Spökenkiekerei

19.05.2014
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Wie lange noch? Kaum eine Frage wird von onkologischen Patienten so oft gestellt und ist so schwer zu beantworten wie diese. Mit Prognosen sollte man jedoch zurückhaltend sein.


"Wie lange werde ich damit noch leben?"

Bei Herrn M. (71 J.) wurde gerade ein aggressives, lokal fortgeschrittenes, primär ossär metastsiertes Prostatakarzinom diagnostiziert: Gleason-Score 8. Eigentlich hatte ihn sein behandelnder Urologe nach einem Harnverhalt zur TUR-Prostata zugewiesen, aber aufgrund eines PSA-Wertes von 62,57 ng/ml im Aufnahmelabor hatten wir zunächst eine Prostatastanzbiopsie durchgeführt, welche den Tumorverdacht bestätigt hatte. Die weitere Ausbreitungsdiagnostik (Ganzkörperknochenszintigraphie und Abdomen-CT) hatten eine solitäre Metastase im Bereich des Os ileum sowie multiple pathologosch vergrößerte, parailiakale Lymphknoten gezeigt, also eine palliative Situation, so dass wir eine Androgendeprivationstherapie einleiteten, welche noch durch eine knochenspezifische Therapie (Bisphosphonate oder Denosumab) ergänzt werden soll, sobald der Zahnarzt grünes Licht gibt, und dann doch die Prostata transurethral resezierten. Retrospektiv war diese Metastase bereits in einem vorangegangenen Knochenscan zu sehen, wurde damals jedoch als Sakroileitis bei bekanntem Morbus Bechterew fehlgedeutet und nicht weiter abgeklärt.

Diese Frage war absehbar gewesen. Doch was soll man darauf antworten?

Statistisch gesehen beträgt die mediane Überlebenszeit nach Feststellung von Knochenmetastasen beim Prostatakarzinom zwei bis drei Jahre. Aber die eine Hälfte aller Patienten hat folglich kürzer gelebt und die andere länger. Die Erfahrung zeigt, dass schlecht differenzierte Prostatakarzinome häufig schlechter, aber vor allem kürzer auf eine medikamentöse Tumortherapie ansprechen als gut differenzierte und früher progredient werden.

"Das ist im Einzelfall schwer vorherzusagen", antworte ich also. Ich zitiere die Statistik. "Aber solche Zahlen sagen über Ihren individuellen Fall wenig aus, Herr M., weil wir nicht wissen, wie sich Ihr Prostatakrebs verhalten wird."

Mir ist klar, dass meine Informationen ihm nicht wirklich weiter helfen. Er steht noch mitten im Leben, ist ein erfolgreicher, ansonsten gesunder Geschäftsmann, der trotz seines Rentenalters noch berufstätig ist. Biologisch wirkt er mindestens sechs Jahre jünger.

Also sage ich: "Wir können sicherlich davon ausgehen, dass Ihre Erkrankung für Sie lebensbestimmend sein wird, das heißt die Wahrscheinlich ist hoch, dass Sie eines Tages am Prostatakrebs sterben werden. Nur wann, das kann Ihnen niemand mit Sicherheit sagen. Aber lassen Sie uns erst einmal abwarten, wie Sie auf die Hormonbehandlung ansprechen werden. Sollte der Krebs wieder aktiv werden, müssen wir die Behandlung entsprechend anpassen. Heutzutage gibt es eine Reihe neuer Medikamente, die speziell für Patienten in Ihrer Situation entwickelt wurden und das Überleben verlängern können. Doch im Zentrum unserer Bemühungen sollte vor allem stehen, Ihnen so lange wie möglich eine hohe Lebensqualität zu erhalten."

Herr M. ist nicht glücklich mit meiner wenig konkreten Aussage, akzeptiert aber, dass ich zu keiner exakteren Prognose in der Lage bin.

Wir werden zwangsläufig in Kontakt bleiben.


Sowohl Patienten, als auch deren Angehörige drängen behandelnde Ärzte immer wieder zu Aussagen über die Prognose einer fortgeschrittenen Krebserkrankung. Das ist verständlich, geht es doch um die weitere Lebensplanung.

