Zwangsjacken-Behandlungen oder Moderne Zeiten mit SSRI?

30.04.2014
Teilen

Citalopram soll bei M. Alzheimer-Patienten mit Demenz gut gegen ihre Agitiertheit wirken. Das Antidepressivum kann Verhaltensstörungen lindern und beruhigen. Herzpatienten mit QTc-Zeit-Verlängerung sollen diesen selektiven Serotonin-Wiederafnahmehemmer (SSRI) jedoch nicht nehmen. Ein weiteres Dilemma: Kognitionsdefizite und Nebenwirkungen!

Doch das scheint die Autoren einer Studie im JAMA

Porsteinsson AP et al.  Effect of Citalopram on Agitation in Alzheimer Disease. The CitAD Randomized Clinical Trial. JAMA  2014; 311(7):682-691.

nicht sonderlich zu irritieren: Sie nahmen eine Placebo-Gruppe mit s c h l e c h t e r e n Ausgangswerten (18-Punkte-Agitations-Skala NBRS-A bei Patienten mit Placebo von 7,8) und eine Verum-(Citalopram)-Gruppe mit b e s s e r e n Ausgangswerten (18-Punkte-Agitations-Skala NBRS-A bei Patienten zu Beginn 7,4 Punkte). Der Rückgang m i t SSRI von 7,4 auf 4,3 Punkte entspricht 41,9 Prozent. Der Rückgang mit P l a c e b o von 7,8 auf 5,3 entspricht 32,0 Prozent. Mit anderen Worten: Eine Verbesserung des Rückgang der Agitation bei Demenz von knapp 10 Prozent wird mit einem schnelleren geistigen und kognitiven A b b a u, welcher durch die Eigendynamik im zeitlichen Verlauf der Alzheimer-Demenz z u s ä t z l i c h forciert wird, erkauft. Dies entspricht einer "number-needed-to-treat" NNT von 10. Das heißt, 10 Patienten müssen (sinnlos) behandelt werden, damit es bei einem E i n z i g e n zum Rückgang der Agitiertheit kommt.

Addiere ich dann noch allein die neuropsychiatrischen Nebenwirkungen von Citalopram, wie sie in den gängigen Fachinformationen als "sehr häufig" bis "gelegentlich" aufgeführt werden, hinzu , komme ich aus dem Staunen nicht heraus: "Psychiatrische Erkrankungen - Sehr häufig: Agitiertheit, Nervosität; Häufig: Verringerte Libido, Orgasmusstörungen (bei der Frau), Ängstlichkeit, Verwirrtheit, Apathie, Konzentrationsstörungen, anormale Träume, Gedächtnisverlust; Gelegentlich: Aggression, Depersonalisation, Halluzinationen, Manie, Euphorie, gesteigerte Libido". Bei "Erkrankungen des Nervensystems - Sehr häufig: Teilnahmslosigkeit (Drang zu Schlafen), Schlaflosigkeit, Tremor, Schwindel, Kopfschmerzen; Häufig: Parästhesien, Schlafstörungen, Migräne, Geschmacksstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen; Gelegentlich: Ohnmacht, Krampfanfälle, EPS-Störungen" werde ich ebenfalls fündig.

Citalopram bewirkt also in weiten Teilen allein mit seinen Nebenwirkungen die Grundkrankheit, die man ursprünglich zu lindern vorgab. Also irgendwo zwischen mindestens ebenso nebenwirkungsträchtigen, hochpotenten Neuroleptika und der alten "Zwangsjacken"-Behandlung, die man heutzutage durch modische SSRI-Therapien zu verschleiern versucht. Dass JAMA - jamanetwork.com - the Journal of the American Medical Association - sich für so etwas hergibt? 

Bildquelle: Brand X Pictures, thinkstock

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.07.2014.

40 Wertungen (4.1 ø)
2072 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
man gibt auch gerne Promethazin und Chlorprothixen - niederpotente Neuroleptika. Ihre Hauptwirkung ist, dass sie sehr müde machen, ihr Nebenwirkungsspektrum steht oben genannten nicht nach. Aber wie können sich überlastete Pfleger oder überforderte Angehörige eines Dementen noch helfen?
#6 am 14.07.2014 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  0
Bitte mehr solche im Ansatz kritischen Artikel! Hinzu kommend möchte ich die Studie von STERKE et al. 2012 erwähnen: Erhöhung des Sturzrisikos unter SSRI in der Geriatrie um 300%:
#5 am 18.05.2014 von Diplom-Psychologe Alexander Schmidt (Psychologe)
  0
Danke Herr Kollege Schätzer, Sie beschreiben und kritisieren völlig zu Recht einen Trend mit dem menschlichen Gehirn recht hemmungslos pharmakologisch herumzuspielen, typisch für die brutale USA. Ein Trend, der menschliche Zuwendung, oder das zweifellos schädliche Defizit von menschlicher Zuwendung durch eine chemische Substanz ersetzt, oder ersetzen soll, mit der man, welch eine Überraschung, Geld verdienen kann.
#4 am 11.05.2014 von Gast (Gast)
  0
Nur zur Klarstellung: Citalopram ist der "generic name" der von vielen Firmen vertriebenen und häufig rezeptierten, preisgünstigen Wirksubstanz, da der Patentschutz für "Cipramil®" der Fa. Lundbeck® längst abgelaufen ist. Citalopram ist ein Razemat rechts- und linksdrehender Moleküle. Unter "Cipralex®" hält Lundbeck® noch Patentschutz. Die enthaltene Wirksubstanz heißt Escitalopram und ist k e i n Razemat, aber m. E. auch nicht so deutlich stärker wirksam, dass sich die dürftigen Studienergebnisse substanziell verbessert hätten. MfG
#3 am 07.05.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
Hans-Ulrich Kuhn Die Untersuchungen beziehen sich auf Citalopram. Das wird heute wahrscheinlich aufgrund der nicht tragbaren GKV-Erstattungssituation nicht mehr verschrieben. Als Ersatz dafür Ciprolex - die wirksame Hälfte des Razemats von Citalopram bei der Behandlung von Depressionen. Also nur Hälfte der wirksamen Dosis von Citalopram. Mit dem Vorteil, die GKV zahlt dieses Medikament nun nur noch behaftet mit dem Eigenanteil. Dei Frage ist damit offen, ob die genannte Studie bessere Ergebnisse bringen kann, wenn nu mit 'Cipralex' behandelt worden wäre?
#2 am 05.05.2014 von Hans-Ulrich Kuhn (Nichtmedizinische Berufe)
  0
Grundlegend ist bei chronischen Erkrankungen, deren Progredienz palliativen Charakter haben, die Lebensqualität. Hier fehlen Studien- und Messansätze bei Personen mit einer mehr als mittelgradigen Demenz, da auch die Ansätze der eingesetzten Messmethoden Zweifel an deren Validität aufkommen lassen. Gerade bei der Frage ob es zulässig ist Citalopram oder Medikament xy zu geben, halte ich diesen Parameter für zweckmäßig.
#1 am 05.05.2014 von Dr. med. Peter Grampp (Arzt)
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Und genau das ist der springende Punkt. Wer von seinem vermutlich nach Feng Shui ausgerichteten Büro-Schreibtisch mehr...
Die Forschergruppe um Professor Winfried März von der 5. Medizinischen Klinik der Universitätsmedizin Mannheim mehr...
Euphemistischer Paralogismus  Als euphemistischer Paralogismus ist "Gesundheitsduo" ein beschönigender, auf mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: