Wenn die AOK ein Gesicht hätte

27.02.2014
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Crowdfunding für medizinische Behandlungskosten findet in den USA immer mehr Anhänger. Hier werden Krankheitsgeschichten lebendig. Die klassische Krankenversicherung wirkt dagegen wie ein Modell von gestern.

O.K., Krankenversicherungen sind Scheiße. Bei der GKV erhält man reduzierte Leistungen und wartet ewig auf den Facharzt. Ist man bei den Privaten, bekommt man zwar den Termin sofort - dafür wird alle 12 Monate kräftig an der Beitragsschraube gedreht. Noch schlechter ist es aber, gar nicht versichert zu sein. Dann muss man im Krisenfall alles selbst zahlen - oder... ja, oder man geht ins Internet.

Auf Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter , Indiegogo oder GiveForward versuchen immer mehr Patienten - vor allem aus den USA - finanzielle Unterstützung für ihre Behandlungskosten zu erhalten. Egal, ob Krebserkrankung, IVF oder Zahnreparaturen: Das Angebot an Krankheiten zur Mitmach-Finanzierung umfasst zwar nicht den gesamten ICD10, ist aber bereits sehr umfangreich. Der auf medizinisches Fundraising spezialisierte Service GiveForward hat nach eigenen Angaben bereits über 87 Mio US$ für Behandlungen eingesammelt und verteilt - sicher nicht der Jahresetat einer Krankenkasse, aber auch kein Spielgeld.

"Finanziere, was Dir wichtig ist", "You can change someone's world" - unter diesen Claims appellieren die Fundraiser dabei an Mitgefühl und Solidarität. Das erfordert von den Betroffenen verdammt viel Mut, schließlich wird die eigene Krankheit durch so eine Kampagne öffentlich gemacht. Dieser Mut zahlt sich aber in doppelter Hinsicht aus - in konkretem finanziellen Support und in moralischer Unterstützung, die die Teilnehmer über das Web erhalten. Meist sind es übrigens nicht die Kranken selbst, die hier Kampagnen einstellen, sondern ihre Freunde oder ihre Familie. 

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Quelle: Screenshot GiveForward

Auf Crowdfunding-Plattformen bekommen Krankheiten plötzlich ein Gesicht. Und das macht einen deutlich betroffener als epidemiologische Statistiken. Der kleine Junge mit therapierefraktärer Epilepsie, der Bandgitarrist mit Hodgkin-Lymphom - die Bilder machen einem schnell klar, dass die eigene Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist.

Deutsche Krankenversicherer täten gut daran, sich von den Crowdfunding-Seiten etwas abzuschauen. Denn hier ist das Solidarprinzip noch lebendig - und nicht leblos zwischen Aktendeckeln eingeklemmt.

 

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.07.2014.

