Du bist doch Ärztin...

12.05.2014
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"Du bist doch Ärztin"- wenn Freunde, Bekannte, Nachbarn, Familienmitglieder, Freunde von Freunden, von der Cousine dessen Freundin der Bruder solche Sätze an mich richten, ist mein erster Impuls: Laut Nein sagen und wegrennen. Denn meist folgt auf diesen Satzanfang eine Bitte um Diagnosestellung, Krankschreibung, Ultraschall, Beratung, Untersuchung, Medikamente, Rezepte, Hausbesuche, Zweitmeinung, kleinere Operationen und und und.

Bereits im ersten Semester ging das los. Und da hatte ich wirklich noch keine Ahnung von Irgendwas, ich war gerade dabei, den Physikkurs und die Biochemievorlesung zu überleben.  Meine gerade neu eingezogende Nachbarin, eine ältere Dame, hatte irgendwo gehört (wahrscheinlich von der anderen Nachbarin), dass ich Medizin studiere, also klopfte sie abends um 21.00 an meine Tür: "Sie werden doch Ärztin, ne?" "Ja?" "Hier sehen Sie, ich habe Ihnen meine Gallensteine mitgebracht! Im Glas! Toll oder? Die wollen Sie sich bestimmt mal ansehen. Und außerdem ziepts mir im rechten Knie seit 3 Tagen, da können Sie gleich mal gucken" "Äh..."

Mit jedem Semester wurde es schlimmer, und nach dem Examen war es ganz vorbei. Da wurden mir auch schon im Urlaub um 2.45 Uhr erst Bilder von einem hässlichen Ausschlag auf dem Hintern per Handy gesendet, um mich dann um 2.55 anzurufen und zu fragen, was das für ein Ausschlag sei. Das von einer Bekannten, die ich vielleicht vorher zweimal bei gemeinsamen Freunden getroffen hatte und die sich irgendwo meine Nummer besorgt hatte.

Eine andere Bekannte wollte gerne eine umfassende Beratung über künstliche Befruchtung. Auf einer Gartenparty. Abgesehen davon, dass ich von der Reproduktionsmedizin herzlich wenig Ahnung habe, weil es nicht mein Fachgebiet ist, wollte ich gern auf der Gartenparty einfach mal nur Spaß haben und nicht Privatsprechstunde halten.

Freunde und Bekannte mit Kindern rufen mich auch immer gern, wenn ihr Kind sich zum Beispiel das Knie aufgeschlagen hat, denn "die Tante ist eine Frau Doktor und macht dich ganz schnell wieder heile". Äh nein, ich bin nicht Harry Potter oder so und auch keine gute Fee, ein aufgeschürftes Knie kann auch ich nicht in 5 Minuten heilen.

Vor allem möchte ich in meiner Freizeit nicht ständig irgendwelche Krankheits- oder Leidensgeschichten anhören. Seit ich in der Praxis arbeite, ist das alles noch schlimmer geworden. Im Krankenhaus konnte ich ja leider, leider keine Kassenrezepte ausstellen oder ambulante Leistungen abrechnen. Jetzt wollen aber alle in die Praxis kommen, am besten noch außerhalb der Sprechzeiten "denn ich hab keine Zeit zu warten", oder am Wochenende. Gestern wollte die Stiefmutter des Freundes meiner Schwester mal am Samstag in der Praxis vorbeikommen, "wegen dem Blutdruck". Auf meine Frage, ob sie denn keinen Hausarzt hat, kam die Antwort: " Doch, doch, aber sie hätte gerne mal ein Zweitmeinung" Natürlich. Ich hatte Samstag auch noch nichts weiter vor. Vielleicht komme ich gleich zum Hausbesuch, dann muss sie nicht so weit fahren? Und bringe gleich noch einen Kuchen und Freirezepte mit?

Wenn ich jetzt neue Leute kennenlerne, bin ich echt vorsichtig geworden und versuche gar nicht mehr zu erzählen, was ich so genau arbeite. Es gab auch schon Menschen, die ich kennengelernt habe, wo ich auf die Frage "Was arbeitest du?" geantwortet habe: Ich bin Verwaltungsfachangestellte. Danach war dann immer Ruhe. Komisch, Hilfe von mir beim Sortieren von Akten und Anträge ausfüllen wollte noch keiner haben.


Bildquelle: Ingram Publishing, thinkstock

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.07.2014.

