Spahn und die Ärzte in der Schweiz - ein offener Brief an den Minister

15.01.2019

Herr Spahn möchte durch neue EU-Regeln die Abwanderung der Ärzte in die Schweiz und andere Länder eindämmen. Dies ist ein Kommentar in Form eines offenen Briefes.

Mensch Spahn,

 

Sie wollen die Deutschen Ärzte zurück. Das haben Sie einem Schweizer Redakteur erzählt. Dabei denken Sie an neue EU Richtlinien, die die Abwanderung unterbinden, auch wenn die Schweiz ‘ein schönes Land sei’. Ich habe also einen Vorschlag:

 

Vielleicht nehmen wir ein oder zwei 4000er mit: Gletscher, ein paar Zirben und Gämsen. Dann ist es hier schon fast genau so schön wie in der Schweiz. Auch Heidi und der Großvater sind dabei. Gemeinsam eröffnen wir ganz viele Landarztpraxen und endlich, endlich ist durch eine einzige, winzige Regelung in der EU wieder alles, wie es immer war. Nur eben mit Konzernen, DRGs, Budgetierung und Fallzahlen. Das vergisst man aber durch die Höhendemenz. Auf 4000m ist die Luft ja schon dünn. Da sieht der Berg der Bürokratie auf einmal viel kleiner aus. 

 

Hätte der Artikel nicht erwähnt, dass das Interview in Berlin auf 35m über Meeresspiegel stattfand, hätte man auch bei Ihnen auf diese Erkrankung schließen können. Sie ist berüchtigt für Fehlentscheidungen - selbst bei erfahrenen Bergsteigern. Leider führt das oft zum Absturz. 

 

Das Seil, mit dem Sie sich sichern wollten, ist porös, morsch, alt und marode, der Haken rostet und das Eis schmilzt. Und jetzt sollen wir Sie da oben von der Steilwand retten. Ohne Helikopter, denn dafür reicht das Geld nicht, aber wir haben ja etwas gelernt während der Jahre in der Schweiz.

 

Nach der Uni weiss man nämlich noch lange nicht, wie man nachts ganz alleine kranke Menschen behandelt, wie man intubiert oder welche Schmerzmittel man einem abgestürzten Bergsteiger gibt. Man nennt das Facharztweiterbildung. In Deutschland gibt es dafür Sammelhefte mit Inhalten, die der unerfahrene Assistenzarzt lernen soll. 

 

Diese 16 Seiten sind gefüllt mit vielen Quadraten, Linien und Platzhaltern für jede Menge Unterschriften und bunte Stempel. Wenn das Album voll ist, darf man sich damit bei der Ärztekammer zur Prüfung anmelden. Wie genau gesammelt wurde, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Inhaltlich macht das ganze auch sowieso keinen Sinn. In meinem Logbuch für Neurologie kommt die Behandlung eines Schlaganfalls zum Beispiel gar nicht vor. 

 

Viel lieber presse ich also Enzian und andere hübsche Bergblümchen zwischen meinen alten dicken Wälzern und schneide noch ein paar Sterne aus dem Himmel. Da hat man beim Sammeln zumindest eine schöne Aussicht und ganz andere Perspektiven. 

 

Sie kennen das ja. Von da oben an Ihrer steilen Felswand sieht die Welt so klein und beschaulich aus. Sie klettern ja auch aus Leidenschaft und möchten immer höher hinaus. Wer immer nur am Fließband tritt, verliert die Motivation, weiterzugehen. 

 

Die meisten Institutionen in Deutschland interessieren sich aber gar nicht für die Weiterbildung Ihrer Angestellten. Weder Pflegekräfte noch Ärzte werden freiwillig gefördert. Für Fortbildungen gibt es selten frei, finanzielle Zuschüsse werden minimiert, vorgeschriebene Rotationen funktionieren so gut wie gar nicht. Was zählt ist günstige Arbeitskraft in Minimalbesetzung zur Gewinnoptimierung. Nach der Facharztprüfung wird der Vertrag dann nicht verlängert. 

 

In der Schweiz oder in den Niederlanden verbringt ein Arzt nicht einen halben Sonntag mit Blutabnahmen, dafür gibt es einen ‘Papa-Tag’, bezahlte Zeit für Forschung mit Kongressbesuch und Home-Office und ein Weihnachtspaket mit Schokoladenfontäne. Für die anderen Mitarbeiter übrigens auch. Dort wird auch nicht vor jeder Behandlung erstmal die Abrechnung simuliert, nur für Fallzahlen und OPS-codes operiert und auch kein fünftes MRT zur rechtlichen Absicherung gemacht.  

 

Ich kenne in Deutschland keinen einzigen jungen Arzt mit Interesse an einer Chefarztposition. Denn das bedeutet noch mehr Bürokratie und noch mehr Zahlen. Man trägt dann noch mehr Verantwortung für eine Medizin, die Menschen schadet, weil es nur finanzielle und forensische Gründe für sie gibt. Da hängt man dann an einem reißenden Seil ähnlich wie Ihrem, auf schmelzendem Eis, Barfuß mit Lawinengefahr. Dann wäre man vielleicht lieber Politiker geworden. 

 

Wir haben in Deutschland vor lauter Zahlen die Menschen vergessen. Menschen wie Patienten, wie Pflege, wie Ärzte und wie Sie. Nicht nur die Gämsen, Vögel und den Enzian. Wenn Sie den Berg der Bürokratie etwas kleiner werden lassen und statt Zwangsarbeit ein bisschen Wertschätzung, Zeit, Ausbildung und Perspektive integrieren, muss man auch nicht auf Schweizer Berge steigen. Dann kann man nämlich wieder über die schöne flache Heide schauen. Ganz ohne neues EU-Gesetz. 

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

Eine Deutsche Ärztin, die übrigens im Ausland studiert und in Deutschland gearbeitet hat und jetzt lieber etwas ganz anderes macht. 

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.01.2019.

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