Dein Stethoskop, das unerwartet keimtragende Wesen?

09.03.2014
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Eine Studie unter dem Titel "Contamination of Stethoscopes and Physicians' Hands After a Physical Examination" in den Mayo Clinic Proceedings (2014; 89(3):277-280) will nicht mehr und nicht weniger belegen, als dass der Kontaminationsgrad des Stethoskops nach der klinischen Untersuchung eines Patienten substanziell vergleichbar ist mit der Kontamination von Teilen der führenden Hand beim Arzt.

Seltsam, sind es nicht die Ärzte/-innen s e l b s t, die ihr eigenes Stethoskop anfassen, um es manuell den Patientenkörpern zu nähern? In einem Editorial meldete sich umgehend Dennis G. Maki, MD, Infektiologe an der "University of Wisconsin in Madison"(WI/USA) mit dem Titel "Stethoscopes and Health Care-Associated Infection" dramatisierend zu Wort.

Doch würde ein professionell agierender Mediziner sein frisch gereinigtes Stethoskop in infizierte Wunden hineinhängen, um es danach bei weiteren Patienten über deren Körperöffnungen infektiös auspendeln zu lassen? Eine intakte Hautbarriere des Brustkorbs wäre doch stabil gegenüber aggressiven Keimattacken, die eher nur theoretisch von angreifenden, kontaminierten Stethoskopen ausgeführt werden könnten? Potenziell kontaminierte Stethoskope sollten nicht unnötig angefasst und nach Hautekzem- und Wundkontakt gereinigt bzw. mit alkoholfreiem Octenisept® desinfiziert werden. Keinen Alkohol nehmen! Der greift die Membranen und Kunststoff- bzw. Gummiringe an.

Aber gibt es nicht weit wichtigere Hygieneprobleme? Verschmutzte, selten gewechselte, ungewaschene oder nicht desinfizierbare Arztkittel bzw. die nicht abwaschbare Krawatte, die zu größten infektiologischen Bedenken Anlass geben können?

www.sueddeutsche.de/leben/arztkittel-vor-dem-aus-dreckschleudern-in-weiss-1.890152

www.stern.de/gesundheit/gesundheitsnews/hygiene-gefaehrliche-schlipse-556433.html

www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/krankenhaus-hygiene-schlips-am-aerztehals-kann-toedlich-sein-a-402255.html

Auch wenn sich kürzlich eine schottische Infektiologin wieder f ü r das Krawattentragen ausgesprochen hat: "Put your ties back on: scruffy doctors damage our reputation and indicate a decline in hygiene" BMJ 2013;346:f3211, könnten dann die angelsächsischen NHS-Baumängel-, Leistungs-, Wartezeiten- und Hygienekrisen sich nicht bis zu einem Krawattenkrieg ausweiten?

Auch PC-Tastaturen, Tablets, Smartphones und Touchscreens sind für Praxis- und Klinik- Hygiene-Beauftragte bzw. Infektiologen ein "gefundenes Fressen". Vgl. www.springermedizin.de/so-wird-die-tastatur-nicht-zur-keimschleuder/4938140.html

"Der Tod lauert nicht in der Tastatur, sagt eine Infektionsexpertin. Trotzdem solle das PC-Zubehör im Hygieneplan von Klinik und Praxis seinen Platz haben. Denn Computer-Tastaturen hätten ständigen Kontakt mit Händen.

Ist es da nicht mehr weit zu obligatorischen täglichen Rachenabstrichen, Blutkulturen, Abklatschproben der Hände bzw. Fragebögen, um potenziell infektiöse Lebensgewohnheiten, moralisch-ethisch einwandfreien Lebenswandel und psychische Verhaltensauffälligkeiten beim gesamten medizinischen Personal zu detektieren? Verwaltungs- und Administrations-Bereiche selbstverständlich ausgenommen.

