Kreuzritter

09.12.2013
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Kaum ein anderes Studium ist so auf das Auswendiglernen angewiesen wie das der Medizin. Das System der klassischen MC-Fragen und schriftlichen Klausuren bildet dabei die Basis, auf der das Prüfungswesen fußt. Doch das Prüfungssystem in seiner Gesamtheit muss in Frage gestellt werden.

 

 

Ernüchterung

 

Bereits in den ersten 2 Tagen des ersten Semesters wurden uns die Prüfungstermine bekannt gegeben. Noch bevor überhaupt die erste Vorlesung gehalten wurde.

Dabei wurde keine Aussage zu deren Aufbau gemacht.

Nach und nach wurde – mit wenigen Ausnahmen – jedoch schnell klar, dass der absolute überwiegende Teil aller Prüfungen Multiple-Choice Fragen darstellen. Hier und da gab es wenige offene Fragen.

Mündliche Prüfungen unter vier Augen stellten das hauptsächliche Prüfungskonzept der Laborpraktika dar.

 

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Das Physikum bildet die erste Hürde auf dem Weg zum klinischen Abschnitt. Seine 320 Fragen werden, entsprechend der Verteilung die das IMPP vorsieht, zusammengestellt.

 

 

Zum Thema Lernen im Studium gibt es viel Literatur. Speziell für die Medizin haben sich Kurzlehrbücher und Kurzskripte etabliert.

Diese enthalten nur noch gerade so vollständige Sätze und sind nicht mehr als reine Faktenzusammenfassungen.

Doch hat das noch etwas mit einem Studium oder gar wissenschaftlichem Arbeiten zu tun?

Das lateinische "studere" bedeutet 'nach etwas streben' oder 'sich um etwas bemühen'. Sicherlich ist unzweifelhaft, dass der Medizinstudent sich bemüht.

Diese Wortbedeutung ist jedoch nicht der ursprünglichen entsprechend.

In früherer Zeit meinte sie nicht das Bemühen per se, sondern das Streben nach einem bestimmten persönlichen, kulturellen oder wissenschaftlichem Ziel.

 

Veränderung

 

In deutlichem Maße hat sich das Medizinstudium in den letzten 20 Jahren verändert. Der Stoffplan wurde immer enger, die Fächeranzahl und die Inhalte haben zugenommen und wurden gestrafft, um mit Wissenschaft und Stand der Technik mitzuhalten.
Dennoch fehlen nachwievor grundlegende Inhalte wie beispielsweise juristische und betriebswirtschaftliche Grundlagen des Arztberufes.

 

Im Zuge dessen lernen viele Studenten nach der Maxime höchstmöglicher Effektivität. In Zeiten in denen im Normalfall nicht gerne gesehen wird auch nur ein einziges Semester längerals notwendig zu studieren und in einer Gesellschaft, in der das alt sein nicht erwünscht (obwohl es immer weniger Jüngere gibt), entspricht das dem Tenor. Ironischerweise sind die Entscheidungsträger in diesen Dingen oft selbst in dem Alter derer, die sie nicht mehr in ihren Unternehmen haben wollen.

 

Viele Studenten lernen mit den bereits eingangs benannten Kurzlehrbüchern und Kurzskripten. Hinzu kommen Bücher wie die der "Basics" Reihe, die den Stoff auf das absolut notwendigste gerade so runterbrechen.

So wird beispielsweise die Neuroanatomie auf weniger als 100 Seiten heruntersubstrahiert – ein Fach, dessen Inhalte und Zusammenhänge ganze Lehrbände füllen.

 

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Der Zeitdruck in der Vorbereitung auf Prüfungen lässt das oft notwendig erscheinen.

An einigen Fakultäten sind die Zeitpläne so eng gestrickt, dass selbst Kurzlehrbücher nur gerade so schaffbar zu bearbeiten sind.

 

Das Humboldt-Prinzip

 

Doch ein Studium ist der Definition nach nicht dazu gedacht, Fakten aufzunehmen und wiederzugeben.

Formal (!) sieht unser Bildungssystem so etwas eigentlich nicht vor. Wenn überhaupt, dann entspräche das aber am ehesten der Mittelstufe.

Dem Prinzip nach soll ein Studium das wissenschaftliche Arbeiten lehren und dabei auf eine wissenschaftlich-praktische Tätigkeit vorbereiten.

Eine reine Idealvorstellung.

Bachelor- und Masterstudenten kennen das zur Genüge. Ihre Stundenpläne sind oft deutlich voller als die eines Medizinstudenten, teils mit Tagesplänen in denen sie ihre Hochschule um 8 betreten und um 18 Uhr verlassen. Natürlich wartet danach noch Nachbearbeitung.

 

 

Gerade in der Medizin jedoch hat das Folgen.

Kaum einer hat noch oder nimmt sich die Zeit Sachverhalte von mehreren Seiten zu beleuchten, sich unterschiedliche Standpunkte zu erarbeiten und bestimmte Inhalte auch kritisch zu betrachten.

Stattdessen wird mit Sicht auf den Druck der nächsten Prüfung gerade das Notwendigste auswendig gelernt. An einigen Fakultäten ist die Prüfungsdichte so hoch, dass in manchem Semester über Wochen hinweg zwei bis drei Prüfungen jede Woche stattfinden. Je nach Fakultät ändert sich daran auch im klinischen Abschnitt nur wenig.

