Der Schmerzpatient

03.02.2014
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Regelmäßig habe ich KV-Notdienst, das heißt, ich besetze für einen Radius von ungefähr 25km das Notdiensttelefon des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes. Alle Patienten, die die bundesweit einheitliche Rufnummer unter 116 117 anrufen und sich in meinem Gebiet aufhalten, landen somit im Dienst direkt auf meinem privaten Handy. Ich muss mich um sie kümmern und gegebenfalls auch Hausbesuche fahren.

Vor einer Weile war ich kurzfristig am Sonntag für einen erkrankten Kollegen eingesprungen, und wie das so ist mit geerbten Diensten, sie sind selten schön. Dieser war sehr arbeitsreich, 10h lang war ich nur mit Patienten beschäftigt, ohne einmal Luft holen zu können.  Die meisten Anrufe erreichen einen sonntags so ab 10 Uhr morgens, man merkt richtig, die Leute haben ausgeschlafen, sind aufgestanden und haben dann gemerkt, dass sie krank sind.

Ich hatte mir aufgrund des großen Patientenaufkommens an diesem Tag alle geh- und transportfähigen Patienten mittags in die Praxis bestellt, um so alle gebündelt abarbeiten zu können. Die Patienten, die laut ihrer eigener Aussage zu krank für einen Praxisbesuch waren, habe ich anschließend im Hausbesuch besucht. So auch ein Patient, ein junger, Mitte 30jähriger Patient, mit- so schilderte er es mir wortreich am Telefon- uuuuuuuuuunglaublich starken Rückenschmerzen, so dass er völlig bewegungsunfähig sei und deshalb nicht in die Praxis kommen könnte. Gaaaanz schlimm. Also total furchtbar schlimme Schmerzen. Er leide wie ein Tier. Nun gut, dachte ich, dann muss ich wohl vorbeikommen. Ich sagte ihm aber, dass es noch 3h dauert, bis ich da bin, denn ich hätte noch einige andere dringende Fälle abzuarbeiten. Kein Problem, klang es plötzlich fröhlich durch die Leitung zurück, er hätte ja Zeit, ist ja schließlich Sonntag, haha. Spätestens bei dieser Bemerkung hätte ich hellhörig werden müssen, war aber schon zu sehr mit dem nächsten Patient beschäftigt, um irgendetwas zu merken.

Drei Stunden später am späten Sonntagabend erreichte ich das Haus dieses jungen Patienten. Er lag gemütlich im Wohnzimmer, neben sich eine Schüssel Mikrowellen- Popcorn und Schokolade und der Fernseher lief. Günther Jauch.  Den Fernseher konnte er leider nur stumm schalten und nicht ausmachen, er müsse  noch unbedingt wissen, was nach der Werbung passiert! Auch an dieser Stelle hätte ich aufmerken müssen, aber ich war bereits zu erschöpft. 

Der weitere Verlauf ist kurz erzählt: Er bot klinisch nichts weiter ausser etwas Druckschmerz muskulär lumbal, ohne Austrahlung in Beine oder andere neurologische Einschränkungen. Er hatte auch schon öfters "Hexenschüsse" gehabt, das wäre nichts neues.

Nach Stellung der Diagnose kamen wir also zur Therapie. Ich fragte ihn, ob er schon irgendwas gegen die Schmerzen genommen habe. Nönö, sagte er, er wollte erst auf mich warten. Nun gut, dachte ich, vielleicht hat er keine Schmerzmittel mehr im Hause. "Haben Sie noch Schmerzmittel hier?" "Och, na klar!", war seine Antwort, "Ibu 600, Ibu 800, Novalgin, Paracetamol, so ne Wärmesalbe, Diclo-Salbe und und und.."

"Äh und warum haben Sie noch nichts genommen? Ich mein, es sind doch diesselben Schmerzen, die Sie schon öfters hatten, oder?" "Ja,ja" "Und warum nehmen Sie dann nicht einfach ein Schmerzmittel??" "Oooch.." Er guckte mich treuherzig an. " Weiß nich, ich wollte erst auf Sie warten"

Zähneknirschend stellte ich ihm noch ein Rezept über ein zusätzliches Muskelrelaxans aus und zog dann weiter zu meinem nächsten Patienten. Ein paar Tage später traf ich zufällig eine Bekannte beim Einkaufen, ihres Zeichens Apothekerin in einer der umliegenden Apotheken. "Du hattest am Sonntag Dienst, nicht wahr? Ich nämlich auch. Ach übrigens, der junge Patient mit Rückenschmerzen- ich hatte das Muskelrelaxans nicht vorrätig und habe extra noch mit anderen Apotheken telefoniert, aber er meinte dann, ach so schlimm wäre es nicht, er braucht es eigentlich gar nicht und ging dann..." Das verwunderte mich nun nicht weiter, war doch sein letztes Satz zu mir gewesen: "Achso, dann kann ich doch nicht arbeiten gehen, oder? Das dauert doch bestimmt die ganze Woche, bis das wieder besser ist! Können Sie mich für die Woche krankschreiben, ich hätte nämlich ab morgen eh Frühschicht..."

Worauf ich ihm leider mitteilen musste, dass ich im Dienst gar keine Krankschreibungen ausstellen darf und er morgen seinen Hausarzt aufsuchen müsse. Daraufhin sank seine Laune doch spürbar. Wenn er das mal früher gewusst hätte. Beim nächsten "Schmerzpatienten" mit solchen Schmerzen werde ich lieber gleich fragen, ob eine Krankschreibung benötigt wird, dann erspare ich mir viel Zeit, Nerven und Fahrstrecke...

 

© Bild (Außenseite): Keoni Cabral / flickr / CC-by

Artikel letztmalig aktualisiert am 25.04.2015.

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Gast
Leider ist das so. Ich empfinde solche Menschen als schmerzvolle Qual, die sich auf anderer Leut Arbeit ausruhen und ganz bewußt helfende Hände noch verhöhnen!
#6 am 25.04.2015 von Gast
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Dr. S.
Traurig und wirklich kein Einzelfall! Leider hab' ich mich als ebenfalls angehende Landärztin immer noch nicht daran gewöhnt; und benötige bei solchen Patienten selber etwas für meinen Blutdruck......
#5 am 14.03.2015 von Dr. S. (Gast)
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Das ist leider kein Einzelfall
#4 am 08.05.2014 von Gast (Gast)
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Leider muss ich diese Erfahrungen auch immer wieder im Notdienst machen
#3 am 01.05.2014 von Gast (Gast)
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Traurig, dass es solche Patienten gibt, die asozial, wie sie sich verhalten zum diensthabenden Notfallarzt, auch noch der Krankenkasse mehr Geld kosten als nötig gewesen wäre, wenn es überhaupt nötig gewesen wäre auch am Montag.
#2 am 11.02.2014 von Stud Edith Meyer (Studentin der Humanmedizin)
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Gast
Soll uns der Bericht noch etwas anderes "lehren", außer danach zu fragen, ob es nur um eine Krankschreibung gehe?
#1 am 05.02.2014 von Gast (Student der Humanmedizin)
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