Unter Uns

05.03.2014
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Als niedergelassener Arzt ist man ja eher Einzelkämpfer.  Wie gut, dass es Fortbildungen gibt, wo man sich weiterbilden kann, die lieben Kollegen trifft und sich auch mal zwischenmenschlich austauschen kann. Soweit die Theorie.

Da ich ja noch Hausärztin in Ausbildung bin, versuche ich natürlich zu so vielen Fortbildungen, Stammtischen etc. wie möglich zu gehen. Einmal um dazuzulernen, um Kontakte zu knüpfen und ein Netzwerk aufzubauen und auch, weil mir der kollegiale Austausch wie in der Klinik schon etwas fehlt. Nach nun längerer und ausführlicher Erfahrung mit solchen Fortbildungen kann ich nun aufgrund meiner gewonnen Erkenntnis sagen: Es sind immer dieselben bei den Fortbildungen. Nicht unbedingt die selben Menschen, aber die selben Arten von Kollegen.

Da gibt es einmal den Besserwisser (davon kann es auf einer Fortbildung durchaus mehrere geben, dann wird es interessant) der alles, aber auch wirklich alles, besser weiß. Egal wie qualifiziert und kompetent der vortragende Kollege ist, egal, wie speziell und kompliziert das Thema ist. Der Besserwisser weiß es- besser. Immer. Und wenn er es nachgewiesenermaßen einmal nicht besser weiß, dann ist das ein bedauerlicher Einzelfall, eine Ausnahme von der Ausnahme, oder er hat es ja schon vorher gewusst und so gemeint, die anderen haben ihn nur missverstanden. Grundsätzlich lässt er kaum einen Satz des Vortragenden unkommentiert, sehr zu Freude seiner ihn umgebenden Kollegen, die praktisch "gratis" zum eigentlichen Vortrag noch einen extra Besserwisser-Vortrag hinzubekommen.

Während der Fragezeit nach dem Vortrag fällt er durch schlangenartige, spitzfindige Fragestellungen auf, die eigentlich auch keine richtigen Fragen beinhalten, sondern nur zur Festigung seines Besserwisser-Statusses dienen. Die Fragezeit ist seine Chance, dem Vortragenden zu verklickern, dass sein Vortrag zwar ganz nett war, aber doch nicht das ganze weite Feld abgedeckt hat, was aber der Besserwisser in seiner Allwissenheit durchaus überblickt und worauf er den Vortragenden dann freundlich in einem Nebensatz hinweist.

Wirklich interessant wird es, wenn sich im Raum zwei Besserwisser befinden, die am besten noch zwei konträre Ansichten vertreten. Da kann sich die Diskussionszeit schon mal zum Kräftemessen verwandeln. Der Vortragende kann dann oft nur noch hilflos zusehen, wie die Argumente wie Ping-Pong-Bälle zwischen den Besserwissern hin- und herfliegen.

Eigentlich eine Unterkategorie des Besserwissers ist der Bessermacher. Er hat an allem etwas auszusetzen, und hätte alles anders und besser gemacht. Der Vortrag ist entweder zu trocken, zu akademisch, nicht akademisch genug, zu flapsig. Die Präsentation ist zu textlastig, zu bildlastig, die Diagramme sind falsch beschriftet, die Studien sind falsch interpretiert, der Vortragende ist zu öde, zu leise, zu laut, zu unruhig... Auch der Bessermacher lässt seine unmittelbare Umwelt gerne an seiner Meinung teilhaben, sucht aber nach dem Vortrag nicht das Gespräch, sondern eher das Weite.  Die Bessermacher sind eher von griesgrämiger Natur und schwer zufriedenzustellen. Auch soziale Kontakte gestalten sich eher schwierig, da alles von der möglichst negativen Warte aus gesehen wird.

Eine ganz andere Kategorie sind die Sozialen. Sie sind sehr sozial. Sozial im Sinne von: Sie müssen sich ständig mit ihren Nachbarn austauschen. Über alles. Über den Friseur, die Weltlage, Kindererziehung, Buchhaltungstipps, Ärger mit dem Finanzamt. Ihren übermäßigen Hang zu reden lassen sie sich auch nicht durch einen Vortrag samt Vortragenden kaputtmachen. Da muss man dann einfach etwas lauter reden. Da sie so selbst mit Sprechen beschäftigt sind, haben sie verständlicherweise Schwierigkeiten, dem eigentlichen Vortrag zu folgen. Das macht aber nichts, sie sind vor allem wegen der zwischenmenschlichen Interaktionen gekommen, und wichtige Neuerungen stehen ja eh im Ärzteblatt.

Eine gegenteilige Kategorie sind die Desinteressierten. Sie sind zwar körperlich da, aber geistig ganz weit weg. Sie starren alternativ minutenlang auf ein und denselben Punkt, oder sie gucken mal zur Decke, zum Boden, zur Wand und wieder zur Decke. Begleitet wird das ganze von tiefen Seufzern alle 5 Minuten. Aufschreiben oder Nachfragen tun sie sowieso nicht, sie warten immer nur darauf, dass sie wieder gehen dürfen.

Die letzte Kategorie sind diejenigen, die nur wegen des Essens und der Geschenke kommen. Sie sind sehr enttäuscht und schnell wieder weg, wenn es weder das eine noch das andere gibt. Sie sind immer die ersten am Buffet, und sind dort am häufigsten zu finden. Fortbildungen, wo man währenddessen essen darf, sind ihnen mit Abstand am liebsten. Fortbildungen ohne alles besuchen sie erst gar nicht. Ihr erklärtes Ziel ist es, sich das Abendbrot zu sparen, wenn das erreicht ist, verlassen sie zufrieden die Fortbildung.

Und dann gibt es noch die Schläfer. Die kommen, setzen sich hin, schlafen ein und wachen am Ende wieder auf. Die sind mir mit am liebsten. Außer sie schnarchen.

Die meisten dieser Kategorien kenne ich schon von früher. Die gab es auch schon in der Schule und in der Uni. Schön, dass sich manche Dinge nie ändern.

 

© Titelbild: Till Westermayer, flickr / CC by-sa

Artikel letztmalig aktualisiert am 19.07.2014.

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Gast
"Die meisten dieser Kategorien kenne ich schon von früher. Die gab es auch schon in der Schule und in der Uni. Schön, dass sich manche Dinge nie ändern." Ärzte sind auch nur ehemalige Schüler und Studenten ;)
#3 am 19.07.2014 von Gast
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Ich bin Besserwisser,denk ich. Aber ich weiß leider nicht alles. In der Schule weiß ich auch immer alles besser. Es steigert mein Selbstwertgefühl wenn ich schlauer als andere bin.
#2 am 17.06.2014 von Gast (Gast)
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Gast
Ein ganz scharfsinniger Beitrag. Und wahr ist er auch :-)
#1 am 05.03.2014 von Gast (Ärztin)
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