„Sieh‘ Dich bloß nicht um, der Plumpsack geht um“

16.05.2014
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„Sieh‘ Dich nicht um, der Plumpsack geht um!“ hieß es in meiner Kindheit. Und wer den Plumpsack abkriegte? Pech gehabt! Bei den vielen unsinnigen, kompetenz- und reflexionsbefreiten tagespolitischen Anregungen kann ich die vielen Plumpsäcke gar nicht mehr halten.

Ein Plumpsack des Monats Mai geht an Bundesgesundheitsminister (BGM) Hermann Gröhe: „113.000 leer stehende Betten“ beklagte er wörtlich! Er vergaß dabei zu bedenken, dass am Wochenende Kliniken bis auf Funktionsabteilungen im 3-Schichten-Betrieb mit weniger Personal und Betten-Belegung betrieben werden, weil von Montag bis Freitag der reguläre Volllast-Betrieb läuft. Dass trotz steigender Patientenzahlen, Überalterung und zunehmender Multimorbidität (demografischer Faktor) im Jahres­durchschnitt nur 77 Prozent der Kapazitäten in den Kliniken ausgelastet seien, bedeutet für den BGM, dass von den rund 501.000 Klinikbetten in Deutschland etwa 113.000 leer stünden. Dies ist eine märchenhaft ministerielle Milchmädchen-Rechnung!

Denn berechnet man die Auslastung von Montag bis Freitag, kommt man nach Angaben des Präsidenten der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. med. Theodor Windhorst, darauf, dass beispielsweise in Westfalen-Lippe 58.000 Krankenhausbetten im Jahresdurchschnitt zwar nur zu 76,3 Prozent, jedoch o h n e die Einbeziehung der Wochenenden zu 85 Prozent ausgelastet sind.

Liest man im Organigramm des Bundesgesundheitsministeriums, wird Einiges klar: Keiner der Staatssekretäre und Abteilungsleiter sind oder waren gestandene Mediziner. Es wird von abgebrochenen Lehrern, Juristen, WISOWI-Absolventen und Studienabbrechern dominiert. Die parlamentarische Staatssekretärin verfügt über ein 8-jähriges Studium in Tübingen o h n e jeden Abschluss.

Mitten in diesen Widerspruch zwischen medizin-ethisch gerade noch verantwortbarer Versorgungsrealität mit Not- bzw. Flurbetten, Selbstausbeutung bei Helfer-Syndromen in Pflege- und Versorgungsbereichen in Klinik und Praxis oder gar "Burn-Out-Syndrom", drängt das Studienergebnis: "Liegt die Bettenauslastung über 90 Prozent, wird es für alle Patienten gefährlich", so der Professor für Health-Care Management, Ludwig Kuntz, von der Kölner Universität. 

Wir wissen alle, dass die überfüllte Notaufnahme, das dazu geschobene Bett, die Notoperation oder der unvorhersehbare Reanimationsfall mit CPR die F e h l e r q u o t e n allein durch Mehrbelastung, die Unmöglichkeit grenzenlosen "Multitaskings" und Mangel an rekreativen Möglichkeiten des Personals steigern können. Haus-, Fach- und Spezial-Arztpraxen arbeiten u. U. fehlerhafter, wenn Ausfallquoten bei Urlaubsvertretungen, unvorhersehbaren Erkrankungen der Nachbarkollegen, bei eigentherapierten Erkrankungen bzw. konditionellen oder konstitutionellen Schwächen hinzutreten. 

Und dann kommt ein BGM daher und will ausgerechnet uns, die wir in der realen stationär-ambulanten Versorgungswelt stehen, etwas von Bettenüberkapazitäten und -abbau erzählen? Dass die Zahl der Krankenhausbetten in Deutschland reduziert werden müsste? Dass im Jahresdurchschnitt nur 77 Prozent der Kapazitäten in den Kliniken ausgelastet seien? Dass von den rund 501.000 Klinikbetten etwa 113.000  nutzlos leer stünden? 

Mein Vorschlag: Der BGM besucht alle von ihm herbeigezauberten leeren Betten, begrüßt die darin n i c h t liegenden Patienten mit einem infektiologisch äußerst fragwürdigen Handschlag und wünscht ihnen von ganzem Herzen gute Besserung für Krankheiten, die sie n i c h t haben. In einer anschließenden Pressekonferenz verurteilt er ebenso pauschal wie entrüstet d i e Ärztinnen und Ärzte, die ständig versuchen würden, nicht vorhandene Patienten mit nicht vorhandenen Erkrankungen und nicht erforderlichen Leistungen, unnützen Eingriffen und wirkungslos-teuren, innovativen Medikamenten zu traktieren. Nur, um ihre vielen leeren Betten zu füllen. "Sieh' Dich nicht um, der Plumpsack geht um"? 

