Der gelbe Zettel

30.12.2013
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Manchmal, wenn das Wartezimmer trotz zwei Ärzten überläuft und ich kaum zum Händedesinfizieren und Luftholen zwischen den Patienten komme (mach ich natürlich trotzdem. Beides.) scherzen unsere Schwestern und ich immer, dass wir eigentlich nur einen Stapel gelber Zettel, also der Krankschreibungen, vor die Tür legen müssten und die Hälfte unserer Patienten würde gar nicht kommen. Mindestens. Natürlich gibt es noch viele Patienten, die wirklich krank sind, bzw. die man dazu drängen muss, mal eine Weile Zuhause zu bleiben und sich auszukurieren. Es gibt aber eine bestimmte Klientel, die wirklich nur den Schein möchte. Manchmal haben sie kreative Erklärungen dafür, manchmal sind sie auch einfach ehrlich. Und manchmal einfach nur dreist.

Neulich betrat ein noch recht junger Patient mein Zimmer, nennen wir ihn E. E. ist noch nicht älter als 20, würde ich denken. Noch bevor er sich hingesetzt hatte, platzte er auch schon raus: "Ey, ich brauch ne Krankschreibung."

"Ok, und warum, wenn ich fragen darf?"

"Ich hab morgen Abschlussprüfung in meiner Lehre."

"Und?"

"Naja, ich hab vergessen, dass man da was vorbereiten und vorzeigen muss."

"Aha?"

"Ja hatte keinen Bock so richtig. Aber die Krankschreibung muss auch für heute sein, und den Rest der Woche, damit das nicht so auffällig ist."

"Krankschreibungen sind eigentlich für Leute, die krank sind. Und eher nicht für Leute, die vergessen haben zu lernen..."

"Jaja, ich bin auch irgendwie krank. Und das mit den Nicht-Vorbereiten ist auch eigentlich nicht meine Schuld. Blablabla." Es folgten längere, abstruse Erklärungen, warum er sich auf morgen nicht richtig vorbereiten konnte.

Am Ende dieser Erklärung habe ich dann etwas nachgegeben:

"Nagut, aber nur für zwei Tage. Außerdem braucht man meist bei staatlichen Prüfungen für ein Nicht-Erscheinen nicht nur so einen gelben Zettel."

Strahlend erwiderte E.: "Ach ist doch egal, wird schon gehen. Das ist echt voll korrekt von Ihnen."

"Wie gesagt, ich finde das nicht ok, das passiert jetzt nur einmal und außerdem glaube ich immer noch, dass der gelbe Zettel nicht ausreichen wird..."

"Ach das wird schon gehen. Aber arbeiten in meinem Betrieb kann ich doch trotzdem, ne?"

"Sie sind krankgeschrieben"

"Ja aber geht doch, oder? Sonst nehme ich halt zwei Tage Urlaub.."

"Sie sind krankgeschrieben! Da kann man nicht arbeiten gehen und auch keinen Urlaub nehmen, sonst müsste man ja nicht krankgeschrieben sein!"

"Hm. Ok." Mit diesen Worten sprang E. fröhlich auf und verließ mein Zimmer, um draußen seinen heiß ersehnten Zettel entgegen zu nehmen.

Und ich saß in meinem Zimmer und habe mich etwas geärgert. Einmal über die Dreistigkeit von E., dann auch über mich, dass ich mich nicht geweigert habe, aber einerseits wäre er dann schnurstracks zum nächsten Arzt gezogen, andererseits bin ich immer noch "die Neue" und möchte mich nicht gleich mit Patienten, die ich noch überhaupt nicht kenne, anlegen und unbeliebt machen.

Die Frage nach dem gelben Zettel ist und bleibt eine schwierige, aber vielleicht wird das ja mit den Jahren besser. Oder man stumpft ab, wer weiß?

 

Titelbild: Reilly Butler /flickr / CC by-sa

Artikel letztmalig aktualisiert am 06.03.2014.

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Gast
So einfach ist es, eine Krankschreibung zu bekommen? Das hätte ich niemals gedacht und hoffentlich als Arzt auch so nicht mitgespielt.
#7 am 06.03.2014 von Gast
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Das Verhalten von E. ist nicht richtig und wie man sich als Arzt dabei verhalten sollte, darüber kann man Romane füllen. Aber eines stimmt viele gehen nur wegen dem gelben Schein zum Hausarzt, da bei Erkrankungen wie Erkältung die Behandlung und Medikamente allgemein bekannt sind. Die Medikamente sind Rezeptfrei erhältlich und müssen sowieso selbst bezahlt werden. Also wenn ich keine Krankschreibung bräuchte wieso sollte ich zum Arzt gehen wenn ich mich selbst behandeln könnte.
#6 am 17.01.2014 von Philipp Weiser (Rettungsassistent)
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Bewuma
Eigentlich müsste er zur Prüfung hin und die Suppe auslöffeln, die er sich selber eingebrockt hat, dadurch, dass er nicht gelernt hat. So hat er jetzt, wahrscheinlich nicht zum ersten mal, die Erfahrung gemacht, dass er alles bekommt was er will. Allerdings haben sie nicht den Auftrag als Pädagogin tätig zu werden und sind nicht verpflichtet ihm den Gelben Schein zu verweigern. Ich würd aber vielleicht beim nächsten mal genauer nachfragen, was denn passieren würde, wenn er nicht zur Prüfung geht und dass es wichtig sei sich darauf vorzubereiten, damit er sich nicht krank schreiben lassen muss. Immerhin ist er ehrlich gewesen.
#5 am 15.01.2014 von Bewuma (Studentin)
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Gast
Aber Lieber Gast.Punkt sie haben den Artikel wohl nicht ganz verstanden. Es geht nicht um das Verhalten dieser einen Ärztin sondern das Problem das Berufsanfänger oft haben - wie machen die alten Hasen das eigentlich? Es sind Fragen, die sehr relevant sind, aber oft haben sie keine gute Antwort parat oder winken ab, manchmal lernt man vieles gutes dazu.
#4 am 15.01.2014 von Gast (Studentin der Humanmedizin)
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Christian
Was anderes bleibt oft gar nicht übrig. Er wäre tatsächlich zum nächsten Arzt und hätte dort etwas besser geschauspielert. Ich finde das aber nicht so schlimm. Viele von denen die blau machen sind wirklich sehr gestresst und da schadet eine kleine Pause sowieso nicht. Der gelbe Zettel ist leicht zu kriegen und daran wird sich auch nichts ändern (soll auch nicht). Gerade aber weil er so leicht zu kriegen ist, reicht er tatsächlich für viele Dinge wie Prüfungen nicht aus.
#3 am 15.01.2014 von Christian (Rettungssanitäter)
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Kristin Basler
Ein bisschen mehr Charakterstärke hätte ich mir schon gewünscht.
#2 am 09.01.2014 von Kristin Basler (Gast)
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Gast.Punkt
"ist noch nicht älter als 20, würde ich denken." HÄ? Sie haben doch die Krankenakte, da steht das Geburtsdatum. Ihr Verhalten finde ich beschämend.
#1 am 02.01.2014 von Gast.Punkt (Gast)
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