Klare Worte

19.03.2014
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Vor ein paar Wochen kam wieder ein Patient zu mir, den ich jetzt bestimmt schon 8 Mal behandelt habe. Er ist Anfang 50 und arbeitet im öffentlichen Dienst in einer Abteilung, die unter sehr hohem Krankenstand leidet. Dieser Patient, nennen wir ihn Schubert, hatte sich in der Vergangenheit mit verschiedenen Problemen vorgestellt, von Erkältung über Rückenschmerzen bis Tendinitis war alles dabei. Momentan hat er Probleme mit der Schulter. Nichts ernstes, nichts neues, alles abgeklärt, auch gut mit Medikamenten und Therapien versorgt. Zunächst war er für zwei Wochen krankgeschrieben, dann kam er wieder, es war zwar besser, "aber noch nicht gaaanz gut, Frau Doktor", bekam noch eine Woche. Jetzt stellte er sich wieder vor, er würde gerne noch zwei Wochen Zuhause bleiben, danach geht er eh erstmal in den Urlaub. Als ich Herr Schubert etwas gezielter nach den Beschwerden fragte, kam raus, dass er eigentlich keine mehr hat, außer bei einer einzigen bestimmten, eher nicht dem normalen Bewegungskreis entsprechenden Schulterbewegung zieht es noch manchmal.

"Herr Schubert, eigentlich gibt es keinen Grund mehr, Sie weiter krank zu schreiben"

"Och, aber wie gesagt, manchmal piekt es noch ein bißchen." "Brauchen Sie noch Schmerzmittel?"

"Ach nö schon lange nicht mehr. Aber meine Kollegen machen auch immer solange krank und Zuhause ist auch ganz nett, komm ich endlich mal in Ruhe dazu, den Garten umzugraben und den Rasen neu anzulegen"

Ich entschied mich daraufhin, etwas deutlicher zu werden und ihm zu erklären, dass "Krankschreibung" nicht einfach ein anderer Name für "Urlaub" ist, egal ob das seine Kollegen auch so machen. Und habe ihn wieder arbeiten geschickt. Seitdem wart er nicht mehr in unserer Praxis gesehen, also gehe ich davon aus, dass er wieder arbeiten gegangen ist.

Ebenfalls vor ein paar Wochen kam einer junger Kerl, 14 Jahre, mal wieder mit einer Erkältung bei mir vorbei. Während der Anamnese erwähnte er beiläufig: " Sollte ich während der Erkältung mit dem Rauchen aufhören?"  Etwas erstaunt fragte ich, wieviel er denn am Tag rauche. "Na so eine gute Schachtel ist es bestimmt"

Daraufhin musste er sich von mir auch einige klare Worte gefallen lassen, warum das mit dem Rauchen, egal wie cool es auch sein mag, überhaupt keine gute Idee ist.  Das fand er nicht so toll, und als sein Husten nach ein paar Tagen nicht besser war und er sich noch einmal vorstellte, wollte er sich lieber von meiner Chefin behandeln lassen. Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass er einer weiteren Standpauke entgeht. Dummerweise hatte ich ihr von seinen Rauchgewohnheiten erzählt, so dass es für ihn auch dort kein Entrinnen gab.

Manch bittere Medizin, die die Patienten schlucken müssen, kommt nicht in Tablettenform, sondern in Form von klaren Worten. Ob es was nutzt- meistens nicht, manchmal schon. Es ist nicht immer leicht, bei solchen "Standpauken" den richtigen Ton zu treffen, dass sich der Patient nicht zu angegriffen fühlt, die Botschaft aber trotzdem ankommt. Je länger ich jetzt hausärztlich arbeite, desto häufiger verwende ich meinen Patienten gegenüber schon einmal deutliche Worte. Auch wenn es für sie oft keinen Unterschied macht, für mich ist es wichtig.

 

 

Bildquelle: LEOL30, flickr / CC-by-nc

Artikel letztmalig aktualisiert am 17.04.2014.

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Medizin, Allgemeinmedizin
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stud.med.LM
Es gibt da eine schöne Methode namens Motivational Interviewing, mit denen man weg vom paternalistischen Arztmodell bis zu 25% der Raucher zum Aufhören bewegen kann. Bei den erwähnten, paternalistischen "Standpauken" sind es deutlich weniger - um die 5-10%. Die Zahlen sind aus einer Vorlesung an der Uni Greifswald, aber hier auch noch was von der Cochrane Collaboration: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20091612
#2 am 17.04.2014 von stud.med.LM (Gast)
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Zwar bin ich keine Aerztin, aber ich kann als Jura-Studentin doch auch gut nachempfinden, wie es so ist mit dem Patientengut, das klare Worte braucht als "Heilmittel". Vielleicht wäre ein zusätzlicher Erfolg möglich, wenn den Patienten eine volle Selbstverantwortung beigebracht wird: Wenn der 14 jährige Knaben weiter raucht, ist das seine Entscheidung, aber er soll dann die Konsequenzen tragen beim Altern: Schwarze Lunge, Kurzatmigkeit etc. Einem schon mal auf die Konsequenzen des Tuns bei aller Freiheit hin zu weisen, würde einen besseren Umgang mit dem hohen Persönlichkeitsgut im Sinne des Leibes bestenfalls mit sich bringen. Respekt vor dem Leben generell...
#1 am 21.03.2014 von Stud. Edith Meyer (Studentin)
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