Bildquelle (Außenseite): Photos.com, thinkstock
 

Bildquelle: © Praxis Dr. Schätzler: Am Tollensesee bei Neubrandenburg

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.05.2014.

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Dr.Bayerl
Fortsetzung: Die "Krankenhäuser" sind allerdings für den Staat durch die duale Finanzierung ein "Sonderfall", denn sie werden kollektiv (Steuergelder) finanziert, gehen aber OHNE AUFLAGEN in privaten Besitz über, inzwischen ist hier nicht nur die Pharmaindustrie sondern auch Goldman-Sachs eingestiegen und keiner (auch doccheck) regt sich ernsthaft darüber auf. Hier sollte echte Gesundheitspolitik ansetzen, indem man zumindest "Gemeinnützigkeit" als Bedingung vorschreibt, also das strikte VERBOT, Gewinne zu machen.
#12 am 26.05.2014 von Dr.Bayerl (Gast)
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Dr.Bayerl
Wir sind uns einig, diese ministerielle (politische) Denkweise ist nicht an "Gesundheit" orientiert, dazu benötigt man schließlich Ärzte, oder zumindest die konstruktive Kooperation mit Ärzten, sondern daran, Geld zu sparen. Die Strategie dabei, auf Ärzte zu schimpfen, begann schon mit Seehofer und sie führt ganz unweigerlich dazu, das darf man den Ärzten nicht ernsthaft vorwerfen, dass diese sich ebenfalls zunehmend "ökonomisch" orientieren müssen, was früher mal nicht ganz so "vornehm" galt.
#11 am 26.05.2014 von Dr.Bayerl (Gast)
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Krb49Harz
Vielleicht leiden die Herrschaften im Ministerium an akuter Verstopfung. Das führt bei manchen Menschen zu Denkfehlern. Ein kräftiger Einlauf wirkt Wunder!
#10 am 22.05.2014 von Krb49Harz (Gast)
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Gast
Auf dieser Grundlage könnte man ja auch mal die Zahl der leer stehenden Büros im G-Ministerium berechnen....auf das Ergebnis wäre ich sehr gespannt
#9 am 19.05.2014 von Gast
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Gast
Unsere Politiker sind schon lange nur noch dritte Wahl...
#8 am 18.05.2014 von Gast
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Wann lernt die Führungsspitze das Praktiker gefragt sind. Theorie und Praxis, 2 Welten. Auch hier wäre Teamwork oder Brainstorming gefragt. Die Probleme die durch Managementstrukturen von Theoretikern entstehen, ziehen sich wie ein roter Faden durch unsere gesamte Wirtschaft und lässt die Stimmung unter den Mitarbeitern immer weiter absinken.
#7 am 17.05.2014 von Birgit Winkler (Heilpraktikerin)
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Wo landen Nichtskönner automatisch? Klappt ja nur da, wo echte Leistung entbehrlich ist - in Behörden, Minsiterien und anderen Parkplätzen, dort sind sie in Sicherheit.
#6 am 17.05.2014 von Karl-Heinz Licht (Medizinjournalist)
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Gast
Beim Lesen des güüesundheitsministeriellen Statements kriege ich einen Knoten im Solarplexus.
#5 am 17.05.2014 von Gast
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Die Zahlen sind m.E. auch deswegen zu niedrig, weil infektiöse Patienten (nosokomiale Infektionen wie MRSA; ESBL, VRE etc) sehr oft alleine in einem Zwei-Bett-Zimmer liegen. (Einzelzimmer gibt es auf den Stationen kaum). Das zweite, leere Bett wird nicht als "gesperrt" zu den belegten Betten hinzugezählt, sondern als "leeres Bett" gerechnet. Dies verzerrt die Statistik und führt zu niedrigeren Belegungsraten als tatsächlich vorliegen.
#4 am 16.05.2014 von Dr. Maxi susanne Endres (Chemikerin)
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Die Jungs vom Ministerium glauben, wenn man Ärzte bekämpft, kann man viel Geld sparen. Das ist etwa vergleichbar mit VW, das alle Reparaturbetriebe schließen würde um Geld zu sparen.
#3 am 16.05.2014 von Gast (Gast)
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der Schätzler is halt noch so ein richtiger doktor, bravo
#2 am 16.05.2014 von Gast (Gast)
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Ach ja, und die 80jährige Patientin, die 4 Tage nach Herzinfarkt und 2-fach-Stent entlassen wurde, nachdem sie post-interventionell mit 3 weiteren Patienten auf dem Krankenhausflur übernachten mußte, hat sich das alles auch nur eingebildet. Was für eine Dreistigkeit des GMB, sich so weit aus dem Fenster zu hängen.
#1 am 16.05.2014 von Dr. med. Angelica Wegener (Ärztin)
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