Allergologische "Magical Mystery Tour"?

23.11.2013
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Eine Präsentation des US-amerikanischen Allergologen und ACAAI-Mitglieds David Stukus, MD, mit alten Allergie-Mythen aufräumen zu wollen, gibt Rätsel auf.

Auf dem wissenschaftlichen Jahrestreffen des „American College of Allergy, Asthma and Immunology“ (ACAAI) in Baltimore, Maryland, USA, läuft seine Darstellung einiger der größten allergologischen Mythen mit dem Titel „Defining Allergy Fact from Fiction“ und seine Erklärung, warum diese fasch seien, teilweise völlig aus dem Ruder [„In his presentation, Dr. Stukus outlined some of the greatest allergy myths, and explained why they are false“]. 

Schon der erste Mythos, mit dem aufgeräumt werden soll, gerät zum Chemie-Industrie freundlichen Desaster mit einer Mischung aus wissenschaftlichen Widersprüchen und Halbwahrheiten. Der Allergologe behauptet allen Ernstes, zum Ausspruch: „Ich bin allergisch gegen künstliche Farbstoffe“ gebe es keine wissenschaftliche Evidenz einer Verbindung zwischen der Exposition gegenüber künstlichen Farbstoffen und Allergien. Es gebe lediglich Kontroversen bei der Evidenz zwischen künstlichen Farbstoffen und Verhaltensänderungen bei Kindern. Ebenso könnten Farbstoffe allgemein chronische Urtikaria und Asthma (bronchiale) auslösen [„1. I’m Allergic to Artificial Dyes – There is no scientific evidence to support a link between exposure to artificial coloring and allergies. Controversy exists regarding evidence for artificial coloring and behavioral changes in children, as well as dyes causing chronic urticaria and asthma.”]. Dass ein extrinsisches Asthma bronchiale als Reaktion auf künstliche Farbstoffe geradezu der Beweis einer Allergieauslösung sein kann, verschweigt der Allergiespezialist. 

Die zweite Aussage über Hühnereiweißallergie und Impfproblematik gerät zur „try and error“-Empfehlung [„2. I Cannot Have Vaccines Due to an Egg Allergy“]. Der Autor behauptet einfach ohne Spezifikation der Impstoffherstellung und o h n e Verweis auf moderne, azelluläre Impfstoffe, die Grippeimpfung sei sicher und schütze vor schwerer Krankheit [„However, it’s now safe to get the flu shot, which can help prevent serious illness.“]. 

In Punkt 6 der Stukus-Liste langt der Autor heftig daneben. Sein Statement: „In fact, iodine is not and cannot be an allergen as it found in the human body”, ist nicht mal Mythos, sondern eine klare Falschaussage. Die Tatsache, dass Jodid im menschlichen Körper vorkommt, schließt doch eine Jodallergie nicht aus. Deshalb sind gerade Polyvinylpyrrolidon-Iod (PVP-Iod) Präparate entwickelt worden, und Kalium jodatum als Expektorans sollte strikt gemieden werden. Auch Autoimmunerkrankungen sind klassische Allergien auf körpereigene Substanzen. Zu Recht wird allerdings darauf hingewiesen, dass eine Schalen- und Krustentier(„shellfisch“)-Eiweißallergie nosologisch n i c h t s mit Jodallergie zu tun hat. Aber das wussten aufgeklärte Zeitgenossen schon vorher. 

Punkt 7 entlarvt krasses Unwissen des Allergologie-Referenten: Brotunverträglichkeiten bei „Glutenallergie“ sind viel häufiger als gedacht. In Deutschland (D) und Dänemark (DK) beträgt die Prävalenz von Zöliakie/Sprue 1:500. In den USA, GB, IRL liegt sie bis zu einer Gluten-Intoleranz : 110 Personen. Und zwar auf die Getreidearten Gerste, Hafer, Roggen u n d Weizen - und keinesfalls nur auf Weizenmehlprodukte! [„7. I Can’t have Bread, I’m Allergic to Gluten – You can have a gluten intolerance, but it’s extremely rare to have a true allergy. Most allergic reactions to these foods stem from wheat. Many people self-label as having gluten allergy and avoid gluten without any medical indication.”]. 

Zöliakie/Sprue bzw. Gluten-induzierte Enteropathie kann man übrigens neben der gezielten Dünndarmbiopsie ganz einfach diagnostizieren: Zöliakie-AK werden über Gliadin IgA-AK, IgG-AK, Endomysium IgA-AK, Gewebetranglutaminase-IgA-AK bzw. im Zweifel durch Molekulargenetische Untersuchungen detektiert. 

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund 
Quelle:

http://www.acaai.org/allergist/news/New/Pages/DefiningAllergyFactfromFiction.aspx

(Foto: Allergisch urtikarielles Exanthem - Praxis Dr. Schätzler)

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.06.2014.

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Ich hoffe die frage passt hier. Warum setzt sich fast bzw. kein wissenschaftler mit keratosis pilaris auseinander?? Bei kir ging das Gott sei Dank in der Pubertät so halbwegs weg.Aber ich hab freunde bei denen ist das noch immer da.Und die leiden psychisch schon recht viel.Also warum?
#2 am 09.06.2014 von Gast (Gast)
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Das ganze Thema "Allergie" gibt einem schon Rätsel auf, denn dass aus allergischen Reaktionen = Intolleranzen, seltene Erkrankungen der Immunzellen sich resultieren ohne Infekte dafür ausfindig machen zu können, ist noch rätselhafter denn je. Als Beispiel, die Granulomatose wie auch Sarkoidose. Sind es immer "Allergien" oder sprechen hierfür Toxikosen eher für eine unaufgeklärte Urtikaria die nicht "nur" ihre Symptomatik auf der Haut austobt, sondern gar in Organgeweben ohne Infekte, als Immunfehler des Immunsystems oder gar einen unbekannten Sachverhalt von Darm, deren Flora und Bakteriophagen, wenn es sich dabei um keine Mastozytose handelt?
#1 am 13.05.2014 von Gast (Gast)
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