Stillkaries - Kann Muttermilch Karies verursachen?

08.02.2019

Muttermilch ist super. Aber auch super süß. Kann sie Karies verursachen? Eine Diskussion über Stillkaries, nicht übers Stillen.

Stillen ist ein sehr persönliches Thema - und ein sehr heikles. Immer wieder gibt es die Diskussion über die Kariogenität von Muttermilch, also das Potenzial, Karies zu verursachen. Als Kinderzahnärztin werde ich häufig mit diesem Thema konfrontiert. Immer wieder kommen Mütter in meine Praxis, die verzweifeln, weil die Oberkiefer-Schneidezähne „wegbröckeln“, gerne wird das mit irgendeinem Sturz vor weiß-Gott-wie-vielen Jahren oder einer Schmelzstörung erklärt, aber irgendwie werde es immer schlimmer?! In unserer Anamnese werden die Ernährungsweise, die Mundhygienemaßnahmen und das Stillverhalten explizit und genau abgefragt. Und alle, die jetzt darauf warten, dass ich das Stillen verteufle - Stillen ist super. Es hat medizinisch gesehen einen sehr hohen Nutzen, für den Säugling ist es mit Sicherheit die beste Nahrungsform. Aber und ja, jetzt kommt das „aber“, Muttermilch ist auch kariogen. Das ist egal, solange keine Zähne vorhanden sind und auch egal, wenn noch keine Besiedelung mit kariesverursachenden Bakterien stattgefunden hat. Aber sobald beides der Fall ist, muss man nun mal zugeben, dass Muttermilch süß ist und Zucker enthält und Karies verursachen kann - wieso auch nicht? Weil sie zusätzlich auch tolle immunmodulierende Wirkstoffe enthält?! Bei guter Mundhygiene und zuckerarmer Beikost ist Stillen kein Problem. Problematisch wird es meist erst beim sogenannten Langzeitstillen über das 2. Lebensjahr hinaus (ich habe aber auch schon Fälle mit Stillkaries vor dem 2. Geburtstag gesehen) und auch hier nur bei häufigem, in der Regel nächtlichem Stillen. Die Speichelproduktion wird nachts heruntergefahren und alles was auf den Zähnen klebt bleibt kleben und kann wunderbar wirken. Wenn man Stillen und Karies in die Suchmaschine eingibt, ist es erschreckend zu sehen, was dort manche Stillberaterinnen oder selbst ernannte Experten von sich geben. Dort wird Betroffenen erklärt, dass Karies niemals durch Stillen verursacht werden könnte und ihnen wird geraten, die Zahnärztin sofort zu wechseln oder ihr irgendwelche dubiosen, nicht-wissenschaftliche Artikel vorzulegen. Auch ich wurde schon von Patienten darüber „aufgeklärt“, dass Karies nicht durchs Stillen verursacht werden könnte, als Argument hört man zum Beispiel, dass man die Brust ja so tief in den Rachen der Kleinen schieben würde, dass die Milch die Zähne gar nicht berühren würde. Ich lasse dies jetzt mal unkommentiert. Meinen Eltern von Kindern mit Stillkaries rate ich übrigens nicht zwanghaft zum sofortigen Abstillen, denn dies ist eine persönliche Entscheidung der Familie. Aber ich kläre sie über die Folgen von häufigem, nächtlichem Stillen auf. Erwähnt sei auch die Vipeholm-Studie die belegt, dass die Frequenz der Zuckeraufnahme und nicht der absolute Zuckergehalt entscheidend ist - eine Verringerung der Häufigkeit des nächtlichen Stillens kann also schon helfen. Außerdem empfehle ich den Eltern, wenn sie nicht (nachts) abstillen möchten, die Zähne nach dem Stillen zu putzen (ja, ich weiß auch, dass das in 99% der Fälle nicht geht, weil die Kinder dabei einschlafen), zumindest aber den Milchfilm auf den Oberkieferfrontzähnen zu entfernen. Unabdingbar ist die Benutzung einer fluoridhaltigen Zahnpasta und ggf. zahnärztliche Fluoridierungsmaßnahmen (bei bestehenden Entkalkungen). Viele Eltern sind einfach erleichtert, endlich zu wissen, woher die Karies kommt. Leider sind auch einige zahnärztliche Kollegen nicht geschult, Stillkaries zu erkennen und auch beim Kinderarzt werden Entkalkungen gerne übersehen. Daher ist eine regelmäßige Vorstellung beim (weitergebildeten) Zahnarzt ab dem ersten Zahn sinnvoll. Leider sind die Fronten von Seiten einiger Stillberaterinnen und häufig auch von Hebammen verhärtet. Ich würde mir einen ehrlichen Umgang mit dem Thema wünschen. Die Diskussion über Stillkaries ist keine Diskussion über das Stillen, wird jedoch häufig so verstanden. Ein guter (Kinder-)Zahnarzt kann übrigens sehr gut zwischen Stillkaries und angeborenen oder erworbenen Defekten unterscheiden, da in den Foren häufig von Karies durch Antibiotikagabe oder von Kreidezähnen etc. gesprochen wird. Die Stillkaries ist davon sehr gut abzugrenzen durch die Lokalisation, das Erscheinungsbild und eine gute Anamnese.

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.02.2019.

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Zahnmedizin
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