Die Jagd auf den Studienplatz

08.12.2013
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Wie bewirbt man sich um einen Studienplatz in der Medizin? Und viel wichtiger wie bekommt man einen? Und das am besten noch ohne perfektes Abi. Leicht ist dies auf keinen Fall und hat auch nicht geklappt ohne vorher ganz schön meine Nerven auszureizen.

Mediziner brauchen ja bekanntlich immer eine extra Wurst (zumindest sagen das alle meine Freunde die Jura studieren), und das zeigte sich auch schon in der Bewerbung um den Studienplatz:
Wir hatten im Gymnasium schon ein paar mal Übungen gehabt, wie man sich für einen Studienplatz bewirbt. "Endlich mal eine Sache die man später wirklich braucht!", dachte ich damals. Pustekuchen! Für Medizin läuft alles anders...

Nach dem Abi ist vor dem Studium
Mein Freund und ich setzten uns ein oder zwei Tage nach dem Abi an den PC und versuchten uns mit der Bewerbungsart vertraut zu machen.
Hochschulstart war das Stichwort.
Dort fand man eine Adresse wo man beglaubigte Kopien all seiner wichtigen Dokumente  hinschicken sollte, und dort wurde für einen geschaut, ob man an irgendeiner Medizinischen Fakultät Deutschlands einen Studienplatz bekommen könnte.
Das war ein schönes System, zumindest ersparte es einem eine Menge Zeit.
Leider hatte man auch hier wieder einmal die Qual der Wahl.
Man konnte auf der Internetseite von Hochschulstart eine Prioritätenliste erstellen, an welche Uni man am liebsten gehen würde. Allerdings ist dies nur so einfach wenn man dank seines 1,0 NCs sowieso überall einen Studienlatz bekommen könnte.
Für alle Anderen beginnt hier das Abwägen:
In Uni A kriegt man einen Bonus auf den NC wenn man vorher einen speziellen medizinischen Test gut absolviert hat.
Uni B legt Wert auf vorherige Erfahrung in medizinischen Berufen.
Uni C hat lieber ein Bewerbungsgespräch.
All diese Möglichkeiten, seinen NC zu verbessern, kann man nur nutzen, wenn man vorher die besagte Uni auf einen gewissen Platz der Prioritätenliste, meist den ersten oder eins bis drei, gelegt hat.
Nach einigem herum jonglieren der Unis auf den ersten drei Plätzen unserer Prioritätenliste entschlossen wir uns Hamburg auf Platz eins zu setzen, weil wir uns dort die größten Chancen ausrechneten.

Hamburg, meine Perle
In Hamburg werden jedes Jahr etwa 200 Studienplätze über das Uni eigene Auswahlverfahren vergeben. Dazu werden etwa 1000 Leute mit einem NC von 1,9 oder besser zu einem naturwissenschaftlichen Test, dem HAM-Nat eingeladen. Die 100 besten Absolventen dieses Tests bekommen sofort einen Studienplatz in Hamburg, die nächstbesten 200 müssen sich um die verbleibenden 100 Plätze in einem sozialen Test, dem HAM-Int, schlagen.

Da sich der NC aber jedes Jahr, je nachdem wie viele Leute sich in Hamburg bewerben ändert, waren mein Freund und ich immer noch etwas am zittern, ob wir mit unseren 1,8er NCs überhaupt eingeladen werden. 
Also ließen wir es uns so kurz nach dem Abi erst mal ein wenig gut gehen und die Seele baumeln.
Ein großer Fehler!
Auf einmal lag die Einladung zum Test in unserer beider Briefkästen und der Test sollte schon nächste Woche sein.

Der HAM-Nat: unsere Chance
Das Lernen begann. Wir verbarrikadierten uns in einem Zimmer mit allen Chemie-, Physik- und Bio-Büchern die wir auftreiben konnten und verließen es nur für das Nötigste. Ich habe kaum noch Erinnerung an diese Woche, aber ich weiß, dass es erstaunlicherweise nicht so hart war wie erwartet.
Nach einer Woche machten wir uns dann auf den Weg zum Test.