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Medizin, Allgemeinmedizin
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Menolly
Auch als MFA läuft das so. Jeder in der Familie fragt was könnte das sein? Und wenn ich dann eine Antwort gebe wird nicht auf mich gehört und es dauert dann aber noch ewig bis man sich dann zu einem Arzht bequemt :D
#16 am 26.02.2016 von Menolly (Gast)
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Gast
Habe als Apotheker (Industrie) nur gelegentlich so ein Problem (weil ich eben "Angestellter" bin). Das geht dann eher wie folgt ab: "Du bist doch Apotheker ?" - "Ja" - "Dann verstehst Du doch auch ein bißchen was von Medizin ?" - "na ja - eher vielleicht Pharmkologie" - "Wenn Du was von Medizin verstehst, dann verstehst Du doch auch was von Zahnmedizin ?" - "Häh ?" - "Wenn Du was von Zahnmedizin versteht, dann kennst Du Dich doch auch mit Instrumenten aus ?" - "???" - "Wenn Du Dich mit Instrumenten auskennst, kannst Du dann bitte mal den 13-er Ringschlüssel rüberreichen ?"
#15 am 08.07.2014 von Gast
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Bin noch Student - kenne das beschriebene Problem aber natürlich auch schon seit den ersten Semestern. Das 'lustige' daran ist, daß die Bekannten - wenn ich mich denn mal zu einer Aussage hinreissen lasse - nicht auf mich hören und z.B. einen in meinen Augen dringlichen Besuch beim Arzt dann doch hinauszögern.
#14 am 03.07.2014 von Gast (Gast)
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Ihr tut mir ja alle sooooo leid! Ich bin PC-Experte, und besuche schon lange keine Freunde mehr.
#13 am 04.06.2014 von Gast (Gast)
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Gast
Selbst als PTA hat man hin und wieder diese Probleme. Nicht nur das jeder Ratschläge über Medikament will, nein es geht noch weiter: Da kommen dann so Sätze wie "Meinst du mein Arzt hat mit der Diagnose recht?" oder "Gibt es da noch was besseres als das was der Arzt mir aufgeschrieben hat?" Bei Sachen die wirklich in die Hand des Arztes gehören kann ich natürlich nicht viel sagen, aber leider muss ich öfters feststellen, dass bei "kleineren" Sachen die Ärzte wirklich nicht unbedingt das sinnvollste aufschreiben. Allerdings wundert es mich, dass noch keiner Hilfe beim sortieren von Akten haben wollte. Ich bekomme auch schon mal von freunden zu hören: "Deine Eltern sind doch Steuerberater...." es hilft nichts, jede Berufsgruppe hat wohl ihr Päckchen zu tragen.
#12 am 28.05.2014 von Gast
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Ich bin Krankenpfleger aus Berufung, und ja... mein Freundes- und viel mehr mein Bekannten- und Verwandtenkreis verwechselt "Pflege" auch sehr häufig mit "Arzt". Es reicht scheinbar schon im klinischen Umfeld tätig zu sein um eine Erwartungshaltung der allwissenden Heilung im Umfeld zu generieren.
#11 am 26.05.2014 von Dominik Boeddinghaus (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Das geht selbst mir als frischgebackener Heilpraktikerin so. Und ich habe genügend Möglichkeit, bei den Ärzten in meiner Bekanntschaft zu beobachten, wie sie von unseren Freunden stets gerne in Anspruch genommen werden. Das tut ein bisschen weh, wenn man sieht, dass sie selbst nicht fit bzw. überarbeitet sind.
#10 am 21.05.2014 von Ute Lowitz (Physiotherapeutin)
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Jaja ich kenne das auch. . . SEHR TREFFEND Frau Kollegin ;) Ich liebe meinen Job so wie wir alle aber nach einer 12 Stundenschicht muss auch Schluss sein um den Kopf wieder frei zu haben um als Privat-Person leben zu können. Das einzig gute daran ist, dass ich jede Schwangere Frau verstehen kann die nur auf ihren Bauch reduziert wird so ist es bei uns nun mal der weiße Kittel
#9 am 18.05.2014 von Robert Möller (Student der Humanmedizin)
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Claudia
