Marktwert der Sexualität

04.03.2014
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Enttäuschte Erwartungen nach einem chirurgischen Eingriff führen immer wieder zu Konflikten zwischen Arzt und Patient. Eine 69jährige Patientin klagte nun auf Schadensersatz, da sie nach einer urologischen Operation an einer Dyspareunie litt. Die entscheidende Frage ist, ob ein ärztliches Fehlverhalten vorliegt.


Kasuistik:

Eine 69jährige Patientin wurde aufgrund einer zunehmenden Belastungsharninkontinenz sowie rezidivierender Harnwegsinfekte bei Zystozele nach entsprechender Aufklärung mittels Implantation einer TOT-Plastik (transobturatorisches Tape) sowie vorderen und hinteren Kolporrhaphie mit Netzeinlage urologisch operiert. Vier Monate später stellte sich die Patientin erneut vor, da sie über Beschwerden beim Geschlechtsverkehr klagte. Die konsiliarische gynäkologische Untersuchung ergab eine Rektozele sowie eine Vagialverengung, woraufhin eine gynäkologische Revisionsoperation erfolgte.

Daraufhin klagte die Patientin auf Schadenersatz in Höhe von €50.000, da sie den Urologen Behandlungsfehler sowie eine unzureichende Aufklärung vorwarf und die entgangene Freude am Geschlechtsvekehr mit Geld aufzuwiegen sei. Als Grundlage für die Berechnung trug der Anwalt eine durchschnittliche Koitusfrequenz von zwei- bis dreimal pro Woche bei einem Marktwert von €60 pro Geschlechtsakt und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 85 Jahren vor, wobei die abnehmende Frequenz mit zunehmendem Lebensalter berücksichtigt wurde. Ein vom Gericht beauftragtes Gutachten konnte keine Fehler bei der Operation feststellen. Ob präoperativ über das typische Risiko von Kohabitaionsschwierigkeiten informiert worden war, konnte nicht sicher geklärt werden, da dies laut Aussagen des aufklärenden Assistenzarztes zwar erfolgt wäre, eine entsprechende Dokumentation jedoch fehlte.

Das Gericht wies die Klage mit dem Hinweis ab, es könne kein Behandlungsfehler festgestellt werden, und auch die postoperativen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr ließen keinen Rückschluss auf einen Kunstfehler zu (AZ: 25 O 349/13). Auch bei einer in diesem Punkt möglicherweise unzureichenden Aufklärung könne die Klägerin nicht plausibel darlegen, dass sie sich bei einem Hinweis auf eine mögliche postoperative Dyspareunie aufgrund des erheblichen präoperativen Leidensducks und fehlenden adäquaten Behandlungsalternativen gegen den Eingriff entschieden hätte.

Die Patientin legte keine Berufung ein.


Dieser Fall verdeutlicht einmal mehr, dass Patienten von heute die Gerichtsgegner von morgen sein können und dass ein scheinbar unkompliziert verlaufener chirurgischer Eingriff kein Garant für Zufriedenheit ist, denn die Neigung, postoperative Beschwerden auf ein ärztliches Fehlverhalten zurückzuführen, ist groß. Zudem hat die Schadenersatzforderung dieser Patientin ein gewisses Schmunzelpotential, denn es stellt sich die Frage, ob es statthaft ist, den Wert privaten Geschlechtsverkehrs mit dem Marktwert von gewerblichem Sex anzusetzen. Die Kreativität von Patientenanwälten bei der Konstruktion von Schadenspositionen ist oft bemerkenswert.

Jedenfalls sollte man auch bei einer postmenopausalen Patientin ein intaktes Sexualleben nicht von vorne herein ausschließen und dies bei der Aufklärung offen ansprechen.

Mein Bauchgefühl als juristischer Laie findet dieses Urteil richtig.

 

Außenseitenbild: © gnlogic, flickr / CC-by

Innenseitelbild: © Wolfgang Sterneck / flickr / CC by SA

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.03.2014.