 

 

Sofern man nicht selbst einen Weg findet sich die Möglichkeit zu schaffen den Stoff zu reflektieren, mit (künftigen) Kollegen in Kontakt zu treten und Sachverhalte auch ausführlicher zu beleuchten, hat ein Student am Ende des Studiums möglicherweise sein Wissen aus einer oder zwei Quellen. Da Vorlesungsbesuche häufig nicht stattfinden, beschränken sich die Kenntnisse dann ggf. auf ein einziges Buch.

 

In persönlichen Gesprächen haben mir eine ganze Reihe Studenten auch der höheren Semester erzählt, dass sie kein einziges Standardlehrbuch für ein Fach zu Hause haben oder auch mal zur Hand genommen haben.

Damit sind die "dicken Wälzer" eines Faches gemeint, wie z.B. der Böhm / Hallek für die Innere Medizin oder der Löffler für die Biochemie.

 

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Es scheint, dass man sich die "Freiheit", sich die Zeit für eine umfangreiche Stoffbearbeitung zu nehmen, erkämpfen muss.

Sei es durch ein längeres Studium oder (deutliche) Einschnitte im persönlichen Bereich.

 

Zudem trägt diese Art des maximal effektiven Lernens nicht gerade zur Verbesserung der Fähigkeiten im nicht-fachspezifischen Bereich bei: Ausdruck, Form und Stil leiden, da die meisten "effektiv geschriebenen" Bücher sehr kurz und knapp formulieren. Ganz zu schweigen von dem teilweise "mechanischen" Englisch, das viele Papers ausmacht.

 

Ein Studium sollte eigentlich auch solche unspezifischen, aber allgemeinen Fertigkeiten verbessern - oder überhaupt die Möglichkeit dazu bieten.

Im Überwiegenden werden in der Humanmedizin jedoch keine Facharbeiten (Promotion ausgenommen) geschrieben, so wie das in anderen Studienfächern Normalität ist.

Hausarbeiten gibt es ebenfalls praktisch nicht.

 

Verantwortung

 

Eine Gesellschaft muss sich die Frage stellen, wie ihre Absolventen eigentlich die Hochschule verlassen sollen.

Nach dem jetzigen System wird jeder Ausflug in fachliche Gefilde, welche nicht prüfungsrelevant sind, letztlich nicht belohnt, sondern eher bestraft und durchaus auch belächelt.

Der Einzelne kann dagegen wenig tun, da Strukturreformen hierzulande in Zeitlupe geplant und durchgeführt werden.

 

Dieser Zustand wird mitunter noch durch zahlreiche Einflüsse deutlich gefördert.

So gibt es beispielsweise Institute, in denen seit Jahren die exakt gleichen Fragen gestellt werden – auch in wichtigen Grundlagenfächer, wie beispielsweise der Chirurgie oder Inneren Medizin. Das ist oft auf den Zeitmangel der beteiligten Dozenten und Oberärzte zurückzuführen, denen die Lehre mitunter in das Tagesgeschehen eingreift oder die jene noch auf den Berg ihres teilweise ohnehin schon vollgepackten Wochenplanes addieren.

Zahlreiche weitere Beispiele lassen sich finden, die insgesamt ein strukturelles Problem aufzeigen.

 

Einen einzelnen Schuldigen kann man dabei nicht benennen.

Die Medizin in Deutschland geht von ihrer Struktur historisch auf das Sanitätswesen des Militärs im prä-bismark'schen Preußen zurück.

Aus dieser Zeit stammen noch die aus dem Dienstgradsystem der königlichen Armee hervorgehenden Bezeichnungen wie Oberarzt, Chefarzt und so weiter.

Es handelt sich also um einer der ältesten Stände. Veränderungen prinzipieller Art brauchen extrem lange um überhaupt erwogen zu werden.

 

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Das gilt für das Studium im Besonderen.

Niemand der Beteiligten (Forschung, Lehre und so weiter) möchte Verantwortlichkeiten abgeben oder Einbußen hinnehmen müssen. An sich nachvollziehbar.

 

 

Wenn man jedoch merkt, dass eine Studienstruktur an ihre Grenzen stößt, weil diese bereits weit über 130 Jahre (Grundaufbau) bzw. 60 Jahre (inhaltliche Struktur) alt ist, muss die Frage erlaubt sein, wie diese Gesellschaft ihre Absolventen am Ende ausgebildet haben will – fachlich, persönlich, akademisch und wissenschaftlich.

 

Bedenkt man dann jedoch, dass mancher sogar fordert, das vorhandene Studium möglichst irgendwie auf 5 Jahre zu stauchen, damit es mit dem Bachelor / Master System bezüglich der Länge in Einklang gebracht und auf absehbare Zeit auf dieses umgestellt wird (mit all den Konsequenzen die sich daraus ergeben), scheint die Antwort zu sein: "egal, Hauptsache schnell und preiswert".

 

 

 

 

 

 

Bildnachweise

 

 

 

Titelbild:

Matthias Bozek / pixelio.de

 

Bilder im Text (von oben nach unten):

Dieter Schütz  / pixelio.de
Jens Märker  / pixelio.de
Lupo  / pixelio.de
Marlies Schwarzin  / pixelio.de

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.12.2013.

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Studium, Humanmedizin
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