Tja, ich bin Tierärztin und kenne das Problem gut. Bei uns kommt noch dazu, dass die Leute die Kosten beim Tierarzt selber tragen müssen und natürlich gerne versuchen kostenlos an Rat zu kommen. Und gerne auch zu sehr seltsamen Uhrzeiten. Und Gast #5, den Beitrag finde ich auch seltsam... Die Autorin sagt doch grade, dass sie NICHT auf Gartenpartys Diagnosen stellen will, oder? Was die kurze Hose allerdings dem Berufsstand schadet, weiß ich nicht genau, nur weil man die in der Praxis nicht trägt?
#8 am 15.05.2014 von Claudia (Gast)
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Anton S.
Ich erfinde meinen Beruf je nach Lage. Psychiater ist oft ganz gut - dann bekommen die Leute erst Angst. Ich suggeriere auch mal, dass ich deshalb Gedanken lesen kann und dass ich von der Medizin ich als Psychiater herzlich wenig verstehen würde. Die Gefahr besteht oft darin, dass die Diskussion richtig Anti-Psychopharmaka ausufert. Dagegen hilft manchmal das Ausweichen in die Chirurgie - ich kann nur schneiden und nähen, weiß aber auch nichts. So gut, dass niemand weiß, das ich Internistin heiß :D
#7 am 15.05.2014 von Anton S. (Gast)
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@ #5 (wieder so ein ominöser ›Gast‹… kein Mumm, oder?) ›Zyniker: Ein Lump, dessen fehlerhafte Sicht der Dinge sieht, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten. Daher rührt der skythische Brauch, einem Zyniker die Augen auszustechen, um seinen Sehfehler zu korrigieren.‹ Ambrose Gwinnett Bierce
#6 am 15.05.2014 von Dr. med. Christoph S. Berwanger (Arzt)
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Gast
Ich muss gleich weinen, so sehr tut mir die Kollegin leid! Selbst in Ihrer Freizeit muss sie arbeiten... Also mal ehrlich: Man kann sich auch anstellen! Wenn man sich ganz viel Mühe gibt bekommt auch jeder mit, was man macht, dann sollte man aber auch die Konsequenzen tragen allerdings versteht jeder, wenn man höflich auf einen Termin (bei dem kann man gelegentlich auch entgegen kommen) verweist. Wenn ich mich unseriös darstellen möchte würde ich am Besten gleich die Diagnose angeben bevor der "Patient" was sagt... Ein Verantwortungsvoller Umgang mit dem Wissen beinhaltet eben auch Sorgfalt in der Untersuchung und kann selten durchs Telefon oder Bilder ersetzt werden. Wer in kurzer Hose und Bier in der Hand auf einem Grillfest Diagnosen macht und Therapien empfiehlt hilft nicht unserem Berufsstand...
#5 am 15.05.2014 von Gast
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Gast
Ich musste auch viel schmunzeln als ich diesen treffenden Beitrag gelesen habe. Musste es auch ganz oft verheimlichen, dass ich Ärztin bin. Gerade weil ich als Mensch geschätzt werden möchte und keine Fee für alle Krankheiten und Wewehchen die immer ein offenes Ohr für alle haben muss. Das reicht ja schon bei der Arbeit!
#4 am 14.05.2014 von Gast
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Gast
Für mich als Frau ist das ganz einfach, auf die Frage was man arbeitet kommt die Antwort: im Krankenhaus, 90% der Gesprächspartner vermuten dann eh auf Krankenschwester und finden das ganz super. Damit entgeht man solchen Dingen meistens und bei den guten Bekannten gibt man ja schon gern mal einen Rat, der leider nicht selten auch dringend nötig erscheint wenn man sich die Auswüchse mancher Kollegen ansieht.
#3 am 14.05.2014 von Gast
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Ich musste über den Beitrag schmunzeln: Ja, genau so ist es. Auch ich gebe gerne Auskunft, bisweilen interveniere ich sogar, wenn der Kollege ›veritablen Mist‹ gebaut hat und schicke Leute auch schon mal direkt ins Krankenhaus (Verkennung eines akuten arteriellen Verschlusses). Ich möchte aber noch einen anderen Aspekt hinzufügen. Eltern erweisen sich als beratungsresistent; ›Da gehe ich lieber mal zum Arzt!‹. Tja, einmal Kind, immer Kind.^^
#2 am 14.05.2014 von Dr. med. Christoph S. Berwanger (Arzt)
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ich hab mich gelegentlich als Fernfahrer oder (armer) Berufsmusiker bezeichnet, aber eigentlich weniger weil ich nicht gerne kostenlose medizinische Tips gebe, sondern um eher arztfeindlichen Diskussionen meist mit Neidkomplexen kombiniert aus dem Weg zu gehen.
#1 am 14.05.2014 von Gast (Gast)
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