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#12 keine Schnellschüsse, 1) war es hier offensichtlich NICHT das Netz sondern die "hintere Kolporaphie" und 2) wie möchten Sie bitte die Blasensenkung refixieren. Ohne Netz geht da gar nichts. Man kann es allerdings extraperitoneal "von oben" (Burge) machen. 3) ich wundere mich, dass Sie nach #7 die Behauptungen für bare Münze nehmen. Offensichtlich hat ja auch eine "Nachkorrektur", die als "Erweiterung" der schon viel zu "weiten" Vagina technisch nicht schwierig sein kann nicht geholfen weil ja der Anwalt bis zumm 85.Lbj. in die Zukunft gerechnet hat. ... es sei denn, hm, es handelt sich hier um etwas exotisches wie fisting, da steht ein normaler doc natürlich auf verlorenem Posten, weil sowas ja heute unter ganz besonderem "gesellschaftlichen" Schutz steht.
#13 am 11.03.2014 von Gast (Gast)
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Gast
Aus diesem Grund (Kohabitationsbeschwerden) sollten Netze nicht bei sexuell aktiven Patientinnen eingesetzt werden
#12 am 11.03.2014 von Gast
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auch die "Hochrechnung" bis zum vermutlichen Tod (85) hat schon was. Man könnte ja dann auch die Bezahlung auf das 86.Lbj. festlegen.
#11 am 09.03.2014 von Gast (Gast)
  0
Dr.Bayerl
Nachsatz: das beschriebene rechtfertigt die vom Urologen durchgeführte "hinteren Kolporrhaphie".
#10 am 06.03.2014 von Dr.Bayerl (Gast)
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Dr.Bayerl
#7 Die heute gebotene Hochachtung vor weiblicher "Sexualität", die wir gerade als Ärzte selbstverständlich alle teilen, soll aber nicht blind machen vor der hier dahinterstehenden lokalen Problematik für den Kundigen: Das Vorhandensein einer Cystocele und die vom Gynäkologen beschriebene Rektocele (Kompliment!) impliziert die Existenz einer schweren Beckenbodeninsuffizienz auch mit Vaginalprolaps bzw. zwingend auch der "Isuffizienz der Vaginalwand" selbst, die grob gesprochen vorne und hinten ein Loch hat. Nicht nur das, der "Proktologe" fehlt hier noch, auch die Stuhlentleerung ist ähnlich der Harninkontinenz ernsthaft gestört. Die funktionellen "rektalen" Probleme kommen oft etwas zu kurz, vielleicht auch weil die Korrektur etwas schwieriger erscheint. Was hier also als ersatzpflichtig geklagt wurde, ist nicht ganz unbegründet eher eine virtuelle Erwartung auf etwas vorher schon nicht existierendes. Anwälte sind heute einfallsreich.
#9 am 06.03.2014 von Dr.Bayerl (Gast)
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Daniel Porst
Der Fall scheint zitiert. Die Haltung und den Ton des Autors finde ich (bis auf den persönlichen Abschlusskommentar, der ihm erlaubt sei) neutral. Ansonsten glaube ich, ist der Irrglaube Senioren seien sexuell eher inaktiv leider unter Jüngeren weit verbreitet.
#8 am 05.03.2014 von Daniel Porst (Gast)
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Gast
Die Haltung des Verfassers, finde ich unangemessen arrogant.Auch wenn man das gesamte Anliegen als Marginalien abtun kann,ist solch ärztliche Arroganz unangebracht. Ich finde nicht das Vorgehen des Operateurs zweifelhaft, wohl aber den Ton des Schreibers.
#7 am 05.03.2014 von Gast (Medizinisch-Technischer Assistent)
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Gast
Mit 69 3x wöchentlich ?!, immerhin beachtlich. Wie alt der Anwalt ist weiß man nicht ? Hatte sicher einen Jugendtraum vor Augen !
#6 am 04.03.2014 von Gast (Arzt)
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Der Anwalt war nicht ausreichend informiert: gibt es wirklich schon ab 15€ mit jüngeren exzellent ausgebildeten Partnerinnen.
#5 am 04.03.2014 von Gast (Gast)
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Gast
Vaginalverengung und Rektozele passt eigentlich NICHT zusammen!
#4 am 04.03.2014 von Gast
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Gast
Im Allgemeinen gilt Sex als gesundheitsfördernd, na ja bis auf diese kleinen Tierchen, wenn man allzu polygam ist. Da muss man also psychologisch eher vermuten, sie wollte, aber sie konnte nicht und wie Frauen so sind, da ist dann halt ein Andrer dran Schuld. Der Operateur hat mein volles Mitgefühlt. Wahrscheinlich hat auch der nachoperierende Gynäkologe "ungünstiges" zum Urologen verlauten lassen, kennt man ja, leider
#3 am 04.03.2014 von Gast
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Dr.Bayerl
Das alte Hase und Igel-Spiel, die "Patientin" sollte diese "Nebenwirkungsmöglichkeit" vorher unterschrieben haben. p.s. ist das "Netz" nach dieser ungewöhnlichen mechanischen Belastung noch intakt? Nicht dass sie sich noch einen Dekubitus reitet und das sich dann infiziert mit allen Folgeerscheinungen. Hat sie die erforderliche postoperative Schonzeit eingehalten? Ich erinnere mich an eine einzige Patientin, die mich persönlich verbal angriff, weil ich bei einer nicht ganz so stabilen Leistenherniensanierung (früher üblich) zur sexuellen Zurückhaltung von 4Wochen geraten habe. Es war schwer, ihr klar zu machen, dass das mit meiner Person nicht in Zusammenhang stehen konnte. Ich bin da immer ganz ganz unerbittlich neutral. Als Richter würde ich fragen: Ist die Inkontinenz behoben? Gruß
#2 am 04.03.2014 von Dr.Bayerl (Gast)
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Gast
"Jedenfalls sollte man auch bei einer postmenopausalen Patientin ein intaktes Sexualleben nicht von vorne herein ausschließen und dies bei der Aufklärung offen ansprechen." Da platzt mir gleich die Hutschnur! Das sollte doch wohl eine Selbstverständlichkeit sein.
#1 am 04.03.2014 von Gast (Weitere medizinische Berufe)
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