Wer soll das leisten?

23.01.2014
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Nach den Plänen der GroKo sollen Patienten, die länger als vier Wochen auf einen Facharzttermin warten müssen, statt dessen auch ambulant im Krankenhaus behandelt werden können. Doch wie sollen die Fachambulanzen diese Aufgabe ohne zusätzliches Personal erbringen?

Die Gründe für mögliche lange Wartezeiten auf einen Facharzttermin sind vielschichtig: Neben dem steten Patientenandrang und der Dringlichkeit (akute Beschwerden sind schließlich anders zu bewerten als eine Vorsorgeuntersuchung) können auch finanzielle Überlegungen eine Rolle spielen. Da das Praxisbudget für Kassenpatienten gedeckelt ist, kann es entscheidend sein, ob ein Termin noch im laufenden oder zu Beginn des nächsten Quartals vergeben wird, um zumindest das – in Bezug auf urologische Praxen eher niedrige – Regelleistungsvolumen zu erhalten. Während nämlich der Arzt für die Behandlung eines Privatpatienten immer Anspruch auf sein Honorar hat, behandelt er einen gesetzlich versicherten Patienten quasi umsonst, wenn sein Budget erfüllt ist, und kann sogar in Regress genommen werden, wenn er mit einem Rezept für diesen Patienten zusätzlich sein individuelles Arzneimittelbudget, das er verordnen darf, überschreiten würde. Eine Arztpraxis ist jedoch auch ein mittelständiger Betrieb und muss daher nicht nur sozial, sondern auch wirtschaftlich arbeiten.

Diese Hintergründe sind vielen Patienten unbekannt und werden auch von Gesundheitspolitikern gerne verschwiegen. Statt dessen wird lieber auf die Ärzte geschimpft und über eine Zwei-Klassen-Medizin geklagt.

Nun sollen die Klinikambulanzen nach den Plänen der GroKo die Suppe auslöffeln. Jeder, der länger als vier Wochen auf einen Facharzttermin warten muss, was beispielsweise bei Orthopäden oder Urologen außerhalb von Notfällen keine Seltenheit ist, soll sich statt dessen auch im Krankenhaus vorstellen dürfen und dort ambulant behandelt werden. Damit werden natürlich die niedergelassenen Kollegen unter Druck gesetzt, aber auch die Krankenhäuser vor Probleme gestellt. Zwar winken hier möglicherweise Mehreinnahmen, welche je nach Chefarztvertrag und KV-Ermächtigung der Klinik und/oder dem leitenden Arzt anteilsmäßig zugute kommen können. Doch können die Ambulanzen diesen potentiellen Patientenstrom überhaput bewältigen?

Klar ist, dass sicherlich nicht der jeweilige Chefarzt alle diese Kassenpatienten sehen wird, sondern nachgeordnete Ärzte, im besten Fall Oberärzte, wahrscheinlich aber eher Assistenzärzte. Inwieweit dies dann auch Fachärzte sind, darf spekuliert werden, denn längst nicht jede Abteilung verfügt über eine ausreichende Zahl von Assistenzärzten mit abgeschlossener Weiterbildung, um eine entsprechende Versorgung durchgehend sicher zu stellen. Und dass für eine solche zeit- und arbeitsaufwändige Sprechstunde zusätzliche – in den Augen der Verwaltung teure – Fachärzte eingestellt werden, darf in Anbetracht der angespannten finanziellen Lage vieler Krankenhäuser stark bezweifelt werden.

Unsere Abteilung besteht aus einem Chefarzt, drei Oberärzten und sechs Assistenzärzten (davon eine Halbtagsstelle und eine Drittmittelstelle). Bedingt durch Urlaubszeiten, freien Tagen nach Bereitschaftsdiensten, Fortbildungen, Überstundenabbau und Krankheit ist es jedoch eher die Ausnahme, dass wirklich alle anwesend sind. Von diesen sechs Assistenten ist stets einer vormittags mit der ESWL beschäftigt. Hinzu kommen Einsätze in den Operationssälen, die Arbeit auf den Stationen, die Versorgung von ambulanten Chemotherapiepatienten, die bisherigen Sprechstunden, Besprechungen und administrative Tätigkeiten. Insgesamt werden pro Jahr allein etwa 2.500 stationäre Fälle behandelt. Unbezahlte Überstunden sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Wer soll da noch zusätzliche Patienten mit einer guten Qualität versorgen?

Auch um die niedergelassenen Kollegen zu unterstützen, sollte man es sich aus meiner persönlichen Sicht daher gut überlegen, ob man als Klinik auf diesen Zug aufspringt. Die Wartezeit auf einen Termin in einer Fachambulanz wird aus organisatorischen Gründen und sollte aus berufspolitischen Gründen nicht grundsätzlich kürzer sein als auf einen Praxistermin.

 

Titelbild: © Rosi v. Dannen / PIXELIO

Artikel letztmalig aktualisiert am 06.03.2014.

