Nur eine Zahl

02.01.2014
Teilen

Meine erste Patientin, die ich direkt aus dem Stand sprich Hausbesuch weg ins Krankenhaus eingewiesen habe, war eine sehr liebe ältere Dame. Sie wohnte mit ihrem ebenso lieben und leider sehr dementen Mann in einem alten Hüttchen. Ein Pflegedienst kümmerte sich mehrmals täglich um die beiden.

Gerufen wurde ich, weil sie schlecht laufen könne, so die Auskunft am Telefon. Was der Pflegedienst nicht erwähnte: Schlecht laufen konnte sie, weil sie innerhalb von 4 Wochen 9kg Gewicht zugelegt und Beine wie Baumstämme hatte. Man hätte auch schon früher mal Bescheid geben können, aber nunja. Als dekompensierte Herzinsuffizienz wies ich sie ein, nicht ohne längere Diskussion mit der Patientin, denn wer soll sich denn jetzt um ihren lieben Mann kümmern?

Da sie bereits sehr lange sehr herzkrank war, hatte ich meine Zweifel, dass sie überhaupt noch einmal das Krankenhaus verlassen kann. Aber ich irrte mich. Nach 2 Wochen wurde sie in deutlich besseren Zustand auf eigenen Wunsch hin entlassen, denn am darauffolgenden Tag wollte ihre jüngste Enkeltochter heiraten.

Direkt nach der Entlassung habe ich sie noch einmal Zuhause besucht. Sie wirkte wie ausgewechselt, die Ödeme waren fast komplett weg und sie konnte von nichts anderem reden als von der bevorstehenden Hochzeit.  Das einzige, was mich im Entlassungsbrief ein wenig stutzig gemacht hatte, war ein plötzlich recht stark erhöhter TSH-Wert. Sie nahm seit Jahren die gleiche Dosis an L-Thyroxin und die plötzliche Erhöhung konnte ich mir nicht erklären. Von uns hatte sie immer 125µg bekommen und jetzt im Krankenhaus neu 200µg, um die Werte wieder in den Griff zu bekommen.

Nach ein paar Tagen bekamen wir in der Praxis die Nachricht, dass die Patientin einen Tag nach der Hochzeit wieder starke Luftnot bekommen hatte und ein paar Stunden später im Krankenhaus verstorben war. Da mich diese plötzliche Wendung doch etwas überrascht hat, nahm ich mir noch einmal den letzten Arztbrief vor. Etwas lies mich stutzig werden: Bei "Medikation bei Aufnahme" stand L-Thyroxin 25 statt 125µg. Diese falsche Dosierung erklärt natürlich auch den dann in den folgenden Wochen stark gestiegenen TSH-Wert.

Ich hatte bei Einweisung extra alle Medikamente mit Dosierungen aufgeschrieben, hatte ich vielleicht den Fehler gemacht? Nein, auf meiner Einweisung steht 125 µg. Aber irgendwo zwischen Einweisung und Station muss die "1" verloren gegangen sein. Nur eine kleine Zahl.

Diese Zahl hat sie vielleicht nicht sofort umgebracht, aber dieses von 125 auf 25 für 3 Wochen und dann wieder auf 200 µg wird ihr Herz belastet haben. Und wer weiß, vielleicht war dieser Fehler zusammen mit der Aufregung durch die Hochzeit das Zünglein an der Waage?

Eine Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Aber dieser Vorfall hat mich wieder daran erinnert, was für eine Verantwortung wir alle tragen. Sicher, im Allgemeinen verträgt Patient viel Arzt und Medizin und Fehler passieren auch in der Medizin ständig, schließlich sind wir alle nur Menschen. Aber aus dieser Verantwortung heraus sind wir es unseren Patienten schuldig, auch bei vermeintlichen "Routine- Aufgaben" wie Hausmedikation ansetzen bzw. übertragen trotzdem unsere 100% zu geben, und lieber einmal zu viel nachzudenken und zu kontrollieren.

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.12.2014.

22 Wertungen (4.36 ø)
615 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Gast
Ich selbst arbeite in meinem Beruf ( gewerblich-technisch ) auch nicht fehlerfrei und würde das daher nicht von medizinischem Personal erwarten. Wenn es doch einmal passiert, hilft eine ehrlich gemeinte Entschuldigung und das Korrigieren des Fehlers mehr als Leugnen und Arroganz.
#2 am 26.12.2014 von Gast
  0
Traurig
#1 am 17.06.2014 von Gast (Gast)
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Heute kam eine Bekannte von mir in die Sprechstunde. Ich schätze sie sehr – als einen vernünftigen, gebildeten mehr...
Bei den ganz Kleinen im Kindergarten habe ich vor allem darüber gesprochen, was ein Arzt so bei der Untersuchung der mehr...
Leider nützen alle Zahlen, Statistiken und Wahrscheinlichkeiten dem einzelnen Patienten recht wenig, wenn er oder mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: