Wenn in Deutschland die generelle Selbstdispensation eingeführt würde

30.05.2014
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(Auszugsweise. Den ganzen Post und den Auslöser dafür zu lesen auf meinem Blog Pharmama.ch)

Antwort an den deutschen Arzt, der ganz offensichtlich der Meinung ist, dass der Apothekerberuf überholt ist und der sehr gerne die ganzen Medikamente auch bei sich in der Praxis abgeben würde. (Ich möchte den Artikel NICHT als Angriff gegen Ärzte und deren Arbeit im Allgemeinen verstanden wissen!)

Zur Selbstdispensation des Arztes: In der Schweiz mag das mit dem Medikamentenlager beim Arzt noch (halbwegs) funktionieren – speziell weil die leider immer noch nicht die gleichen Voraussetzungen erfüllen müssen, wie wir in der Apotheke. Aber angenommen, das würde in Deutschland eingeführt mit dem Gesundheitssystem, das ihr jetzt habt?

Ach ja, ich denke (nach dem was ich lese), dass das System der Rabattverträge in Deutschland von Ihnen noch nicht ganz verstanden wurde (was ich erstaunlich finde, aber es zeigt vielleicht auch, dass Sie nicht soviel Ahnung haben von der Abgabe der Medikamente, wie Sie denken). Lassen Sie mich erklären, wie das funktioniert (und die deutschen Apotheker mögen mich korrigieren, wenn etwas davon nicht stimmt). Die verschiedenen Krankenkassen machen alle paar Monate für verschiedene Wirkstoffe Ausschreibungen. Die Pharmafirmen geben Gebote ab, wieviel sie für die Medikamente verlangen würden. Die Krankenkasse macht mit der für sie günstigsten Firma Verträge – die Rabattverträge. Wieviel die Firmen dann tatsächlich für die Medikamente von den Kassen verlangen und wieviel die Kassen da sparen, weiss keiner, da die Kassen das nicht offenlegen müssen. Sie beharren aber entsprechend bei den Apotheken darauf, dass nur die Medikamente abgegeben werden, wo die Kasse die entsprechenden Rabattverträge hat.

Ich persönlich finde das eine unglaubliche Sache, dass derartiges überhaupt gemacht wird! Da schreibt die Krankenkasse – die nun wirklich nur wirtschaftliche Interessen hat und keinen medizinischen oder pharmakologischen Hintergrund – den Ärzten und Apothekern vor, welches Generikum sie verschreiben / abgeben müssen. Da müssen Sachen substituiert  werden, wo ein Wechsel eine so grosse Änderung der Bioverfügbarkeit zu Folge hätte, dass man den Patienten faktisch neu einstellen müsste. Das kann man (mit Mühe) in der Apotheke verhindern – allerdings nur mit grossem Bürokratischen Aufwand (muss alles festgehalten werden und ein Formfehler führt auch zur Nullretaxation: siehe unten). Da müssen den Patienten ständig wechselnde Generika abgegeben und erklärt werden … und gerade bei älteren Patienten sorgt das für Verwirrung und Falscheinnahmen.

Was hat die Apotheke davon? Nur die Arbeit, noch mehr Bürokratischer Aufwand und nichts von dem „ersparten“ Geld. Tatsächlich wird sie auch noch bestraft – und zwar mit sogenannter Nullretaxation – wenn mal ein anderes Generikum abgegeben wurde als das von der Krankenkasse gewünschte oder ein Formfehler auf dem Rezept vom Arzt nicht bemerkt wurde oder etwas nicht ganz korrekt (in den Augen der Kasse) protokolliert wurde.

Eine Nullretaxation ist, wenn die Kasse nicht nur die Differenz des Preises zwischen den Generika zurückverlangt (das machen sie nie), sondern gleich das ganze abgegebene Medikament nicht bezahlt. Je nach Medikament geht es da um hunderte bis tausende von Euros. Das lohnt sich für die Kasse immer.

Übertragen wir diese Situation jetzt also auf die Arztpraxis.

Als erstes müsste der Arzt auch ein Computersystem haben, das auch die aktuellen Rabattverträge der Krankenkassen anzeigt. – Kein Problem. Einfach ein bisschen teuer und muss regelmässig (und zwar nicht nur alle paar Monate, sondern mindestens wöchentlich) upgedatet werden.

Dann die Lagerhaltung der Medikamente:  wie gesagt: verschiedene Krankenkassen, verschiedene verlangte Generika. Es reicht also nicht (wie bei uns möglich) nur 1 Generikum von einer Firma und vielleicht nur 1 oder 2 Grössen davon von einem Medikament an Lager zu halten.  Das sind pro Wirkstoff mehrere.