Ich sah dort viele verstörte Gesichter, auch einige die ich kannte. Viele unterhielten sich aus Nervosität, einige sahen aus als würden sie gleich ihren Stift essen und andere saßen mit einem Blick der Überlegenheit da, dass man ihnen den Gott in Weiß schon jetzt ohne zu fragen abgekauft hätte.
Ich hatte kein gutes Gefühl während ich meine Kreuzchen im Test setzte, allerdings war ich eh mit wenig Hoffnung zum Test angetreten, umso überraschter war ich, als nach kurzer Zeit die Ergebnisse des Tests per Post kamen.   
Sowohl mein Freund als auch ich hatten es zumindest unter die ersten 300 geschafft und sollten zum sozialen Test, dem Ham-Int antreten.
Das war schon mal ne gute Sache! Die Chance einen Studienplatz zu bekommen lag nun bei 50%, statistisch gesehen würde es also wenigstens einer von uns beiden schaffen.

Achillesferse: Sozial sein
Wir informierten uns etwas, welche Art von Test uns erwartete. Anscheinend musste man vor einer Tür einen Zettel mit einer Situationsbeschreibung lesen, dann ertönt ein Pfiff der sagt, dass man den Raum betreten soll und dann  findet man sich in einem Rollenspiel mit einem Simulationspatient wieder, dass von drei Ärzten bewertet wird.
Ich hasse sowas. Ich bin kein Mensch der schauspielert. Entweder ich bin in einer Situation und reagiere entsprechend oder ich bin es nicht, und dann tu ich auch nicht so.
Aber was tut man nicht alles.
Also sind wir am Tag des Testes ans Universitäts-Klinikum-Eppendorf gefahren, denn dort sollte der Test stattfinden. Wir sind sehr früh los, weil mein Freund direkt in der ersten Testrunde war. Ich hingegen sollte erst gegen 16 Uhr geprüft werden.
Er betrat den hübschen Neubau und ich wartete Draußen auf ihn.
Als er wieder aus dem Gebäude kam, erzählte er überglücklich von einer sehr netten Prüfung, netten Schauspielpatienten und einer speziellen Situation, in der er einer alten Dame beibringen sollte, dass ihre Operation nichts gebracht hat, und sie deswegen nie wieder laufen werden könne. Er hatte erzählt, wie er ihr das beigebracht hatte, wie er versucht hat sie zu unterstützen und welche Hilfsangebote er ihr vorgeschlagen hatte.
Ich saugte alle Informationen von ihm auf und freute mich schon einen kleinen Vorteil aus der späten Prüfungszeit ziehen zu können.
Leider war mein Schauspielpatient etwas anders...
Anstelle einer alten netten Dame, stand ich nach dem Öffnen der Tür vor einem grummelig drein schauendem, alten Mann. Ich begrüßte ihn möglichst freundlich, stellte mich vor und versuchte das Gespräch so anzugehen wie mein Freund. Nur leider blieben die erwarteten Reaktionen aus.

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Der gute Herr der mir gegenüber saß, glaubte nicht an Hilfsorganisationen, Therapien und hatte weder Familie noch Freunde und je länger ich mit ihm redete, desto mehr wurde mir auch klar warum.

Man konnte echt sagen was man wollte, aber dieser Schauspielpatient verstand es zu schauspielern.
Ich saß da, versuchte möglichst ruhig und verständnisvoll zu sein während in mir langsam die Wut hochkochte. Warum muss dieser Heini ausgerechnet, den fiesesten Patienten mimen? Warum ist denen es überhaupt erlaubt, so verschieden zu reagieren? Und wie zur Hölle wollen die Ärzte, dass unter den Umständen eigentlich noch Objektiv bewerten? Am liebsten hätte ich den Tisch durchs Fenster geworfen.
Dieser Gedanke lies mich durchatmen. Ich absolvierte einen sozialen Test und ich stand kurz davor Dinge zu werfen, kein Wunder wenn ich es nicht schaffen sollte.

Ich ging mit einem noch schlechteren Gefühl aus dieser Prüfung als aus dem Ham-Nat, und diesmal bewahrheitete sich mein Gefühl.
Mein Freund hatte es allerdings geschafft! Ein Hoch auf die Statistik! Und vielleicht auf seinen etwas sozialeren Charakter... 

