Eine typische "Pommes mit MAYO"-Studie!

17.01.2014
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Die Publikation in den "Mayo Clinic Proceedings" kann man unter "publish or perish" ('veröffentliche oder verrecke') abhaken. Paternalistisch wird kolportiert, wie sich Lebensstile von Frauen mit Kindern in den USA nach dem Motto "Kinder, Küche, Kirche" in 45 Jahren verändert haben sollen.

In US-typischer, paternalistisch-zentrierter Sichtweise sollte aufgezeigt werden, dass Lebensstile von Frauen mit ihren Kindern in den USA in Form von "Kinder, Küche, Kirche" in den letzten fünfundvierzig Jahren mehr Bewegungsarmut, höhere Kalorienaufnahme und weniger Verbrennung von Kalorien durch Bewegung gebracht hätten ["We quantified time allocation to physical activity (PA), sedentary behaviors (SED), and physical activity energy expenditure (PAEE) from 1965 to 2010 in mothers with older children (MOC) (over 5 to 18 years) and mothers with younger children (MYC) (up to 5 years)."].

Ganz so, als hätte es seit 1965 (sic!) keine Weiterentwicklung der Haushaltstechnik, der Fahrtzeiten und -distanzen, des TV-Angebotes, der Lebensstile und Konsumgewohnheiten, der Ernährungsgewohnheiten (mehr 'convenience'- und 'fast-food') bzw. der zunehmend bewegungsarmen Berufssparten gegeben. Aber hoppla, es handelt sich ja um eine Studie, die ausschließlich mit "Hausfrauen" und Kindern veranstaltet wurde. Da hätten Fragen nach Teilzeit- und Voll-Erwerbstätigkeit doch nur eine bereits vorgefasste Ergebnisdiskussion gestört. 

Was den MAYO-Autoren vielleicht völlig entgangen ist: 1965 bis Mitte der siebziger Jahre gab es noch keine haushaltsüblichen PCs, mit denen man seine Zeit bewegungsarm auf dem Sofa als "couch potatoe" sitzend mit Computerspielen, Internet und Fertigpizza verbringen konnte.

Quelle: Archer E et al: Maternal inactivity: 45-year trends in mothers' use of time. Mayo Clin Proc 2013: 88 (12), 1368-1377  

(Bild © Dr. Schätzler: Pommes mit Majo)

 

Notwendige Nachbemerkung:

Natürlich habe ich diese Arbeit auch intensiv studiert und zitiert. Aber ich kann rein behaviouristische Ansätze, die sich allein auf Tagebücher beziehen, in denen Hausfrauen überrepräsentiert sind, und die nach standardisierten Methoden ausgewertet bzw. interpretiert wurden, nicht nachvollziehen. Und die mit keinem Wort berücksichtigen, dass es auch bei den Männern vergleichbare Trends zu Bewegungsmangel, Übergewicht, Verringerung der physischen Arbeitsleistung, Fehlernährung und Eigenkompetenzabbau im Haushalt gibt. Denn in der US-Studie wird keineswegs nachgefragt, w e l c h e sozioökonomischen Bedingungen sich in 45 Jahren ergeben haben, w i e die Ernährungs-, Konsum- und Unterhaltungsindustrie immer mehr den Alltag bestimmen, w i e Neue Medien, Arbeits- und Sozialverhalten unter zunehmenden ökonomischen Druck geraten, w a r u m die Verteilung der Lasten in Familie, Beruf, Haushalt, Kindererziehung sich gender-spezifisch verändert haben, w e s h a l b postindustrielle Gesellschaften ein ökonomisches Interesse daran haben müssen, immer mehr Menschen in Passivität, rezeptives Konsum-Verhalten zu pressen usw. usf. Meine Alliteration „Kinder, Küche, Kirche“ ist ein Idiom, das die soziale Rolle der Frau nach konservativen Wertvorstellungen beschreibt und wurde bereits Kaiser Wilhelm II zugeschrieben. Im Nationalsozialismus wurde die Wendung ohne Kirchenzusatz verwendet. In bildungsbürgerlichen Schichten der Nachkriegszeit waren die drei K „Kinder, Küche, Kammermusik“.  Später meinte man damit Kinder, Küche und Karriere. Das Leben in US-amerikanischen Familien ist z. T. so extrem fundamentalistisch von kirchlichen Glaubensansätzen geprägt, wie wir das in Deutschland kaum noch kennen. Dies hätte ein weiteres Kapitel in den "Mayo Clinic Proceedings" bedeutet. Ich hatte auch schon befürchtet, man würde darauf bestehen, dass in der Mayo-Studie die Worte „Pommes“, „french fries“ oder „freedom fries“ nicht vorkommen. Eines sagt die Studie allerdings deutlich: “Our analyses did not statistically examine employed vs unemployed women.” Wenn jemand das geflissentlich überlesen haben sollte?