Und: sie wechseln gelegentlich.

Damit müssen Sie auch alle paar Monate auch ihr Lager anpassen.

Viel Spass mit der Lagerhaltung in der Arztpraxis – aber Sie haben ja gesagt, das sollte für eine frisch eröffnete kein Problem sein? Platzmässig nicht und finanziell wohl auch nicht?

Natürlich … könnten Sie die Medikamente dann auch bestellen. Das geht in der Apotheke innerhalb eines halben Tages, für die Schweizer Ärzte (nach dem was Sie gesagt haben) innerhalb eines Tages … aber dann muss der Patient ja auch wieder zu Ihnen zurück-kommen. Da existiert dann keinerlei Vorteil mehr gegenüber der Abgabe in der Apotheke.

Dann … angenommen, die Krankenkasse setzt bei Ihnen die gleichen Mass-stäbe an, wie bei den Apotheken und retaxiert „falsch“ abgegeben Generika auf Null. Ich könnte mir vorstellen, dass das  finanziell so belastend würde, dass selbst Sie Sich das mit der Medikamentenabgabe nochmals überlegen würden. Aber es ist ja alles für das Patientenwohl, richtig?

Bei Ihren ganzen Überlegungen, dass das ja die Apothekenhelferin in der Praxis auch könnte mit dem entsprechendem Interaktionsprogramm vergessen Sie, dass die Anzeige der Interaktionen nur das eine ist. Die Interpretation das zweite. Nicht jede Interaktion ist gleich schwerwiegend.

Eigentlich hätte ich gedacht, dass so etwas in den Arztpraxen jetzt schon passiert, bevor ein Rezept herausgeht.  Wäre doch überaus sinnvoll, oder?

Das Gefühl habe ich allerdings nicht, wenn ich die Rezepte hier in der Apotheke sehe. Ich muss täglich mehrmals eingreifen wegen Wechselwirkungen, wegen Dosierungsproblemen etc – selbst bei Sachen, die vom gleichen Arzt verschrieben wurden. Und ich habe hier in der Schweiz noch einen Vorteil. Dadurch, dass wir Patientendossiers führen über die Abgabe rezeptpflichtiiger Medikamente (und freiwillig auch über die OTC) habe ich ein Instrument mit dem ich bei den Patienten, die verschiedene Ärzte besuchen und von denen Medikamente verschrieben bekommen die Interaktionen problemlos kontrollieren kann, auch wenn dem Patienten grad entfallen ist, dass er noch diese kleinen weissen Tabletten (zur Blutverdünnung) oder diese blauen (...) bekommt. Bei mir kommt diese Information zusammen und ich kann darauf reagieren.

Und auch wenn es Ihnen nicht passt – als Apothekerin bin ich die zweite (und unabhängige) Kontrollinstanz der Medikamente. Und ja: es braucht mich auch in Zukunft noch, auch wenn Sie das nicht wahrhaben wollen.

Artikel letztmalig aktualisiert am 27.06.2014.

