Tod auf Rezept

01.04.2014
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Letzte Woche wurde ich zu einem dringenden Hausbesuch gerufen. Patientin in den 60ern, seit 2 Jahren mehr oder weniger an das Bett gefesselt aufgrund einer unheilbaren, aber relativ langsam voranschreitenden Krankheit. Geistig noch ganz fit, kann sie die Arme nur noch etwas, die Beine gar nicht mehr bewegen, auch Sprechen fällt ihr schwer. An dem Tag, an dem ich von ihrem Mann gerufen wurde, hatte sie beschlossen, sich jetzt umzubringen, indem sie alle Nahrung, Medikamente, Körperpflege, Toilettengänge etc. verweigert. Ich konnte sie davon überzeugen, dass diese Art von Verweigerung nicht zu einem schönen oder wenigstens schnellen Tod führt. Trotzdem steht dieser Wunsch im Raum, dass sie ihr Leben selbstbestimmt beenden möchte. Wohlgemerkt ein Leben, das durch ihre Erkrankung doch relativ absehbar beendet werden wird. Aber sie kann mit dieser Erkrankung durchaus noch einige Jahre mit immer schlechter werdenden Gesundheitszustand weiterleben, das nun will sie nicht. Es ist jedermanns Recht, wenn er geistig gesund und sich der Konsequenzen bewusst ist, sein Leben selbstbestimmt zu beenden, wenn er das möchte.  Dieses Recht hat meine Patientin gerade mit dieser Diagnose gewiss auch. Ihr Mann ist damit auch einverstanden. (So einverstanden man eben sein kann, wenn der Partner, den man liebt, aus diesem Leben scheiden möchte)

Neben den durchaus interessanten ethischen und auch philosophischen Fragen, wann welches Leben noch lebenswert ist oder auch nicht, und ob es einen "gesunden" Suizid gibt, im Gegensatz zum Suizid als Symptom einer wie auch immer gelagerten psychiatrischen oder anderen Erkrankung, stellt sich doch auch die praktische Frage nach dem "Wie". Die Patientin hat mich dann nach Möglichkeiten gefragt und mich damit etwas in Schwierigkeiten gebracht. Als Arzt gehört es eigentlich nicht zu meinen Aufgaben, Menschen dabei zu helfen, sich umzubringen. All mein Wissen ist auf den Erhalt des Lebens ausgerichtet.

Was nimmt man da am besten? Morphin? Insulin? Schlaftabletten? Ich habe keine wirkliche Ahnung. Und dann müssen sie ja auch noch an "den Stoff" rankommen, das heißt, sie bräuchten ein Rezept. Nun kann ich ja schlecht auf ein Rezept eine größere Menge Morphin aufschreiben mit der Begründung: "Für Suizid"

Selbst wenn ich ihnen die Medikamente auf anderen Wege beschaffen würde, wüsste ich nicht, ob ich das wirklich machen möchte. Es gehört eigentlich nicht zu meinen Aufgaben. Andererseits, an wen sollen sie sich sonst wenden, wenn nicht an ihren behandelnden Arzt?

Schwierig. Ich weiß noch nicht, wie es mit der Patientin weitergeht oder wie ich mich entscheide.

 

Bildquelle: DenKuvaiev, thinkstock

Artikel letztmalig aktualisiert am 04.09.2015.