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Lieber Herr Holub, wenn sie unsere Entwicklung wirklich so lange Zeit mitfühlend verfolgt haben, hätten sie wenigstens unseren Namen richtig schreiben können... ;-) Im übrigen freuen wir uns immer über gute Themenvorschläge - und Autoren, die selber aktiv mitbloggen.
#16 am 05.03.2014 von Dr. Frank Antwerpes (Arzt)
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Wenn man die Entwicklung von dockcheck längere Zeit verfolgt, ist ersichtlich, dass immer mal wieder der Stoff ausgeht, über den es zu schreiben lohnt. Da darf man dann die Kommentare der Kommentatoren bewerten (wurde wieder abgeschafft), da darf man für die Pharmaindustrie neue Medikamente erproben (wurde hoffentlich wieder abgeschafft - habe jedenfalls in letzter zeit kein Angebot meher bekommen) oder man darf Kollegen beraten und drüber diskutieren. Oder man schreibt schnell einen flott aufgemachten Text, um Lese-Platz zu füllen und die Lesegemeinde wieder mal etwas aufzuwirbeln. Richtig, ich konnte gerade auch nicht an mich halten, aber man sollte so ein Niveau einfach übergehen und sich seinen Teil denken.
#15 am 05.03.2014 von Karl-Heinz Holub (Psychotherapeut)
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von USA kommt nichts gutes, war vielleicht früher mal?
#14 am 04.03.2014 von Gast (Gast)
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Gast
Das deutsche Gesundheitsystem hat schon seine "Macken" und sollte positiv für die Stakeholder ( Anspruchsgruppen ) reformiert werden,aber diese vorgestellte Form, die in der USA produziert wird ist erniedrigend,gerade weil die med. Hilfe sich auf das Glücks- bzw.Zufallsprinzip minimiert, so kann und darf kein Gesundheitssystem funktionieren !!! Zum Datenschutz sage ich mal lieber gar nichts.
#13 am 02.03.2014 von Gast
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Dr.Bayerl
@#12 ganz hervorragend, eine Stimme der Vernunft!
#12 am 01.03.2014 von Dr.Bayerl (Gast)
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Gast
Der Ansatz ist m.E. falsch. Dem Einzelnen wird vermittelt: du bist dumm.. du bist auf GKV/PKV, Pharmaunternehmen usw angewiesen, DIE wissen, was für dich richtig ist.. - Um Gesundheit zu bewahren resp. wieder zurück zu erlangen, muß der Einzelne wieder 'ins Boot der Eigenverantwortung' geholt werden, sprich Schulung vom ersten Schul - Tag an; alle möglichen und unmöglichen Fächer werden unterrichtet. Das, was uns am nächsten ist, nämlich unser Körper und wie er 'tickt', gesund bleiben, unterstützt werden kann abseits von Pharma und Co., bleibt verborgen und eben jenen vorbehalten - zum Schutze der Volksgesundheit ??, SO ein Quatsch! Menschenverachtend, am Bedarf des Einzelnen vorbei und total überteuert, wie ein Jeder weiß - v.a. die Verantwortlichen. Was auch Jeder weiß: es geht gar nicht um die Gesunderhaltung/-werdung, sondern lediglich darum VIEL Geld zu 'machen' und nur so zu tun, als ob! Betroffene sollten also nicht um ihr gesundes Grundrecht betteln...
#11 am 01.03.2014 von Gast (Heilpraktikerin)
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... die AOK hat auch besser kein Gesicht, denn es wäre eine häßliche Fratze ...
#10 am 01.03.2014 von Ulrich Mandlmeier (Arzt)
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Ist ja widerwärtig, dieses US-amerikanische Bettelsystem.
#9 am 01.03.2014 von Gast (Gast)
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Gast
Dr. med. Inge Schwersenz Erbärmlich und unwürdig fällt mir dazu ein. Wer keine großen Kinderaugen hat und seine Story nicht gut verkauft, hat halt Pech, so sieht die "Solidarität" in diesem Fall aus. Es schwappt übrigens schon nach Deutschland. Vor kurzem konnte man den deutschen "Sportler des Jahres" im Fernsehen dabei bewundern, wie er für die Fiananzierung einer Gesundheitsleistung für einen kleinen Jungen warb. Horrorszenario: Die Klinikkonzerne sahnen den Profit ab, für den Rest, der nicht die passende profitable Krankheit hat, gibts "Crowdfunding".
#8 am 01.03.2014 von Gast (Ärztin)
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Das ist ja toll. Der neue Euphemismus für Bettelei ist also nicht mehr Charity sondern Crowdfunding... Ich finde so ein auf Bettelei beruhendes Finanzierungssystem hundserbärmlich. Hoffentlich sterbe ich, bevor diese Sch.... über den Atlantik nach Europa schwappt.
#7 am 01.03.2014 von DP Volker Ramm (Psychotherapeut)
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Vor allem sollte man mal den Pharmaherstellern etwas mehr auf die Finger klopfen- die verlangen z.T. astronomische Summen für ihre recht wenig hilfreichen Wirkstoffe, die auch noch oft mit erheblichen Nebenwirkungen behaftet sind. Dann brüsten sich Bayer und Co auch noch mit riesigen Profiten ...... Gerade bei KrebsMedikation ist das so : Teuer, aber nicht besonders gut......
#6 am 01.03.2014 von M.D. Manfred Engel (Arzt)
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Klar, deutlich und ein sinnstiffdender Gegenpol zu dem sinnlos monetär ausgerichtetenden Gesundheitssystem der BRD, welches zudem von inkompetentem Sachbearbeitern verwaltet wird. Was für eine ethische Schande in einem so reichen Land, welches durch klügeres Vorgehen auch noch Geld sparen könnte. Politiker denken zwar gerne, aber überlassen das Nachdenken der Inkompetenz von sog. Experten, nach der sie sich dann wider besseren Wissens auch noch verlassen. Expertise ist etwas ganz anderes!
#5 am 28.02.2014 von Dr. med. Carsten Schmidt (Arzt)
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wer es immer noch nicht kappiert hat, die finanzielle Seite der Behandlung von Krankheit in USA ist nicht besser sondern schlechter.
#4 am 28.02.2014 von Gast (Gast)
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Beate Blättner
Dann passiert das, was bei Fundraising immer passiert: Kinder sind niedlich, kranke Kinder erzeugen Mitleid. Aber wer interessiert sich schon für alte, chronisch kranke Menschen oder für die, die doch ohnehin selbst schuld sind. Seltene Erkrankungen sind inn, häufige out. Das hat wenig mit gesundheitlicher Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit zu tun.
#3 am 28.02.2014 von Beate Blättner (Sonstige)
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Bei aller Liebe, aber ewig muss man in Deutschland noch nicht auf einen Facharztterminwarten, bei akuten Erkrankungen wird man vorgezogen, zumindest wenn der Arzt anruft. Ich befürchte die Zahl der Greencard-Aspiranten wird durch diesen Artikel nicht anwachsen.
#2 am 28.02.2014 von Robert Enderle (Arzt)
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Gast
Ein krankes Gesellschaftssystem schön reden, abartig. Wenn ich z. B. mit meiner Barmisiererei nicht professionell genug bin, bleibe ich unbehandelt. Sozialdarwinismus pur. Ich hoffe nicht, dass diese Denkweise in unserem Gesundheitssystem Fuß fasst.
#1 am 28.02.2014 von Gast (Medizinpädagoge)
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