My home is my castle

10.03.2014
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In der letzten Zeit mache ich viele Wochenend-KV-Dienste. Naturgemäß sind diese nicht ohne, und ich merke am Wochenanfang dann immer die fehlenden freien Tage. Es gibt aber etwas, was mir auch beim 10. Patienten im Dienst noch Spaß macht: In fremde Häuser und Wohnungen gehen zu dürfen. Ich weiß nicht warum, aber wie andere Menschen wohnen, hat mich schon immer interessiert. Wenn ich mit dem Hund Gassi gehe, gucke ich oft, wie andere ihren Garten machen, wie ihr Carport aussieht oder ob sie Gardinen oder Jalousien an ihren Fenstern haben. Dank meiner Dienste darf ich nun auch in die Häuser und Wohnungen gehen, und nicht nur von außen schauen.

Die Einrichtung der Wohnung sagt viel über den Menschen aus, finde ich. Gerade auch im Dienst hilft es mir manchmal bei der Diagnosenstellung, wenn ich dank der Wohnungseinrichtung den Patienten besser einschätzen kann.

Neulich wurde im Hausbesuch zu einer älteren Dame gerufen. Als ich ihr kleines, sehr altes Häuschen betrat, dachte ich zunächst, ich bin im Museum gelandet. Im Puppenmuseum. Alle Zimmer waren über und über mit Puppen, Puppenwagen, Puppenkissen und Kuscheltieren vollgestopft. Und alle in rosa. In einem sehr rosigen Rosa. Im Wohnzimmer saß die Patientin auf dem einzigen noch freigebliebenen Stuhl. Als ich sie ob der fehlenden Sitzmöglichkeit etwas ratlos anschaute, sagte sie zu mir: "Ach setzen Sie sich doch einfach neben die Annika, die stört das nicht" Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass Annika kein Lebewesen, sondern eine Puppe ist.

Im Laufe des Besuches kamen wir auch auf die vielen rosagekleideten Puppen zu sprechen. Sie erzählte mir, dass sie schon immer ein Faible für rosagekleidete Puppen gehabt hat und sie ihr Leben lang schon sammelt. Als ihr Mann noch lebte, waren die Puppen auf ein Zimmer begrenzt. Seitdem er tot ist, haben sie sich im ganzen Haus verbreitet. Laut Zählung der Patientin hat sie eine höhere dreistellige Anzahl an Puppen.

Wäre die Patientin zu mir in die Praxis gekommen, ich wäre darauf im Leben nicht gekommen. Sie hatte so wenig "Puppenmütterliches" an sich. Es war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung.

Natürlich gibt es auch die andere Seite. Einmal wurde ich zu einem Hausbesuch bei einem alten, alleinstehenden Mann gerufen, der auch in einem alten, kleinen Haus lebte. Naja, es war mehr ein Bretterverschlag mit Fenster, Tür und Dachpappe. Grund des Anrufes war akute Dyspnoe. Als ich den Verschlag betrat, bekam auch ich spontan Dyspnoe. Der Patient hauste in einem 2x3m großen Raum mit niedriger Decke und einer offenen Feuerstelle ohne Abzug. Dazu rauchte er noch ständig Pfeife. Ich will gar nicht wissen, wie hoch der Kohlenmonoxidanteil war. Nach Aufreissen aller verfügbaren Öffnungen des Häuschen besserten sich meine und seine Dyspnoe doch dramatisch.

Oft verraten schon allein die Wegbeschreibungen der Patienten zu ihren Wohnungen/ Häusern viel über sich und ihr Zuhause.

"Fahren Sie Allee Sowieso bis zum Ende, dann in das Villenviertel abbiegen, Hausnummer Sowieso, dort steht ein schwarzer BMW X5 und ein neuer Mercedes in schwarz, daneben ist ein Parkplatz frei, da können Sie parken"

"Parken Sie im Neubaugebiet bei Nummer sowieso, dann müssen Sie einmal auf den Hof zum Hintereingang, den Vordereingang haben sie nach der letzten Brandstiftung gesperrt."

"Lassen Sie sich nicht von den zwei Schäferhunden und dem Rottweiler auf dem Grundstück abschrecken, die da frei herumlaufen, wenn Sie vorsichtig das Tor öffnen und sich ruhig und langsam bewegen, passiert eigentlich nichts" (Solche Vorschläge lehne ich immer ab, ich traue zwar den Hunden, aber ihren Besitzern nicht, wenn die sagen: Ach der tut nix!)

Auch interessant:  Patienten, in deren Wohnung es wie geleckt aussieht, entschuldigen sich immer für den Dreck und die Unordnung, die angeblich vorherrscht. Patienten, bei denen es wirklich sehr dreckig und sehr unordentlich ist, entschuldigen sich nie.

Anscheinend gibt es auch eine umgekehrte Proportionalität zwischen Schwere der Erkrankung und Anzahl der anwesenden Familienmitgliedern/ Angehörige, Freunde, Bekannte, Nachbarn usw. Je schwerer jemand erkrankt ist, desto weniger Angehörige stehen an seinem Krankenbett. Andersherum ist es genau umgekehrt. Ich hatte jetzt schon öfter Herzinfarkte, Bandscheibenvorfälle, Va Apoplex, die alleingelassen in ihrem Bett lagen, während bei Magenverstimmungen oder Durchfallerkrankungen gleich die komplette Trauergemeinde um das Krankenbett des Patienten versammelt ist. Ich bin mir nicht sicher, woran das liegt, vielleicht war es auch Zufall, dass sich das in den letzten Monaten im Dienst so dargestellt hat. Es war auf jeden Fall anders als erwartet, sonst wäre es mir nicht aufgefallen.

Jedenfalls finde ich Hausbesuche neben all dem Extraaufwand und der Autofahrzeit immer noch sehr spannend, denn wo sonst hat man als Arzt mal die Möglichkeit, den Patienten in seinem "natürlichen Habitat" zu erleben?

 

Titelbild © Javier Brosch/ Thinkstock

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.04.2014.

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Medizin, Allgemeinmedizin
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wirklich Intressant und schön geschrieben :-) freue mich auf mehr
#2 am 02.04.2014 von Gast (Gast)
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Sie sind ein hervorragender Schriftsteller, der hoffentlich irgendwann, wenn Zeit vorhanden ist dazu, eine Autobiografie über das Leben im Notfalldienst schreibt! Es ist eine erfreuliche Erfahrung, zu spüren, wie sehr der Arzt die Menschen schätzt, so wie sie sich entfaltet haben. Die sinnvolle Liebe für die Menschen ist auch das delikate Juristenbrot.
#1 am 31.03.2014 von Stud Edith Meyer (Studentin der Humanmedizin)
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