52 Wertungen (4.04 ø)
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Medizin, Allgemeinmedizin
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Gast
Koffein? ab ca 10 Gramm und in jeder deutschen Apotheke erhältlich ...
#12 am 07.03.2016 von Gast
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Gast
Wie ist der Suizid mit Morphium (Mundidol usw.) ?
#11 am 04.09.2015 von Gast
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Sohn des Doktors
Das Problem ist die CDU! Christlich als Vorwand etwas Gutes zu wollen! Doch fakt ist nunmal, daß Religion in einer aufgeklärten Gesellschaft keine Vorschrift mehr sein darf, denn es gibt keinen Gott! Daher wäre es Aufgabe, des Parlamentes durch ein Missbrauch sicheres Verfahren sicher zu stellen, daß niemand gezwungen wird sehenden Auges in die Schmerzkatasthrophe zu laufen. In Fällen mit unheilbarem Schmerz muß der Patient oder seine Angehörigen das Recht (!) haben in Abstimmung mit einem Facharzt, dem Menschen dieses Leid zu ersparen. Till
#10 am 11.05.2015 von Sohn des Doktors (Arzt)
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Deutschland braucht weder eine Diskussion über selbstbestimmtes Leben und Sterben, noch eine Diskussion über ärztlich assitierten Suizid, sondern lediglich die Aufhebung der Verschreibungspflicht für Phenobarbital. Dann könnte jeder Mensch selbst und selbstbestimmt seinem Leben ein Ende setzen, wenn ihm danach ist; wogegen aus meiner Sicht überhaupt nichts einzuwenden ist, denn es gibt keine Lebens- oder Leidenspflicht. Wieso braucht es aber hier überhaupt einen Arzt? Muß denn in unserer degenerierten Überflußgesellschaft alles medikalisiert werden?
#9 am 20.11.2014 von Dr. med. Sven Goddon (Arzt)
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Mit Stickstoff bringt man sich am besten um.Wegen Hypoxie,dadurch entsteht Euphorie und.Odersoo.
#8 am 17.06.2014 von Gast (Gast)
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Gemäss schweizerischem StGB gilt: Hilfe beim Sterben ist straffrei, Hilfe zum Sterben ist darentgegen strafbar. Suizid ist nicht strafbar gemäss StGB. Ein Nächster darf für seinen sterbewilligen Nächsten aber nicht die Selbstmordtat ausführen, zB das tödliche Medikament verabreichen. Die sterbewillige, sich suizidierende Person sollte das Becherli selber zu den Mund führen etc. Wenn Sie als Arzt helfen möchten beim Suizid, dann sollte das sicher nicht im Alleingang entschieden werden, sondern kollegial. Die Beihilfe zum Suizid ist straffrei, insofern keine selbstsüchtige Beweggründe im Hinter- oder Vordergrund stehen. (Schweizerisches StGB, Art 115) Der Suizidwillen soll klar unterschieden werden von der Tötung auf Verlangen. Sogar »Wer aus achtenswerten Beweggründen, namentlich aus Mitleid, einen Menschen auf dessen ernsthaftes und eindringliches Verlangen tötet, wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe bestraft.« (Schweizerisches StGB, Art 114)
#7 am 20.04.2014 von Stud Edith Meyer (Studentin der Humanmedizin)
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Gast
Schwieriges Thema, schön dargestellt.
#6 am 07.04.2014 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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Es gibt doch nun wirklich genügend Möglichkeiten, ohne Belastung eines Dritten aus dem Leben zu scheiden! Dazu muss man doch nicht ins Ausland fahren! Gerade der mächtige Arzt darf das seit Hypokrates nicht. Es ist natürlich ein vom Mensch gesetztes Gebot, aber ein sinnvolles. Denn die unweigerliche Folge ist die Tötung GEGEN den Willen des Betroffenen und das ist heute bereits Realität, ob sies glauben oder nicht. Auch das Verbot der Todesstrafe ist vielen ein Dorn im Auge. Man vergleiche bitte: Todesstrafe nein! Tötung mit "medizinischer?" Begründung ja. Gegen den Willen des Betroffenen heute in Holland möglich.
#5 am 03.04.2014 von Gast (Gast)
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In welcher Gesellschaft leben wir, in dem ich als mündiger, selbstständig denkender Mensch (auch völlig unabhängig von der Meinung des Ehepartners/Angehörigen) mit schwerster, nicht lebenswerter (subjektives empfinden) Erkrankung nicht selbst über mein weiteres Schicksal entscheiden darf?! Ich hätte auch als Arzt keine Gewissensprobleme so einer Person ein würdiges Sterben zu ermöglichen.
#4 am 02.04.2014 von Niklas Hoffmann (Student der Humanmedizin)
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Mir hat das buch "Ausweg am Lebensende - selbstbestimmtes sterben durch freiwilligen Verzicht auf essen und trinken" von Chabot und Walther einen neuen Blick auf die angesprochene Problematik gegeben- es ist einige zeit her dass ich das Buch gelesen habe, den Eindruck das dieser Weg ein grauen ohne Ende ist habe ich jedoch nicht mitgenommen - es lässt den Beteiligten zB auch zeit sich von einander zu verabschieden.... Hier geht es dann auch wieder um ganz medizinische Dinge-nämlich das Leiden zu lindern und Beistand zugeben und schmerzen und Unruhe zu nehmen so gut es geht. Die Entscheidung liegt voll und ganz bei der Betroffenen und ein Weg zurück ist zumindest am Anfang noch möglich... Wenn er wohl auch oft nicht mehr genutzt wird. Ich glaube diesen Weg zu gehen bedarf einen sicheren Entschluss wirklich nicht mehr weiter leben zu wollen - ...
#3 am 02.04.2014 von Kornelia Götze (Ärztin)
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Manju
Einfache Enscheidung gibt es wirklich nicht. Selbst weil Tod sich nicht rückgängig machen lässt. Allerdings würde ich mich an der Stelle auch für eine Suizid eintscheiden und zwar schnellst möglich. Wenn es irrgendeine Hoffnung zur Heilung gäbe oder wenn ich mich in dem Fall wie eine Behinderte mich beschäftigen könnte, dann hätte ich auch warten können. In manche Fällen können selbst schwer Behinderten arbeiten.....Vor allem sollte es Gesetze und Regeln geben. Wer fühlt sich zuständig dafür, nur die Politikern die selten damit zu tun haben oder die Ärzte?
#2 am 02.04.2014 von Manju (Gast)
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Hallo! Ein schöner Artikel, welcher auch den Gedankengang eines Mediziners darstellt. Die Hauptaufgabe der Medizin ist zu heilen und nicht zu töten (Ausnahmen in der Geschichte vorhanden, welche aus heutiger Sicht absolut NoGo sind) - jedoch ist die Frage, darf ein Mensch freien Geistes entscheiden nicht mehr Leben zu wollen (in Deutschland)? Die Möglichkeit der Patientenverfügungen ist doch genau auf diese Absichtserklärung gemünzt (in Deutschland)? Jedoch wurde doch bereits in die Entscheidung eingegriffen, als gesagt wurde - eine Verweigerung von Essen und Trinken ist ein langsamer und grausamer Tod - Aufklärung oder Beeinflussung? Deutschland braucht eine umfangreiche solide Ethikdiskussion und Lösung zu diesem Problem - sonst wandern immer mehr Menschen in die Beneluxländer ab um diese Frage hierzulande zu umgehen (Todestourismus). Ich weiß selbst nicht, wie ich in der Situation entscheiden würde...
#1 am 02.04.2014 von Christian Czubacki (Psychologe)
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