Rituelle Zirkumzision: Recht auf Religionsausübung?

17.01.2014
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Die Beschneidungsdebatte hat gezeigt, dass die Ansichten zur rituellen Beschneidung von Jungen kontrovers sind. Ein aktuelles Urteil mahnt, den Kindeswillen zu berücksichtigen. Wie ist der Standpunkt der DGU?

In ihrem Jahresrückblick 2013, der an alle Mitglieder verschickt wurde, nimmt die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) Stellung zur aktuellen Beschneidungsdebatte.

Nachdem im Mai 2012 das Kölner Landgericht in einem Kunstfehlerprozess, in dem die Eltern eines moslemischen Jungen den behandelnden Arzt wegen postoperativer Komplikationen nach der Zirkumzision verklagt hatten, geurteilt hatte, dass dieser Eingriff medizinisch nicht indiziert und damit strafbar gewesen wäre, sah sich das Bundesjustizministerium gezwungen eine diesbezügliche gesetzliche Regelung zu treffen. Das Gesetz trat nach Beschluss des Bundestages Ende 2012 in Kraft und regelt, wer und unter welchen Umständen eine fachgerechte rituelle Zirkumzision bei Jungen durchführen darf.

Ein wichtiger Punkt in dieser Debatte war und ist die Berücksichtigung des (mutmaßlichen) Kindeswillens, was durch ein Urteil des Oberlandesgerichtes Hamm nochmals bekräftigt wurde. Hierzu weist die DGU darauf hin, dass die rituelle Beschneidung beispielsweise eines der elementarsten Gebote der jüdischen Religion ist und unmittelbar für die Zugehörigkeit zum Judentum steht, da der betroffene Junge ohne sie kein vollwertiges Mitglied sein und beispielsweise auch weder eine Bar Mitzwa (vergleichbar mit der christlichen Erstkommunion oder Konfirmation) oder religiöse Trauung haben kann, wohingegen sie einer möglichen Konvertierung zu einer anderen Glaubensgemeinschaft zu einem späteren Zeitpunkt nicht im Wege steht. Somit könnten die Eltern, die der Operation nach entsprechender Aufklärung zustimmen müssen, mit guten Recht davon ausgehen, im Sinne des Kindes zu handeln, da das Beschnittensein zur religiösen Identitätsbildung beitrage.

Wenn eine Zirkumzision außerhalb des Säuglingsalters durchgeführt wird, so wird nach Maßgabe der Fachverbände für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Allgemeinen davon ausgegangen, dass ab einem Alter von etwa sechs Jahren eine altersgerechte Mitaufklärung erfolgen sollte und diesbezügliche Willensäußerungen des Kindes berücksichtigt werden sollten. Dies dürfte vor allem für muslimische Eltern von Bedeutung sein, da hier die Beschneidung häufig erst im Kleinkindesalter erfolgt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass manche Deutsche Fachgesellschaften die nicht medizinisch indizierte Beschneidung grundsätzlich ablehnen, wohingegen ihre Amerikanischen Gegenparts sie grundsätzlich befürworten.

Letztlich ist es eine Abwägung der Rechtsgüter: das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung auf der einen Seite und das Recht auf freie Religionsausübung auf der anderen. Ein wichtiger Punkt, so die DGU, sei ferner, dass dem Jungen und späteren Erwachsenen durch eine lege artis durchgeführte Zirkumzision keine gesundheitlichen Nachteile entstünden. Ganz im Gegensatz zur sogenannten pharaonischen Beschneidung von Frauen, möchte ich anmerken.

Man kann zu diesem Thema stehen, wie man will, aber ich denke, die kulturell gewachsene, religiöse Tradition der rituellen Beschneidung lässt sich nicht per Dekret abschaffen. Daher sollte sie auch nicht kriminalisiert werden. Ein Verbot würde wahrscheinlich nur zu einer Art Schwarzmarkt führen. Wenn sie denn schon erfolgen sollte, dann lieber fachgerecht durch einen Urologen oder Kinderchirurgen und in Narkose als in irgendeinem Hinterzimmer unter dubiosen Umständen.

 

Titelbild: © Dieter Schütz / PIXELIO

Artikel letztmalig aktualisiert am 19.01.2014.

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@ Letzter Gast: Leider wollen Sie mit Ihrer Meinung anonym bleiben, sonst hätte ich es Ihnen lieber persönlich erklärt. Was in Textbeiträgen in "Anführungsstrichen" steht ist nach den Regeln der Semiotik immer ein Zitat und k e i n Argument - schon gar kein "untaugliches". Wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten meinen Link auch nur anzulesen, würden Sie vielleicht ahnen können, worum es mir geht. Dafür reichen einfach die 1.000 Kommentarzeichen nicht aus.
#6 am 19.01.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Niemand stellt in Frage??? Was für ein untaugliches Argument! Unsere Gesetze, die Körperverletzung vebieten und ein entsprechend korrektes Gerichtsurteil. Ich stelle ein Sondergesetz für unmündige Jungen infrage und fordere das gleich wie bei der Bestrafung von Beschneidung von Mädchen. Ich war zufällig auch in Afrika, dort wundern sich Frauen über diese Bestrafung. @Th. Schneider das Abschneiden eines Teils des Ohres hinterlässt sicher auch keine med. Schäden? Natürlich nur bei Jungen. mfG
#5 am 19.01.2014 von Gast (Gast)
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#4 am 18.01.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Niemand stellt in Frage, "dass jüdisches Leben nicht nur zu Deutschland gehört, sondern ein Teil Deutschlands ist". Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland stellt bei ritueller Beschneidung von Jungen die Grundrechte der Meinungsfreiheit mit Argumenten von Feindlichkeit oder Irrationalität in Frage. Er ist besorgt, dass Deutschland, was die Gräueltaten der Nazis versucht aufzuarbeiten, um über Aufklärung, Demokratie und Menschenrechte zu mehr Demokratie, Gerechtigkeit, Teilhabe, Respekt und auch Rationalität finden zu können, die gravierende Frage bewegt: Weshalb muss als symbolisches Menschenopfer seit Abrahams Zeiten ein acht Tage alter Säugling o h n e Schmerzlinderung in einem Ritual an der Vorhaut beschnitten und genital gekennzeichnet werden? Einzelheiten zur "Brit Mila(h)" und einer Anhörung in Berlin: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/51347/Oberrabbiner-schlaegt-medizinische-Grundausbildung-fuer-Beschneider-vormedizinische-Grundausbildung-fuer-Beschneider-vor
#3 am 18.01.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Th. Schneider
@Gast: Davon ist hier nicht die Rede, im Gegenteil. Es wird sogar darauf hingewiesen, dass die Beschneidung von Mädchen, die übrigens nicht in dem Sinne religiös motiviert ist, gesundheitliche Schäden hinterlässt.
#2 am 18.01.2014 von Th. Schneider (Gast)
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Dann sollen also auch rituelle Beschneidungen bei Mädchen straffrei gemacht werden?????
#1 am 17.01.2014 von Gast (Gast)
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