik und Praxis ist prinzipiell n i c h t der richtige Ansatz zur Umsetzung von prioritären Gesundheitszielen. Deshalb kann man grundsätzlich erfolgreiche Präventionsbemühungen primär nicht bei den Ärztinnen und Ärzten in ihren Praxen, MVZs, Kliniken und Klinikambulanzen verorten. 

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund 

Foto: "Einfahrt über die Ausfahrt" Copyright Praxis Dr. Schätzler

Bildquelle (Außenseite): spinster cardigan, flickr / CC-by

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.06.2014.

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Herzlichen Dank an die zahlreichen Kommentatoren, deren unterschiedliche Positionen ich nicht immer teile, aber umso mehr respektiere. Bei Gast #7 muss ich allerdings widersprechen, weil hier ein semantisch-inhaltliches Missverständnis vorliegt. Denn ich habe gerade den G e g e n s a t z zu meiner empathisch-diagnostisch-kurativ-palliativen Medizin gegenüber einer rationalen, systematisch vorsorgenden, rein Vernunft gesteuerten Be- und Verhütungsperspektive von Prävention herauszuarbeiten versucht. Und gerade weil Prävention meist wenig empathisch daher kommt, scheitert sie so häufig im Ansatz. Auf nationalen und internationalen Ärzte-Fortbildungskongressen mit verbreitetem Übergewicht, massivem Bewegungsmangel und falschen Ess-, Trink-, Rauch- und Alkoholgewohnheiten der Teilnehmer/-innen immer wieder zu besichtigen. MfG
#9 am 28.06.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Dr.med Marco van Gansewinkel, völlig richtig! Life-stile ist quantitativ der wichtigste Faktor, wichtiger als die Ausrede "Genetik", Frau @Silke Schuster, Sie scheinen was gegen Sport zu haben. Statistisch am gefährlichsten ist noch der private Haushalt. und die "Reichsten", lieber Herr Gast#3, sind meist die "Gesundheitsbewusstesten", gehen SELTENER zum Arzt, rauchen und saufen WENIGER, treiben mehr Sport, vielleicht sind sie ja deshalb reicher, nicht umgekehrt.
#8 am 17.06.2014 von Gast (Gast)
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Gast
"Unserer Profession und unserem Selbstverständnis wesensfremd. Wer tagtäglich mit unvorhersehbar hereinbrechenden Zell-, Organ- und Strukturveränderungen, pathologischen Prozessen und Manifestationen konfrontiert ist, kann sich nicht gleichzeitig empathisch einfühlen in eine Welt, die von zuvorkommender, rational geplanter, systematisch vorsorgender, rein vernunftgesteuerter Be- und Verhütungsperspektive begleitet werden soll." Herr Dr. Schätzler: Sie reden einer Medizin ohne Empathie das Wort, also einer Medizin als bloßes Geschäftsmodel, da fehlen mir doch glatt die Worte!
#7 am 17.06.2014 von Gast
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@ Dr v Gansewinkel Vergessen haben Sie z.B. neben der Impfmüdigkeit Alkoholismus und Drogenkonsum, Motorradfahren/risikoreiche Freizeitbeschäftigungen und SPORTVERLETZUNGEN ! , die statistisch dem Gesundheitssystem wesentlich mehr Kosten verursachen als z.B. Übergewicht und Adiopositas! Dem Arzt kommt die Funktion des Erkennens und Mahnens bezüglich krankheitsfördernder Verhaltensweisen bzw krankheitsauslösender Bedingungen zu. Es ist jedoch unmöglich für den Arzt die Garantie des Umsetzens entsprechender Maßnahmen zu übernehmen. Das ist ein vielschichtiges gesellschaftliches Problem für welches die Politik die Grundvoraussetzungen zur Optimierung gesundheitsfördernder Maßnahmen schaffen muss. Dr. Schätzler danke ich für seine aufschlussreiche Zusammenstellung.
#6 am 17.06.2014 von Silke Schuster (Ärztin)
