Kranke Menschen oder kranke Gesellschaft?

26.11.2013
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Seit Langem wird das "Thema ADHS" kontrovers diskutiert. Werden immer mehr Kinder in unserem Land "einfach krank"? Warum? Und was hat es damit auf sich, dass selbst der "Erfinder" von ADHS, der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg, auf dem Sterbebett nicht mehr an seine eigene Schöpfung glaubte, sondern diese als "ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung" bezeichnet hat?

Seit Langem wird das Thema ADHS kontrovers diskutiert. Werden immer mehr Kinder in unserem Land „einfach krank“? Warum? Und was hat es damit auf sich, dass selbst der "Erfinder" von ADHS, der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg, auf dem Sterbebett nicht mehr an seine eigene Schöpfung glaubte, sondern diese als  ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung bezeichnet hat? Jens Wernicke sprach hierzu mit Dieter Mattner, Professor für Heil- und Sonderpädagogik im Ruhestand, der seit Längerem zum Thema arbeitet und forscht.

Herr Mattner, immer mehr Kindern wird ein so genanntes ADHS, ein Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, diagnostiziert. Werden unsere Kinder immer kränker?

Tatsächlich steigt die Anzahl der ADHS-Diagnosen von Jahr zu Jahr kontinuierlich an. Auffällig dabei ist jedoch, dass, wie empirische Untersuchungen belegen, diese Diagnose in Verbindung mit der Behandlung des hochproblematischen Medikamentes Ritalin vermehrt bei Schuleintritt gestellt wird. Die Diagnose selbst geht dabei hypothetisch von einer hirnorganischen Wahrnehmungsverarbeitungsinsuffizienz betroffener Kinder aus, die sich bisher mit harten Fakten jedoch nicht hat belegen lassen. Das heißt, die Diagnose gründet im Sinne einer Summationsdiagnose, als so genanntes Syndrom also, primär auf Verhaltensbeobachtungen und Fragebögen, die aufgrund subjektiver Wertmaßstäbe der dazu legitimierten Personen wohl kaum objektiven Gütekriterien genügen. Insofern scheiden sich hier die Geister in der Einschätzung dieser anscheinend epidemisch um sich greifende "Krankheit" ADHS, was seitens der jeweiligen Positionen inzwischen auch mit zunehmender Schärfe diskutiert wird.

Wie meinen Sie das, kontrovers diskutiert? Welche Positionen stehen sich denn gegenüber?

Diese so genannte Krankheit ADHS führte mittlerweile zu einer der größten Kontroversen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie überhaupt. So wird von einem Großteil der Seite der Befürworter dieses Konzepts allenthalben betont, die wahren Ausmaße dieser Krankheit seien – besonders im so genannten "Zwischenbereich zwischen Normalität und Erkrankung" – noch längst nicht diagnostisch erfasst. Hier gäbe es noch eine hohe "Dunkelziffer". Auf der Gegenseite mehren sich jedoch die warnenden Stimmen, die von einer "Krankheitskonstruktion" bzw. einem "Krankheitsmythos" sprechen und insbesondere auf die bisher unerforschten möglichen Nebenwirkungen von Ritalin auf das sich entwickelnde kindliche Gehirn hinweisen.

Die "Kontroverse ADHS" vollzieht sich zudem in einer Zeit, in der recht allgemein immer mehr Kinder eine "Störung" oder "Krankheit" testiert wird, exemplarisch seien hier nur Legasthenie und Dyskalkulie  genannt. In einem Appell wurde daher unlängst sogar im Ärzteblatt selbst vor einer “zunehmenden Pathologisierung und Psychiatrisierung der Kinder” gewarnt. Hierbei wird dann auch der Kern des Problems sofort deutlich. Er betrifft die Frage: Sind es wirklich unsere Kinder, die hier krank, in organischem Sinne also beeinträchtigt sind, oder sind es nicht vielmehr gesellschaftliche Norm- und Leistungsansprüche, denen Kinder immer weniger gewachsen sind?

...weiterlesen auf http://www.nachdenkseiten.de/?p=19394

Artikel letztmalig aktualisiert am 24.07.2014.

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Medizin, Politik Wirtschaft
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Gast
Wir liegen da in unserer Meinung sehr nah. Hier ist mein Beitrag zum Thema ADHS: http://www.gesundheit-in-bewegung.com/2012/07/04/verhaltensauff%C3%A4llige-kinder/
#1 am 22.07.2014 von Gast
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