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Pharmazie
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Gast
Ich möchte hier mal etwas witziges schildern (aus Deutschland): Ich war beim Arzt und hatte einen schrecklichen Husten. Da sagte der Arzt, ich solle Bromhexin und Ambroxol einnehmen. Witzig oder? Der Arzt weiss doch alles und kennt sich in allem aus. (Wenn sich jetzt manche Ärzte fragen, was ich hier meine, schlagt mal bei WIKI nach) Was auch immer sehr lustig ist, Salbenrezepturen: Der Arzt kopiert irgendeine Vorlage aus einem Buch und denkt sich, na ja der Wirkstoff muss auch noch da rein, schauen wir mal nach der Dosierung. Das Resultat: Eine winzig kleine Reaktion findet statt und der Wirkstoff ist kaputt. Warum hat der Arzt das denn nicht gewusst? Nach einem langen Medizinstudium ist er doch ein Gott und als Gott muss man alles wissen oder liebe Apothekenfreunde?
#13 am 27.06.2014 von Gast
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Nun eigentlich liegt der Interessenkonflikt doch auf der Hand. Andererseits sollten sich aber auch Apotheker etwas mehr zurückhalten, ärztliche Aufgaben zunehmend an sich zu reißen, wie Blutdruck messen, Laboruntersuchungen etc. Das wäre der einzige Grund für den Doktor, selbst die Medikamente zu verkaufen. Also bitte besser zusammenarbeiten.
#12 am 19.06.2014 von Gast (Gast)
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rudifix
Die Autorin kennt wohl nicht das schweizer SD System mit seinen Auswüchsen. Aber die leber wächst ja mit ihren Aufgaben.
#11 am 09.06.2014 von rudifix (Gast)
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irmchen
#10 am 05.06.2014 von irmchen (Gast)
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irmchen
gibt's denn in der schweiz steuern, frau bojunga ;-) ?! zum artikel: die trennung der beiden berufe hatte schon seine gründe - und heute sind sie genauso aktuell wie damals. das einzig sinn- und zielführende sollte sein, dass beide, arzt und apotheker, zusammenarbeiten: zum wohle des patienten. auch als unterstützung des patienten im kampf mit der 3. macht im staat - den kranken kassen, deren verwaltungskosten jenseits von gut und böse sind. da steckt sparpotential... p.s. vor kurzem fand in brandenburg der erste apotheker- und ärztetag statt. erste schritte zu einer vernünftigen zusammenarbeit!
#9 am 05.06.2014 von irmchen (Gast)
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Es auch wäre zu bedenken, dass die Apotheke auf alle erwirtschafteten Umsätze eine Umsatzsteuer entrichtet , dies würde dann natürlich auch für den Umsatz einer Artztpraxis gelten und zwar dann nicht nur für die in der Arztpraxis dispensierten Arzneimittel sonder auch für dort erbrachte Untersuchungen und Dienstleistungen! Oder weshalb bietet die Augenarztgattin nicht apothekenpflichtige ,freiverkäufliche Arzneimittel im Nebengewerbe an und nicht der Arzt selber.
#8 am 04.06.2014 von Ulrike Bojunga (Apothekerin)
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Gast
Die Kassen machen die Rabattverträge weil sie das Seitens der Politik erlaubt bekamen, und zwar per Gesetz. Sie müssen ausschreiben, und zwar alle zwei Jahre neu. Jede Dosierung, jede Packungsgröße. Leider nicht synchron für alle Medikamente. So entsteht de Eindruck des großen Durcheinanders. Da kämen auch die Ärzte nicht daran vorbei, Gesetz ist nun mal Gesetz. Der Arzt- und Apothekerberuf sind seit dem Edikt von Salerno 1241 getrennt. Offenbar gab es damals Menschen, die den Patienten Angst einjagten, damit sie mehr Medikamente kauften. Und verdienten daran. Wie schön, daß es heute solche Menschen nicht mehr gibt. Schon gar nicht in akademischen Kreisen. Dann ist ja alles klar.
#7 am 04.06.2014 von Gast
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Gast
Noch können die Kassen bequem Ärzte gegen Apotheker und umgekehrt ausspielen. Immer noch wird zu wenig kooperiert, Standesdünkel der Ärzte und eine gewisse 'LMAA'-Haltung bei den Apothekern helfen da nicht. Vielleicht wären die unsinnigen Vorschriften ja weg, wenn die Ärzteschaft auch mal im Sinne ihrer Kollegen Druck machen würde? Und ja, Herr Dietze, das Wort "Feinde" können sie getrost in den Mund nehmen. Wer völlig ohne Wohlwollen gegen die Leistungserbringer zu Felde zieht, der ist deren Feind. An dieser Stelle nochmal erwähnt: Alleine die Verwaltung der Kassen schluckt mehr Geld, als die Apotheken vom Arzneimittel bekommen. (Und dann ist noch nichtmal der Lohn bezahlt).
#6 am 03.06.2014 von Gast
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Uwe Dietze
Das sehe ich anders. Die Krankenkassen, früher Partner bei der Versorgung der Patienten, sind zu Gegnern (Feinde wäre vielleicht zu hart) der Leistungserbringer geworden, und denen, zusammen mit unverständigen Politikern, verdanken wir den ganzen Verdruss. Da würden keinerlei Vorschriften abgeschafft, nur verlagert, und möglichst verschärft. Die Ärzte würden sich wundern......
#5 am 03.06.2014 von Uwe Dietze (Gast)
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Gast
Ich kann Herrn Zeitler nur beipflichten. Die Vorschriften wären ganz sicher ALLE weg. Das größte Hindernis für den Apotheker ist der Apotheker selbst.
#4 am 03.06.2014 von Gast
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wenn die Ärzte das machen würden, wären über Nacht die ganzen Irrsinns Vorschriften weg, wetten?
#3 am 03.06.2014 von Alexander Zeitler (Apotheker)
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Gast
Danke!
#2 am 03.06.2014 von Gast
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Mein Respekt! !
#1 am 03.06.2014 von Gast (Gast)
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