Und nun?
Meine Eltern bestanden darauf, dass ich die jetzt folgende freie Zeit dazu nutzte für den Ham-nat im nächsten Jahr zu lernen und ich zwackte drei Monate der Zeit ab um schon mal das Krankenpflegepraktikum zu absolvieren, das man sonst innerhalb der ersten zwei Jahre des Studiums hätte machen müssen.
Die Zeit des Lernens war ganz ok. Ich startete damit als mein Freund mit der Uni anfing. Während er also langsam anfing in fremden Zungen zu sprechen, wie es wohl für angehende Mediziner normal war, startete ich wieder damit zu Lernen aber auch die viele freie Zeit zu genießen.

Vorhölle oder Pflegepraktikum?
Das Krankenpflegepraktikum dagegen war die Hölle. Mein Freund hatte mir erzählt, dass er gelesen hatte, das dieses Praktikum dazu dienen sollte die Arzt-Pfleger-Beziehung zu verbessern.
Das  hätte jemand vielleicht auch den Pflegern erzählen sollen. Ich hatte vorher immer einen guten Draht zu Pflegern gehabt, aber die Furien mit denen ich dort konfrontiert wurde, zeigten mir dass es auch anders sein kann.
Aber dazu ein andermal mehr..

Runde 2! 
Als das Jahr endlich um war, versuchte ich mein Glück erneut beim Ham-Nat.
Ich schaffte es auf Platz 102! Nur zwei Plätze vorbei an einem sicheren Studienplatz!
Ich ärgerte mich halb tot, dass ich nicht mehr gelernt hatte. Jetzt musste ich schon wieder diesen fürchterlichen sozialen Test über mich ergehen lassen und ich war nicht der Meinung, dass mir neun Monate der sozialen Isolation, geholfen hatten sozialer zu werden.
Ich war mir sicher, dass ich es wieder nicht schaffen würde.
Unsicher und wütend, weil mir wieder in den Kopf kam, wie es im letzten Jahr gelaufen war, begab ich mich wieder in die Höhle des Löwen, den Campus Lehre des UKE.
Dieses mal hatte ich während des Tests ein relativ gutes Gefühl, bis ich vor der Tür stand an der der Zettel hing, der einen frisch operierten Patienten ankündige der nie wieder laufen würde.
Mich packte die Panik und Unsicherheit.
Ich hatte schon wieder so eine späte Prüfungszeit. Vermutlich waren die Schauspielpatienten und Ärzte, die das Ganze bewerten sollten, sowieso schon genervt, weil sie den ganzen Tag in diesen winzigen Zimmern hocken müssen, bestimmt würde der Patient wieder griesgrämig sein und keinerlei Freunde haben und hoffentlich sah man mir meine Panik nicht an.
Ich öffnete vorsichtig die Tür und wurde von einer kleinen, reizend aussehenden Dame angestrahlt.
Das Gespräch verlief genauso wie mein Freund es mir vor einem Jahr geschildert hatte. Die Dame hörte während des ganzen Gesprächs kaum auf zu lächeln. Wenn ich jetzt drüber nachdenke vermutlich auch nicht die gesündeste Reaktion auf die Nachricht, dass man seine Beine nicht mehr bewegen kann...
Aber das stört mich jetzt nicht mehr! Denn nach einigen Wochen voller Bangen und Hoffen kam endlich der lang ersehnte Brief in dem stand, dass ich den Test bestanden hätte!
Endlich hatte ich meinen Studienplatz! Bald würde das Studium anfangen, und bald wäre ich vielleicht auch wieder in der Lage sein zu verstehen was mein Freund, der inzwischen zu einem mit lateinischen Wörtern um sich schmeißenden Lexikon mutiert war,  so von sich gab.
Ich war optimistisch. Wie schlimm konnte es jetzt noch werden? 

Artikel letztmalig aktualisiert am 09.12.2013.

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Studium, Humanmedizin
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Ein Beginn ist noch kein Anfang Voller Vorfreude erwartete ich die ersten Wochen des Studiums. Ok, das ist gelogen, mehr...
"Was willst du denn mal werden wenn du groß bist?" Diese Frage hat wohl  jeder von uns nicht nur einmal gestellt mehr...

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