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Der Griff in die ambulanten Kassen ist für stationäre Einrichtungen (insbesondere die Krankenhauskonzerne) sicher verlockend. Bei einer Bezahlung für das RLV wird jeder betriebswirtschaftlich denke Mensch die Finger davon lassen. Kein angestellter Arzt, insbesondere mit wenig Erfahrung und eigenem finanziellem Risiko und geringer Motivation für "Bagatellfälle" hat die Schlagzahl eines Niedergelassen. Zudem haben fast alle Kliniken schon Probleme Ihre stationären Pat. adäquat zu versorgen. Viel Spaß in der ambulanten Medizin. Nur 18% der gesamten Gesundheitsausgaben fließen in den ambulanten Bereich und wir sollen das gesamt Gesundheitswesen retten. Anstatt praktikable Konzepte mit den Ärzten zu entwickeln, wird nur (schlechte) Politik gemacht.
#6 am 06.03.2014 von Dr. med. Hansjörg Mühlen (Arzt)
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das Problem habe ich ganz einfach gelöst: ich habe meinen Kassensitz gekündigt! Es ist sehr entspannend ohne Budget und ähnliche planwirtschaftliche Einengungen Medizin zu betreiben.
#5 am 28.01.2014 von Dr. med. Wolfgang Lützenrath (Arzt)
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Gast
1000 Zeichen, da fehlten die Fachärzte noch. In der Betriebswirtschaft gibt es den Break-of-Even. Die Produktionsziffer ab der die Vorkosten eingespielt sind und die Gewinnzone anfängt. Für Fachärzte in Praxen gibt es die, ja was, break of devils?. Ab dem x-ten Kassenpatienten gehts in die Verlustzone, dann den Break-of-your-backbone, ab der x-ten verordneten Leistung außerhalb der juristischen Reparaturanleitung Leitlinien, kommt die moderne Inquisition, die Dir tatsächlich das Rückgrat zu brechen vermag, in leichteren Fällen wirst du zum Spiegeltrinker. Das paradoxe am Arztberuf ist die verordnete Standesrolle, als lebten wir noch im Barock, verordnete Aggressionshemmung kombiniert mit brinkmannscher Fürsorglichkeit. Aber auch unter Ärzten wimmelt es von egomanen Stinkstiefeln, ganz ehrlich, es gibt viele wunderbare Kollegen, aber auch eine ganze Menge höchst zweifelhafter Gestalten.
#4 am 27.01.2014 von Gast (Arzt)
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Über Politiker und Juristen zu reden schmerzt und raubt wertvolle Lebenszeit. Gäbe es Aufrichtigkeit auch in Kollektiven, Parteien und Berufsgruppen würde die ehrliche Angabe von Handlungsmotiven hauptsächlich lauten: 1. Politik: schon wieder eine Schlagzeile, mist, das ist ja mein Ressort, wie krieg ich das nur schnell vom Hals. Morgen ruf ich meinen Medienberater an, der ist pfiffig, der wird sich schon was ausdenken. 2. Justiz: Verdammt gibt`s da nen passenden Paragraphen, muß ich da was entscheiden, kann man mir da was draus stricken? Am besten maximale rechtliche Absicherung, Kosten? Soll ich meinen Kopf hinhalten
#3 am 27.01.2014 von Dr. med. Erwin Störmer (Arzt)
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Tja, wahrscheinlich, weil die Politiker keine Ahnung haben, wie es in einer Ambulanz zugeht ... Die lassen sich in Privatkliniken versorgen, wo es keinen (Pflege)-personalmangel gibt. Herr Professor kommt sofort ... Ich bin froh, dass ich nicht mehr in der Klinik arbeiten muss. Es ist das alte Lied, das auf dem Rücken der Patienten und den versorgenden Ärzten ausgetragen wird.
#2 am 27.01.2014 von Heilpraktikerin Helga Bergmann (Heilpraktikerin)
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Danke für diesen gelungenen Beitrag. Übrigens sollen auflaufende Krankenhaushonorare für GKV-Patienten, die länger als 4 Wochen o h n e Rücksicht auf Dringlichkeit, Versorgungs- und Inanspruchnahme-Realität auf einen Termin bei irgendeinem Vertrags-Facharzt warten und deswegen alternativ Fachärzte in den Klinikambulanzen aufsuchen, e n t g e g e n dem Verursacherprinzip von der G e s a m t-Vergütung a l l e r ambulant vertragsärztlich tätigen Kolleginnen und Kollegen k o l l e k t i v abgezogen werden. Dias wären offener Vertragsbruch nach SGB V bzw. rechtswidrige Kollektiv- und Sippenhaftung. Mindest-Sprechzeiten für GKV-Patienten (z. B. 18-20 Stunden/Woche als Vollzeit, TZ und Job-sharing anteilig) für a l l e Fachrichtungen (Pathologen natürlich ausgenommen) müssen allerdings strikte Grundvoraussetzung für die Vertragsarztzulassung sein. Meine persönliche Situation: Netto 34 Stunden/Woche für vertragsärztliche Tätigkeit! Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
#1 am 23.01.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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