Trotzdem sollte man sich mit konkreten Angaben zurückhalten, denn Sätze wie "Ihr Mann hat noch ein halbes Jahr" können schnell nach hinten losgehen, sei es dass der Patient bereits nach einem viertel Jahr verstirbt oder nach einem Jahr immer noch am Leben ist. Und auch wenn die 5-Jahres-Überlebensrate eines lymphogen metastasierten Seminoms im Stadium II nahezu 98% beträgt, also exzellent ist (fast eine garantierte Heilung), so hilft dies im Einzelfall nicht, wenn man zu den unglücklichen 2% gehört. Das ist der Fluch der Statistik. Und Totgesagte leben bekanntlich länger.

Prinzipiell sollte der Arzt stets prüfen, wie viel Information der jeweilige Patient wünscht und auch verkraften kann. Studien zeigen, dass die meisten Patienten sich eine vollständige Offenheit in Bezug auf ihre Diagnose, Therapie und Prognose wünschen. Verdrängungsprozesse können jedoch auch dazu führen, dass der Patient zwischen Krankheitseinsicht und Unverständnis schwankt. Angehörige sollten frühzeitig einbezogen werden, da sich komplexe medizinische Informationen gemeinsam besser verarbeiten lassen. Doch sollte es zwischen Angehörigen und Patient kein Informationsvorsprung geben, das heißt, diese sollten nicht mehr wissen als der Betroffene selbst.

Aus meiner Sicht ist es legitim, Statistiken über Heilungschancen und Überlebensraten zu zitieren. Man sollte jedoch dazu sagen, dass es sich eben um allgemeine Aussagen handelt, die nur eingeschränkt auf das Individuum übertragbar sind. Diesen Ansatz kann man durchaus auch positiv vermitteln, ohne dabei falsche Hoffnungen zu wecken. Aussicht auf eine eventuelle Lebensverlängerung bei möglichst hohe Lebensqualität sind in einer palliativen Situation besser als falsche Heilungsversprechen.

Ein über die Schwere seiner Erkrankung aufgeklärter Patient kann Energien und Hoffnungen mobilisieren, die nicht nur für eine Krankheitsbewältigung von Bedeutung sind, sondern auch dabei helfen, eine häufig belastende und nebenwirkungsträchtige onkologische Therapie zu erdulden. Und wer sich über seine eingeschränkte Lebenserwartung im Klaren ist, kann die verbleibende Zeit eventuell auch sinnvoll(er) nutzen.

 

Titelbild: © Rike / PIXELIO.de

Bildquelle (Außenseite): © Nomore3xfive, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.07.2014.

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Eine sehr schöne Reflexion über Patientenaufklärung. Je älter ich als Arzt werde, desto mehr neige ich dazu, die ganze Wahrheit zu sagen, so weit sie mir natürlich selbst bekannt ist. Krebs ist ja so selten nicht. Dabei war es früher nicht selten, gerade bei sehr nahestehenden Angehörigen, das jeder den anderen davor verschonen wollte. Jedoch lebt es sich gerade dann mit der Wahrheit eigentlich leichter, man muss sich nicht verstellen. Dann gibt es imho bei einer Minderheit, die kurz vor dem Ende zunimmt, so etwas wie einen psychologischen Schutzmechanismus, das drohende Ende einfach zu ignorieren und auszublenden. Hier soll man selbstverständlich nicht dazwischen funken, wenn dann wie bei meiner Mutter geäußert wird: ja, wenn es mir wieder etwas besser geht, dann will ich unbedingt noch eine Moselfahrt machen, mit einem Lächeln. mfG
#3 am 08.07.2014 von Gast (Gast)
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100% Zustimmung vom Psychologen. Thomas Litzenburger
#2 am 20.05.2014 von Dipl.-Psych. Thomas Litzenburger (Psychotherapeut)
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Ich sehe das genau so, weil ich auch schon öfters in der Situation von Angehörigen der Kranken gefragt wurde (wie lange glauben sie)! Die Patienten selbst kann man besser aufbauen mit ihrem Leiden umzugehen wie die Angehörigen. Man braucht wirklich Fingerspitzengefühl das man nicht zu viel oder zu wenig Hoffnung macht.Es ist vor allen Dingen wichtig die Psyche des Patienten zu stärken so das er sich mit seinem Leiden auch nicht allein gelassen fühlt. Ein gutes Wort und offenes Ohr kann schon viel helfen.
#1 am 20.05.2014 von Heilpraktikerin Petra Donau (Heilpraktikerin)
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