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@ Dr.v Gansewinkel Ihre Liste eigenverantwortlich vermeidbarer Krankheiten ist Vorurteilsbelastet und unvollständig. Vorurteile betreffend DM II , Hyperurikämie, Adipositas, Hyperlipidämie, Hyperurikämie und pAVK. Diese Krankheiten haben alle einen genetischen Hintergrund und lassen sich mit konsequenter Lebensführung allenfalls herausschieben.
#5 am 17.06.2014 von Silke Schuster (Ärztin)
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Es ist doch vollkommen klar, dass es Krankheiten gibt, die für das Individuum vermeidbar sind. Bei der Information über Wege und Mittel zur Vermeidung spielt der Arzt eine bedeutende Rolle. Das heißt jedoch nicht, dass er allein der Aktive sein muss. Jedem Individuum kommt eine große Verantwortung zuteil. Ich kann nur empfehlen, das Buch des amerikanischen Arztes Augus "Leben ohne Krankheiten" zu lesen. Es geht viel weiter. Und ich meine, dass es den richtigen Weg zeigt, um Krankheiten zu vermeiden. Hier wird nicht pauschal aufgezeigt, was generell zu tun ist, sondern dem Leser wird klar gemacht, dass immer eine vorherige Analyse der INDIVIDUELLEN Situation erfolgen muss. Ein wirklich revolutionierendes Buch, meine ich übereinstimmend mit einigen Rezensenten.
#4 am 17.06.2014 von Dr.-Ing. Werner Ullrich (Medizinphysiker)
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Gast
@Herrn Dr. Gansewinkel Sie sind wohl ein Neoliberaler, vielleicht in der entsprechenden Partei? Nach Ihrem Modell können sich Eigenverantwortung und finanzielle Beteiligung nur die Reichen leisten! Der Rest kann schauen wo er bleibt. Und dass Diabetes II durch eigenverantwortliche Lebensführung immer vermeidbar ist, halte ich für ein Gerücht?
#3 am 17.06.2014 von Gast
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Sonst schätze ich die Beiträge von Schätzler sehr :-) aber hier stimme ich meinem Vorredner zu, wenn nicht der Arzt, wer sonst sollte etwas von gesunder Lebensweise verstehen. Wenn z.B. der Cholesterinspiegel steigt, weil die Zunahme des Körpergewichtes ein gewisses Maß überschritten hat - Cholesterin ist noch keine Krankheit (von Sonderformen mal abgesehen) - sollte der Hinweis nicht fehlen, dass die Ursache vordringlich zu beseitigen wäre (Gewichtsabnahme), manchmal reicht auch mehr Bewegung, statt reflexartig zu "Cholesterinsenkern" zu greifen. Der häufigste Krebs beider Geschlechter, ohne auf die Ursache einzugehen, ist der Dickdarmkrebs, hier hat sich die "Vorsorge"-Coloskopie als außerordentlich wirksam erwiesen (mit evtl. Polypentfernung natürlich). Wenn das keine ärztliche Aufgabe ist? mfG
#2 am 16.06.2014 von Gast (Gast)
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Nicht korrekt. Prävention als Vermeidung von Krankheit zu verstehen ist unscharf. Zudem darf nicht von Verhütung von Krankheit gesprochen werden sondern nur Vermeidung. Die Aufgabe der Vermeidung ist in die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung der Menschen (potentielle Patienten) zu verorten. Eine Präventionsgesellschaft, wie sie dem Autor hoffentlich nicht vorschwebt, ist unfrei und diktatorisch geführt, da diese alle Lebensbereiche mit Regel und Kontrolle belegen muss. Allein die Einforderung der Eigenverantwortung unter finanzieller Beteiligung an den Krankheitskosten wird die Gesellschaft gesünder machen: Fettsucht, Diabetes II, Hyperlipidämie, Hyperurikämie, pAVK, Raucherkrankheiten sind Bsp. vermeidbarer Krankheiten durch eigenverantwortete Lebensführung. Diese Aufgabe einer Prävention ist nicht originäre und doch Bestandteil ärztlichen Handelns. Originäre Aufgabe ist die Früherkennung von Krankheiten, nicht Volkskrankheiten durch fehlerhaft Lebensführung. Dr.med.M.v.G
#1 am 16.06.2014 von Dr.med Marco van Gansewinkel (Arzt)
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