Aber was ist eigentlich mit den Besuchern? Krankenhäuser, Reha-Kliniken, Arztpraxen und medizinische Versorgungszentren werden von Heerscharen keimtragender Besucherinnen und Besucher bzw. Patienten heimgesucht, die oft nicht mal elementare Hygiene-Regeln beherzigen ("nach dem Klo und vor dem Essen - Händewaschen nicht vergessen"). Ungeduscht und ungewaschen bzw. n i c h t auf gewaschene oder ungewaschene Kleidung, kurz geschnittene Finger- bzw. Fußnägel untersucht, bevölkern sie die Klinikflure, die Cafeteria, das "Büdchen" am Klinikeingang und die Anmeldetresen der Praxen, um dann in die Kernzonen nosokomialer Infektionsrisiken vorzudringen: In die Krankenzimmer zu ihren kranken Angehörigen, in die Räume der Stationsmitarbeiter, in die Funktionsbereiche und Nasszellen auf der Suche nach Blumenvasen und in die Besuchertoiletten bzw. in die Behandlungszimmer der Haus- und Fachärzte.

Gewöhnlich gut informierte Patienten- und Besucherkreise werden erst n a c h Abschluss ihres Arzt- oder Klinikbesuches sich umfänglich mit kostenlos zur Verfügung gestellten Desinfektionsmitteln allseits bestäuben und imprägnieren. Weil sie die viel beschworene Gefahr ahnen, erst i n n e r h a l b der Klinik- und Praxismauern gefährliche Keime zu erwerben. Sie würden sich vermutlich n i e m a l s fragen, ob sie nicht s e l b s t durch Hundekot und Straßendreck unter ihren Schuhsohlen, eigene Hygienemängel oder überlang gestylte Fingernägel, die beim Händewaschen ja nur abblättern würden, zur Problematik nosokomialer Krankenhaus- und Praxisinfektionen beitragen?

Quelle:"Contamination of Stethoscopes and Physicians' Hands After a Physical Examination" in den Mayo Clinic Proceedings 2014; 89(3):277-280  http://www.mayoclinicproceedings.org/article/S0025-6196(13)01084-7/abstract strong>

(Bildnachweis: © Praxis Dr. Schätzler „Stethoskop-Dialog“)

 

© Außenseitenbild: Pete, flickr / CC-by

Artikel letztmalig aktualisiert am 30.06.2014.