Artikel letztmalig aktualisiert am 22.02.2014.

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verstehe, Einkommenssteuer und Rezeptpflicht für Betäubungsmittel sind paternalistisch. Frau Merkel ist auch sehr paternalistisch da Sie permanent die Steuer und die Staatsverschuldung erhöht, richtig oder falsch? Vielleicht ist es ja auch so wie mit dem (nicht messbaren) "CO2-Treibhauseffekt", man darf nicht versuchen ihn zu erklären, man muss ihn einfach als existent VORRAUSSETZEN. ... und dann ganz energisch dagegen vorgehen. MfG
#7 am 22.02.2014 von Gast (Gast)
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alles klaro? nee
#6 am 22.02.2014 von Gast (Gast)
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@ letzter Gast: Einfach "googeln"! Herrlich z. B. https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/kfg-normenbegruendung/intern/publikationen/gutmann/17_gutmann_-_paternalismus_und_konsequentialismus.pdf "Der vorliegende Beitrag wollte nur zeigen, dass die Paternalismusproblematik für die Behauptung, der ethische Konsequentialismus sei plausibel, wenig Raum lässt. Die konsequentialistische Ethik birgt ein massives paternalistisches Potential und verfügt nicht über theorieinterne Mittel dazu, es angemessen zu begrenzen." Autor: Prof. Dr. Thomas Gutmann, Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Rechtsphilosophie und Medizinrecht. SPRECHER der Kolleg-Forschergruppe „Theoretische Grundfragen der Normenbegründung in Medizinethik und Biopolitik“. Alles klaro?
#5 am 18.02.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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was ist eine "paternalistische" Sichtweise? das hab ich jetzt nicht ganz verstanden. Vielleicht, dass Frauen nicht mehr selber kochen und das auch noch die Männer machen müssen?
#4 am 17.02.2014 von Gast (Gast)
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Gast
Danke. O welch Öl ins Feuer meiner klischeehaften Vorstellungen vom Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten.
#3 am 31.01.2014 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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@ Dr. med. Anne Schulz: Natürlich habe ich diese Arbeit auch intensiv studiert und zitiert. Meine Alliteration „Kinder, Küche, Kirche“ ist ein Idiom, das die soziale Rolle der Frau nach konservativen Wertvorstellungen beschreibt und wurde bereits Kaiser Wilhelm II zugeschrieben. Im Nationalsozialismus wurde die Wendung ohne Kirchenzusatz verwendet. In bildungsbürgerlichen Schichten der Nachkriegszeit waren die drei K „Kinder, Küche, Kammermusik“. Später meinte man damit Kinder, Küche und Karriere. Das Leben in US-amerikanischen Familien ist z. T. so extrem fundamentalistisch von kirchlichen Glaubensansätzen geprägt, wie wir das in Deutschland kaum noch kennen. Dies hätte ein weiteres Kapitel in den "Mayo Clinic Proceedings" bedeutet. Ich hatte auch schon befürchtet, sie würden darauf bestehen, dass in der Mayo-Studie die Worte „Pommes“, „french fries“ oder „freedom fries“ nicht vorkommen.
#2 am 20.01.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie die Publikation gelesen haben, die Sie da kritisieren - alle Faktoren wie veränderte Bedingungen bei der Hausarbeit und Zunahme der Zeit vor dem Fernseher und PC werden ausführlich diskutiert, berufstätige (teil- vs. vollzeit) und nicht berufstätige Mütter wurden eingeschlossen und auch die Folgen der steigenden Berufstätigkeit für die körperliche Aktivität von Müttern diskutiert. Paternalistischen Stil kann ich nicht entdecken und das Wort "Kirche" kommt übrigens auch nirgendwo vor. Falls Sie sich im Nachhinein noch einmal informieren wollen: http://www.mayoclinicproceedings.org/article/S0025-6196%2813%2900828-8/fulltext.
#1 am 20.01.2014 von Dr. med. Anne Schulz (Ärztin)
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