Hörende Medizin

19.02.2014
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Letzte Woche hatte ich die kleine Hausbesuchsrunde, was heißt, dass man normalerweise bereits nach 1,5 h fertig ist. Mir war das ganz recht, musste ich doch noch in die Autowerkstatt.

Als ich bei Patientin Nr. 2 angekommen war, einer lieben, älteren Dame, empfing sie mich schon an der Tür vollkommen aufgelöst.

"Frau Doktor, ich brauch was zur Beruhigung, ich bin heute so zitterig."

"Warum sind Sie denn so unruhig? Was ist denn passiert?"

Es stellte sich heraus, an diesem Tag war der ältere Bruder der Patientin überraschend verstorben. Er wohnte einige 100km weg und war mit Anfang 80  zwar nicht mehr gesund, aber ein so plötzliches Ableben war laut seiner Schwester nicht zu erwarten gewesen.

Ich setzte mich mit ihr auf die Couch und ließ sie erstmal erzählen.

Und wie sie erzählte. Von ihrem Bruder, wie er war, von den anderen Schwestern, die noch leben, von ihrer Mutter, die sie alle in der Nachkriegszeit alleine groß gezogen hatte, von ihrem Vater, der im  Krieg verschollen war und den sie mit 4 Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Von ihrem Ehemann, der sich ihre Geschichten nicht mehr anhören möchte, von den Träumen, die sie jede Nacht hat und wo die ganzen Irren und Wirren des Krieges, ihre Flucht als kleines Kind durch halb Deutschland und die harte Zeit der Nachkriegszeit wieder hochkommen. Von ihren Kindern, die sie zwar sehr liebt, aber die ihr eigenes Leben führen und sich nicht ständig um ihre Mutter kümmern können.

Ich brauchte nicht viel mehr zu sagen als "Aha", "ich verstehe", "Achso" und "Hm-hm"

Nach einer guten Stunde verabschiedete ich mich von ihr. Die Autowerkstatt habe ich natürlich nicht mehr geschafft, ich hatte Mühe, noch die anderen Patienten vor Beginn der Nachmittagssprechstunde fertig zu bekommen.

War es das wert? Nüchtern betrachtet, sicherlich nicht. Ich hatte keine Mittagspause, musste mich bei den anderen Patienten für das Zuspätkommen entschuldigen und bezahlt bekommt man solch einen extral langen Hausbesuch natürlich auch nicht.

Und trotzdem würde ich das immer wieder machen. Weil ich am Ende des Gesprächs die Erleichterung in ihren Augen gesehen habe. Erleichterung darüber, einfach mal die Sorgen mit jemanden zu teilen. Weil ich aus genau solchen Gründen gerne meinen Job mache, wenn ich fühlen kann, dass ich einem Patienten in einer schwierigen Zeit eine Hilfe war.  Das klingt zwar  abgedroschen und kitschig, entspricht aber der Wahrheit. Und es war auch kein großes Opfer meinerseits, es hat mich nur eine Stunde meiner Zeit gekostet.

Achja, das Beruhigungsmittel hat sie dann nicht mehr gebraucht.

 

© Titelbild: Rubén Iglesias, flickr / CC-by

Artikel letztmalig aktualisiert am 16.05.2014.

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Medizin, Allgemeinmedizin
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Gast
>Und es war auch kein großes Opfer meinerseits, es hat mich nur eine Stunde >meiner Zeit gekostet. >Achja, das Beruhigungsmittel hat sie dann nicht mehr gebraucht. Und wie sieht das jetzt der Pharmaberater Ihres Vertrauens ;-)
#4 am 16.05.2014 von Gast
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Liebe Kollegin A, ich lese mit Begeisterung Ihren Blog. Als alter Hausarzt (Kinderarzt und Allgemeinarzt), jetzt im kreativen Ruhestand und immer noch in der Notfallpraxis tätig, widme ich mich nebenbei meinem Hobby, dem Schreiben. Das ist der Grund meines Kommentars jetzt. Ich möchte Sie einladen zum Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte (www.bdsae.org) und auf meine Homepage www.dietrich-weller.de. Ich bin im Vorstand des BDSÄ, und wir suchen immer Mitglieder, die das Herz auf dem rechten Fleck und den Stift in der Hand haben. Ihr Kommentare würden auch gut in den Almanach deutschsprachiger Schriftstellerärzte passen, dessen Herausgeber ich bin. Ich freue mich, wenn Sie sich melden. Freundliche Grüße Dr. Dietrich Weller, Gmünder Str. 6/1, 71229 Leonberg
#3 am 28.04.2014 von Gast (Gast)
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Gast
Das ist nicht nur ein medizinisches Problem! Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, ein zwischenmenschliches, was fast in jeder Familie beginnt.
#2 am 20.02.2014 von Gast
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Auch wenn es sicher nicht darum geht sich alles im Leben bezahlen zu lassen, es IST ein Problem dass diese Art Gespräch nicht bezahlt wird. Und womöglich hat man dem Gesundheitssystem damit erspart etwas später eine längere Therapie zu bezahlen...
#1 am 19.02.2014 von Sonja Kupfer (Studentin der Humanmedizin)
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