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Haben Sie denn eine(n) vorgesetzte(n) Hygejeniker(in) in Ihrer Praxis?
#11 am 20.03.2014 von Gast (Gast)
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Natürlich freue ich mich über viele Kommentare. Aber sollten diese nicht eher von kritischer Auseinandersetzung mit dem I n h a l t meines aktuellen Blogthemas als von persönlichen Animositäten und Ressentiments getragen sein?
#10 am 18.03.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Dr.Bayerl
Ich kenne Krankenhäuser, die haben zwar eine miserable Hygiene, aber als Ersatz eine Hygiene-Komission.
#9 am 15.03.2014 von Dr.Bayerl (Gast)
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Dr.Bayerl
Verehrter Herr @Dr. Bernd Kochanowski, können Sie nun Gasbrand diagnostizieren oder nicht? Wahrscheinlich nicht, ist kein Beinbruch, wer kann das auch schon, außer einem erfahrenen Chirurg (zugegeben nicht jeder Chirurg). Ich habe schon tolle "Wundteams" (Nicht-Ärzte, Nicht-Chirurgen) gesehen, die haben es geschafft, eine sekundär heilende Wunde ein drei-viertel Jahr offen zu halten, mit täglichen "Verbandwechseln", empfohlen und eintrainiert durch die "Industrie", zur "Kostendämpfung" natürlich. Ich habe mir erlaubt, das nette Spielchen durch eine einmalige Sekundärnaht ohne Narkose zu beenden, auch ambulant natürlich. Sie hätten vermutlich noch einen 125. Wundabstrich genommen (nehmen lassen) und Keime und Resistenzen zu bestimmen, um dann lokale Antibiotika wahrscheinlich zu verbieten, hat ja auch die Schwester verboten, aber vielleicht als Tablette???
#8 am 15.03.2014 von Dr.Bayerl (Gast)
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Wer weis, was sich so Labor-Hügieniker bei einer Wunde denken, er hat ja nichts gelernt über Wunden und kann wahrscheinlich Furunkel nicht von Karbunkel unterscheiden. Auf der PC-Tastatur dürfen sie sich gerne austoben.
#7 am 15.03.2014 von Gast (Gast)
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Wer weis, was sich so Labor-Hügieniker bei einer Wunde denken, er hat ja nichts gelernt über Wunden und kann wahrscheinlich Furunkel nicht von Karbunkel unterscheiden. Auf der PC-Tastatur dürfen sie sich gerne austoben.
#6 am 15.03.2014 von Gast (Gast)
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Como ? Wo schrieb ich, dass Ärzte sich nicht die Händewaschen. Alle meine Aussagen Aussagen sind belegbar. Zu den Wunden: Gestern bat mich eine Stationsschwester in Gespräch doch bitte für die Ärzte eine Fortbildung zur Wundversorgung zu halten - und ja den Chefarzt dabei nicht zu vergessen :-)
#5 am 15.03.2014 von Dr. Bernd Kochanowski (Arzt)
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#3 Man polemisiert nicht gegen seine Auftragsgeber. Wie kommen Sie also auf die dumme Idee, Ärzte (Chirurgen) könnten sich nicht die Hände waschen? Das ist falsch und antiärztlicher Bildzeitungsstil. Sie können wahrscheinlich auch keinen Gasbrand erkennen, kommt wieder vor und wird wegen der Seltenheit sowohl fehleingeschätzt wie aus Kostengründen schlechter behandelt als früher. Der "Hygienestandard" z.B. bei Wunden ist eher schlechter als besser geworden, auch weil man Wert drauf legt, Ärzte unbedingt auszuschalten, die dann aber irgendwie doch immer den Kopf für andere hinhalten müssen. #2 Das mit "dem immer größeren werdende Rattenschwanz der "Mitverdiener" an ärztlicher Tätigkeit" ist großartig formuliert.
#4 am 14.03.2014 von Gast (Gast)
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Ja und Nein. Fragen Sie meine Einsender (rhetorische Floskel). Ich beleidige selten Leute. Ich bin auch Krankenhaushygieniker, Schwerpunktthema ist aber die Antibiose. Vermutlich halten Sie meine Mitarbeit hier auch für parasitär, tun vele, erklärt ein Teil der heutigen Probleme. Ein andere Teil ist durch Selbstüberschätzung erklärt.
#3 am 13.03.2014 von Dr. Bernd Kochanowski (Arzt)
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Dr.Bayerl, Arzt
@Dr. Bernd Kochanowski, Sie sind wahrscheinlich so ein Labordokter (Hygieniker, oder wie die heißen), die zu dem immer größeren werdende Rattenschwanz der "Mitverdiener" an ärztlicher Tätigkeit gehören, die ihre Wichtigkeit damit unterstreichen, dass sie Ärzte beleidigen (Händewaschen)
#2 am 12.03.2014 von Dr.Bayerl, Arzt (Gast)
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Sehen Sie Herr Kollege, es ist ganz einfach: Solange erläutert werden muss, was Basishygiene ist, Ärzte (weiblich wie männlich) offensichtlich zu wenig Händedesinfektion betreiben, mit "Lametta" behangen im OP erscheinen, die Gerätschaften (neuerding als "Medizinprodukte" gesetzlich beregelt) nicht hygienisch respektvoll behandeln, kurz: Stockfehler allenhalben anzutreffen sind, solange begeben wir Hygieniker uns auf alle nur denkbaren Nebenkriegsschauplätze. PC-Tastatur, Krawatten usw. sind Ausdruck der Verzweiflung der Krankenhaushygiene. Und deshalb fällt mir zu Ihrem Beitrag auch Mattheus 7,3 ein. Es kommt nicht darauf an, die Welt (also die Besucher) keimfrei zu bekommen, es kommt darauf an, die Keime, die durch eine nicht durchdachte Antibiotikagabe [wie sie immer noch tagtäglich in den Kliniken (und bei den Niedergelassenen) zu beobachten ist] selektiert werden, nicht weiter zu verbreiten. Und diese Verbreitung erfolgt durch das Personal der Klinik. Weil nämlich das Personal in einem Umfang mit Patienten Kontakt hat, wie es die Besucher üblicherweise nicht haben. Nicht, natürlich, dass Sie ganz unrecht hätten. Ein wenig mehr Bewusstsein für das Händewaschen, wäre gar nicht schlecht.
#1 am 12.03.2014 von Dr. Bernd Kochanowski (Arzt)
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