Wer hat Angst vor Tuskegee

14.12.2013
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Wie viele Medizinstudenten haben von der Tuskegee-Studie gehört? Seitdem meinem ersten Kontakt mit dem Gebiet der Medizinethik taucht sie immer wieder als Stichwort auf. Doch was hat eine in den 1930er Jahren begonnene Studie mit der heutigen Arbeitsethik zu tun, und haben amerikanische Ärzte wirklich über 40 Jahre hinweg Afroamerikaner mit Syphilis infiziert?

Aus heutiger Sicht klingt es fast phantastisch: Im Jahre 1932, als in der Syphilisbehandlung die vorhandenen Medikamente auf Grund ihrer Toxizität dem Nichtstun kaum überlegen waren, beschließt der U.S. Public Health Service (USPHS), den Verlauf unbehandelter Syphilis an etwa 400 Infizierten zu erforschen. Ort der Studie wird auf Grund der hohen Syphilisprävalenz Tuskegee (Sprich: Tas-KI-gi) in Alabama. Aus der ursprünglichen Dauer von einem Jahr wurden vierzig, aus der Nichtbehandlung mangels wirkungsvoller Medikamente wurden aktive Strategien, den Probanden Zutritt zu dem ab den 1940ern verfügbaren Penizillin zu verwehren, und mehr oder weniger zufällig waren die Probanden schwarz. - Soweit die allgemeine Auffassung, die bereits genug Fragwürdigkeiten beinhaltet. Wenn man aber, wie in unserem Seminar, tiefer in die Geschichte eindringt, treten weit düsterere Aspekte zutage, die bis heute Schatten besonders auf die medizinische Praxis und Forschung in Amerika werfen. [1]

Dass die Studienpopulation aus männlichen Afroamerikanern bestand, ist anscheinend doch kein Zufall. Wie der amerikanische Medizinhistoriker Alan Brandt darstellt, spielten die damals verbreiteten Rassenvorurteile vom intellektuell unterlegenen, sexuell ungezügelten Schwarzen, der zu faul und unzuverlässig für das Inanspruchnehmen medizinischer Hilfe sei, ebenso eine Rolle wie das Ausnutzen der Situation, dass das Experimentieren an einer nicht-weißen Gruppe in vielerlei Hinsicht unkomplizierter war. Selbst als die ersten Ergebnisse zeigen, dass die Prävalenz der Krankheit weit unter den Erwartungen lag (20 statt 35 Prozent) und sich ein nicht unbedeutender Teil der Männer hatten behandeln lassen, führt dies zu verstärkten Bestrebungen, mehr syphiliskranke Teilnehmer zu finden und sie mit dem Versprechen kostenloser Behandlung an die Studie zu binden. Eine Behandlung ist jedoch nie vorgesehen. Die Lüge aber wird maximal ausgereizt mit dem Verteilen ineffektiver quecksilberhaltiger Salben und eindringlichen schriftlichen Aufrufen, nicht seine kostenlose "Behandlung", die unter anderem rein diagnostische Lumbalpunktionen beinhaltet, zu verpassen. [2] Bis heute haben dieser Rassismus und die Ruchlosigkeit zusammen mit der kollektiven Erinnerung der black community an frühere Übergriffe für medizinische Forschungszwecke einen Einfluss. Sie haben Anteil an der Skepsis gegenüber Nadelaustauschprogrammen zur AIDS-Bekämpfung und am relativ niedrigen Prozentsatz schwarzer Teilnehmer an US-amerikanischen medizinischen Studien. [3]

Was aber sagen Aufbau, Durchführung und zeitgenössische Rezeption der Studie über die Ethik der medizinischen Berufsfeldes aus? Dass die Entwicklung von wissenschaftlicher Methode und Bioethik in den 1930ern noch in den Kinderschuhen steckt ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung für die aus heutiger Sicht unwissenschaftliche und (nicht nur aus heutiger Sicht?) unethische Vorgehensweise. Noch schwerer wiegt die Tatsache, dass Ergebnisse der Studie regelmäßig in Fachzeitschriften erscheinen. Hier wurde nicht im Hinterzimmer experimentiert, sondern in der Öffentlichkeit medizinischer Forschung und in der Fortsetzung einer skandinavischen, im Verlauf abgebrochenen Studie ohne Behandlung. Bereits vor Beginn der Studie empfahl ein medizinisches Lehrbuch die Syphilistherapie der Nichtbehandlung als geringfügig, jedoch signifikant überlegen. Eines der eindrucksvollsten Beispiele der Therapieverweigerung ist wohl ein Brief des USPHS im Jahre 1941, der das Militär nötigt, einige Rekruten von der angeratenen Syphilisbehandlung auszuschließen. [4] Damit geraten selbst als gesichert geltende und ohnehin skandalträchtige Fakten in der allgemeinen Wahrnehmung der Studie ins Wanken.

Klar war uns im Seminar in jedem Fall, dass die Tuskegee-Studie nicht nur methodisch, sondern ethisch und medizinisch unverantwortlich war und sich nicht wiederholen sollte. Wir kamen nicht umhin, die Situation der teilnehmenden Ärzte mit den medizinischen Experimenten im Dritten Reich zu vergleichen. Am Ende stand immer wieder die Frage: Wie hätten wir selbst reagiert? Als junior doctor nur ein unbedeutendes Rädchen in der Mechanik der von höchster Stelle abgesegneten Studie, womöglich aufgewachsen mit den Vorurteilen, auf denen sie basiert, nur auf der Durchreise auf dem Weg zur nächsten Ausbildungsstation - hätte ich die bekannte Studie kritisiert?

Die häufigste und vermutlich ehrliche Antwort der meisten lautete nein. Wenn ich meine Erfahrungen aus dem heutigen Krankanhausalltag heranziehe, finde ich einige Beispiele dafür, dabei nicht nur von Seiten der kleinsten Rädchen. Wer kommentiert den unangebrachten Witz des Oberarztes, wer widersetzt sich der qualitätsmanagementorientierten Anweisung des Chefarztes, im Entlassungsbrief nicht minimal 90° als Beugewinkel nach der Knie-TEP einzutragen? Was verlangen wir uns ab, die Kritik dieser noch recht unbedeutenden Beispiele als Anforderung an die medizinische Arbeitsethik zu stellen, und ist es das wert? Ich denke schon, aber die Stationswirklichkeit kann damit verdammt trübe aussehen. Das Bewusstwerden der Situation und immerhin das Wissen um Vorkommnisse wie die Tuskegee-Studie mit einer Prise Realismus in der Anwendung wären jedoch ein erster Schritt.

Immerhin ein verbreiteter Glaube über Tuskegee kann ad acta gelegt werden: keiner der Syphilisfälle war iatrogen. Damit ist die Geschichte allerdings nicht zu Ende. Bei ihrer Recherche zu Tuskegee fand die Historikerin Susan Reverby einen Stapel Dokumente über eine unveröffentlichte Studie in Guatemala, in der einerseits mit infektiösen Wattebäuschen, andererseits mit Alkohol und syphilitischen Prostituierten versucht wurde, die Insassen eines Gefängnisses und einer psychiatrischen Anstalt zu infizieren. [5] Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 16.12.2013.

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Medizin, Studium
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