Fundstück der Woche: PDCB in WC-Steinen und multiple Sklerose

22.02.2014
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Mit einer ungewöhnlichen Fallgeschichte wartete die Fachzeitschrift „Journal of the American Medical Association" (JAMA) auf: R. M. Hession et al. Multiple Sclerosis Disease Progression and Paradichlorobenzene. A Tale of Mothballs and Toilet Cleaner. JAMA Neurol 2014; 71(2):228-232 berichten von PDCB-Abusus, Multipler Sklerose (MS) und Verdacht auf Pica Syndrom.

Bei einer langjährig wegen progressiver, therapieresistenter MS mit insgesamt 31 Natalizumab-Injektionen (rekombinanter monoklonaler Antikörper) behandelten Patientin fiel ein starker Geruch nach WC-Steinen auf. Bei intensiver Befragung gab sie an, seit ca. 15 Jahren regelmäßig von Toilettenreinigern zu essen, die in den USA in Törtchenform angeboten werden. Sie biss davon ab, zerkaute sie und spuckte sie wieder aus. Die zerkauten Toilettensteine halfen, ihre Ängste zu lindern.

Im Blut der Patientin war Paradichlorbenzol (PDCB) als Hauptinhaltsstoff von WC-Spülsteinen mit bis zu 18 mg/l nachzuweisen. Weitere Untersuchungen ergaben bilaterale interne Ophthalmoplegien und Nystagmus, Reflexstörungen und ein kognitives Impairment. Das MRT wies weitere, progrediente Läsionen auf. Die Ärzte gingen von einem neuen MS-Schub u n d einer PDCB-induzierten Enzephalopathie aus. 

Im Psychiatrie-Jargon würde man die hier veröffentlichte Kasuistik der MS-Patientin wohl als Pica-Syndrom (lat. pica: die Elster) bezeichnen. Nach ICD-10-GM "F50.8" eine eher seltene Essstörung, bei der Menschen Ungenießbares oder Ekelerregendes oral inhalieren, aufnehmen und/oder verspeisen. Vergleichbar dem Schnüffeln und/oder Inhalieren von Klebstoffen bzw. Lösungsmitteln mit euphorisierender oder sedierender Wirkung. Ein durchaus delikates Detail: Bereits im Titel ist von "Mottenkugeln" die Rede ["Multiple Sclerosis Disease Progression and Paradichlorobenzene - A Tale of Mothballs and Toilet Cleaner"]. Dass es in den USA Toilettensteine in "Törtchenform" gibt, hat wohl den irregeleiteten Appetit der Patientin mit Multipler Sklerose (MS) angeregt und ihr Krankheitsbild hochdramatisch verschlechtert.

Die umfassende Beurteilung des arbeitsmedizinischen Gefahrstoffs Paradichlorobenzol PDCB (Paradichlorobenzene, 1-4-dichlorbenzol oder p-Dichlorbenzol) findet sich unter http://abekra.de/Berufskrankheiten/Risikobereiche_Risikostoffe allgemein/begruend_900/900-1-4-dichlorbenzol.pdf „Akute Symptome nach Inhalation [von PDCB] bestanden in Schleimhautreizung, Atemnot, Anämie, Müdigkeit, Anschwellen von Gliedmaßen, Ödemen in den Füßen, Kreislaufprobleme, Herzversagen, Hepatitis, Methämoglobinämie und Ekchymosen (Henschler, 1991). Eine progressive chronische Enzephalopathie fand sich in zwei Personen nach extrem hoher inhalativer Exposition gegenüber Mottenkugeln (Miyai et al., 1988; Reygagne, 1992). Orale Aufnahme von p-DCB führt zu Schwindel, Erbrechen, Krämpfen, Müdigkeit, Anorexie, Bewusstseinstrübung, Anämie, Cyanose, Ödemen in den Füßen und veränderter Hautpigmentierung (Henschler, 1991). Verschlucken von Mottenkugeln (20-30 g/w) über 2,5 Jahre führte bei einer Einzelperson zur Hautpigmentierung und zu neurologischen Symptomen nach Expositionsende…“

Der älteste Hinweis auf die toxikologische Gefährlichkeit von PCDB fand sich bei Waligren, K., 1953: „Chronische Vergiftungen bei der Herstellung von Mottenmitteln, die größtenteils aus Paradichlorbenzol bestehen“, Zentralblatt für Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz, 3, 1953, 14-15. Da wird es doch Zeit, sich von seinen Toilettensteinen, Mottenkugeln und diversen Duftsteinen mit gefährlichem PDCB zu trennen und eher für Frischluft zu sorgen.

Bei dem detektivischen Aufwand der Autoren hätte durchaus ein "Dr. House" als Pate fungieren können.

 

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund 

Quelle: http://archneur.jamanetwork.com/article.aspx?articleID=1788739

Bildnachweis: © Praxis Dr. Schätzler Toilettenstein zum Einhängen - exakte Inhaltsstoffe werden nicht angegeben

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.03.2014.

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Bin mal gespannt auf die Langzeitfolgen von "Lufterfrischern" & Co. Seit neustem redet uns ja die Industrie ein, dass wir zu Hause unsere "Luft waschen" müssen, statt die Ursache für schlechte Gerüche zu beseitigen...
#5 am 13.03.2014 von Dr. med. Jan Schiefer (Arzt)
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Da lernt man in der Arbeitsmedizin "frag anamnestisch nach dem Beruf, der Tätigkeit" und nun nach diesem Artikel "frag, was essen Sie", wenn´s um eine umfassende toxikolog. Bewertung geht. Darauf kommen muß man!
#4 am 04.03.2014 von Dr. Eberhard Stamm (Toxikologe)
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Ja die geliebten Toilettensteine, einer von vielen Wegen, wie sich die Chemische Industrie ihrer Giftstoffe entsorgt und das mittlererweile schon seit Jahrzehnten.
#3 am 25.02.2014 von Horst Rieth (Biologe)
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Danke an Frau Kollegin Goischke für diesen wichtigen Hinweis und die notwendige Korrektur: Natalizumab ist ein rekombinanter monoklonaler Anti-α4-Integrin-Antikörper und darf z. B. n i c h t mit Interferon beta kombiniert werden. Meine 5 Patienten/-innen mit schwerer, schubförmiger MS erhalten in Zusammenarbeit mit ihren Neurologie-Experten Interferon beta-1a in Form von Avonex® oder Rebif®, deshalb meine Verwechselung. MfG
#2 am 24.02.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Natalizumab ist nicht Interferon
#1 am 24.02.2014 von dr. med. Eva-Maria Goischke (Ärztin)
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Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie schreibt unter http://www.psych.mpg.de/2290985/pm1594-heisshunger mehr...
Aber spätestens, wenn ein besonders komplexes, offensichtlich multifaktorielles Krankheitsgeschehen in blumiger mehr...

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