Mortalitäts- und Demenz-Studie im "Kartoffeldruck"-Verfahren?

05.06.2014
Teilen

Diese finnische Studie mit dem Titel: "Late-life cynical distrust, risk of incident dementia, and mortality in a population-based cohort" ist vermutlich im Kartoffeldruck-Verfahren produziert worden. Man schnitzt sich seine Untersuchungsergebnisse mitsamt schlichtem medizinischem Weltbild eines "naiven Empirismus" in die glatte Schnittfläche einer großen Kartoffelhälfte ...

und druckt das ganze dann in einer möglichst renommierten Fachzeitschrift aus. Zynische und misstrauische Lebenseinstellungen sollen demzufolge im Alter angeblich das Risiko, vorzeitig an einer Demenz zu erkranken, um etwa das Dreifache erhöhen und wurden mit einer "Zynismus-Misstrauens-Skala" gemessen. Die negativen Lebenseinstellungen hätten aber keinen nachweisbaren Einfluss auf die Mortalität gehabt (Neurology 2014, online 28. Mai).   

Was hier unter Schlussfolgerungen geboten wird, spottet jeder Beschreibung: "Conclusions: Higher cynical distrust in late life was associated with higher mortality, but this association was explained by socioeconomic position, lifestyle, and health status. Association between cynical distrust and incident dementia became evident when confounders were considered. This novel finding suggests that both psychosocial and lifestyle-related risk factors may be modifiable targets for interventions...”. Höhere M o r t a l i t ä t bei zynischer und misstrauischer Lebenseinstellung im Alter hatten überhaupt nichts miteinander zu tun, sondern waren ausschließlich durch sozioökonomische Positionierung, Lebensstil und gesundheitlichen Status bestimmt.

Beim Auftreten einer D e m e n z waren diese drei letztgenannten Begleitfaktoren im Zusammenhang mit zynischer und misstrauischer Lebenseinstellung im Alter aber angeblich unerheblich. Doch die frisch formulierte, nur scheinbar neue Erkenntnis ["novel finding"] und Evidenz ["Association between cynical distrust and incident dementia became evident"] ruhen auf tönernen Füßen: Unter "Methods" wird faktisch für die Demenzanalyse von 622 Personen mit 46 Fällen von Demenz bzw. für die Mortalitätsanalyse von 1.146 Personen mit 361 Todesfällen berichtet ["...from 622 persons (46 dementia cases) for the dementia analyses and from 1,146 persons (361 deaths) for the mortality analyses."]

Damit lagen die Demenzhäufigkeit nur bei 7,4 Prozent, die Mortalitäts-Rate aber bei 31,5 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass viele Personen aus diesen beiden seltsam willkürlich ausgewählten Studienpopulationen mit zynisch- misstrauischer Lebenseinstellung vorzeitig verstorben sind, noch b e v o r sie überhaupt eine Demenz richtig entwickeln konnten, war also 4,25-fach h ö h e r als die eigentliche Demenz-Inzidenz.

Eine echte "Demenz-Studie", bei der die nach Kartoffeldruck kunstvoll aufgeschichteten Papiere und Pseudo-Theorien wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. 

 

Foto: "Kartoffeldruck" copyright Praxis Dr. Schätzler

 

Bildquelle (Außenseite): Jimmie, flickr / CC-by

Artikel letztmalig aktualisiert am 09.06.2014.

30 Wertungen (4.07 ø)
2233 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Eigentlich lernen wir als Ärzte doch alle, dass nicht die Länge des Lebens, sondern die Lebensqualität das Erstrebenswerte und damit auch Ziel ärztlichen Handelns ist, oder sein sollte. Wer nun gerne den "cynical distrust" liebt, dem sei es doch von Herzen gegönnt. Der politisch mental pseudopädagogische Druck zu uniformierter gleichgeschalteter Lebensführung ist doch zum Kotzen. Die "Grünen" haben mit dem Quatsch begonnen, man hätte sie nie wählen dürfen. Und die "politisch korrekte" Wissenschaft reden ihnen noch nach dem Mund.
#5 am 09.06.2014 von Gast (Gast)
  0
Ist auch ein "mathematisches" Problem, das der "Statistiker" zu beantworten hat: Signifikanz, Standardabweichung. pi mal Daumen reicht dafür die Zahl NICHT. Dann geht es aber erst richtig los: Welche anderen "confounder" beeinflussen noch Demenz-Risiko und Mortalität. Korrelation ist noch keine Kausalität.
#4 am 08.06.2014 von Gast (Gast)
  0
Sie irren, Herr Kollege Wedig: Das ist kein semantisch antiquierter "Federkrieg", sondern ein "Blog-Beitrag"! - Und ich erhebe keinesfalls den Vorwurf der "Fälschung", wie Sie zu antizipieren pflegen, sondern es geht mir ausschließlich um eine fast grenzenlose Naivität und wissenschaftliche Dummheit, mit der hier beliebig gewonnene Studien-Ergebnisse mit irrigen Prämissen und irritierenden Schlussfolgerungen verknüpft werden. Eine Wissenschaftskritik in der Tradition von Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus, London 1922; derselbe: 1963, Suhrkamp, Frankfurt/M, ISBN 978518100127
#3 am 08.06.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
Vorsicht ist geboten, wenn ein literarischer Federkrieg Vorwürfe der Fälschung enthält.
#2 am 08.06.2014 von Dr. med. Martin P. Wedig (Arzt)
  0
Ganz schön zynisch dieser Kommentar - o je! Ein schönes Lehrstück für die EBM-Lehre- Danke für den Hinweis! Was am meisten verwundert ist, dass der Zusammenhang zwischen Hostility-Factor und Mortalität eigentlich ein alter Hut ist. Hier wird dann noch schnell die Demenz als Variable hinzugenommen und fertig ist die bahnbrechende Studie. Bleibt zu hoffen, dass niemand die Praxisimplikationen ernst nimmt: "it is important to acknowledge personality as a factor that may modify the uptake of an intervention program".
#1 am 06.06.2014 von Prof. Dr. Bernd Reuschenbach (Pflegewissenschaftler)
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Die „Spezialisierte Ambulante Schmerzmedizinische Versorgung“ soll als neue Perspektive zu besseren ambulanten mehr...
"AB SOFORT KOMMT MEINE APOTHEKE ZU MIR NACH HAUSE"...  steht da. Komisch, eine ganze Apotheke in so einem kleinen mehr...
Etwa 16.000 Menschen leben im vorindustriellen Lebensstil von der Jagd, dem Fischfang, der Landwirtschaft- und mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: