Mulmiges Gefühl trotz Routine

19.12.2018

Ein Jahr ist zu Ende, das nächste beginnt. Ich werde nachdenklich. Über 27.000 Patienten habe ich bislang in meiner Praxis behandelt. Von Abgebrühtheit bin ich allerdings weit entfernt. Mein Gefühl vor der Arbeit? Mulmig. Kassenärztlicher Notdienst? Macht mich weiterhin fertig.

Ich bin seit sechzehn Jahren in meiner eigenen Praxis als Kinder- und Jugendarzt tätig, das Zählwerk meines Praxis-Programms zeigt über 27.000 Patienten an, die sich einmal oder meist mehrmals in dieser Zeit in meiner Praxis vorgestellt haben.

Ich war vorher acht Jahre in einer großen Kinderklinik tätig, habe die letzten 1,5 Jahre nonstop auf der Intensivstation gearbeitet, wurde mit täglichen Kreißsaaleinsätzen, Mini-Frühgeborenen von 600 Gramm aufwärts und mehreren Reanimationen konfrontiert.

Sicherlich habe ich ein paar Kinder gesünder gemacht, Eltern beraten und Familien durch Impfungen geschützt. Bestimmt habe ich auch Fehler gemacht und wünschte, dass sie nie geschehen sind und niemand durch mich zu ernsthaftem Schaden gekommen ist. Primum non nocere.

Ich bleibe unsicher. Morgens habe ich weiterhin Bauchweh. Ich leide, wenn ich kassenärztlichen Notdienst habe. Ich bin verunsichert, wenn ich mich entscheide, das Blut zu untersuchen, weil mein eigenes Urteilsvermögen vielleicht hinkt. Und schwitze, wenn ich die Werte in Augenschein nehme.

Ich vertraue meinem Sachverstand. Ich schwöre auf mein Bauchgefühl. Aber ich misstraue dem Teufel namens Versäumnis, der Bitch namens Verpassen und der Stolperfalle namens Übersehen. Die Eltern kommen zu mir, weil sie meinen Fähigkeiten vertrauen. Und wenn ich nun aber einen Fehler mache?

Dann bin ich Mensch.

Ist das so einfach in unserem Beruf? Ist es nicht.

Bildquelle: Martin Howard, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.01.2019.

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Medizin, Pädiatrie
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Wann war ich " perfekt"? Wenn ich nach meinem besten Wissen und Gewissen gehandelt habe- nach meiner tiefsten inneren Ethik. Mehr geht nicht . Und dann ist auch Ruhe im Karton . ;-))))
#5 vor 10 Tagen von Dr. med. Liza Baldy (Ärztin)
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Zustimmung, daß wir in Deutschland keinen angemessenen Umgang mit Fehlern kultivieren. Üblicherweise wird so verfahren, daß ein Schuldiger bestimmt, angeprangert und sanktioniert wird. Whistleblowern ergeht es nicht besser. Dabei zeigen Studien, daß der Fehler zumeist im System liegt und darum weniger im Verhalten des Einzelnen zu suchen sind. Wenn Fehler passieren, sollte das System verbessert werden. An manchen Stellen wird das schon so gehandhabt, bloß taucht dann oft das nächste Problem auf, daß bspw. Checklisten nicht sorgfältig geführt werden, weil dies nicht als notwendig erkannt, sondern als überflüssig/lästig abgetan wird. Wenn allerdings die Leitungsebene (Chefärzte, PDL usw.) konsequent auf einer Umsetzung bestehen und dies auch so vorleben, dann können ganze Krankenhäuser binnen weniger Jahre umgekrempelt werden. Leider passiert dies derzeit häufig erst dann, wenn es bereits zu gravierernden Zwischenfällen gekommen ist, anstatt aus den Fehlern anderer Häuser zu lernen.
#4 vor 13 Tagen von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Ärztin
Wow! Ein bewundernswert offener Beitrag! Ich glaube, dass es vielen von uns so geht, aber niemand dazu steht. Gegenüber Kollegen spricht man nicht darüber. Selbst im privaten Umfeld fühlt man sich damit oft schlecht aufgehoben. Es wird Zeit, endlich einen konstruktiven Umgang mit ärztliche Fehlern und daraus resultierenden Ängsten zu finden. Mir selber ist als junge Assistenzärztin im Nachtdienst ein fataler Fehler unterlaufen. Das hat mich geprägt und beeinflusst mich bis heute. Ich hatte später regelrecht Angst vor den Nächten (Magenschmerzen, jeden Dienstblock 2-3 kg abgenommen). Erst mit dem Abstand vieler Jahre ist mir klar, dass ich damals eine Angststörung entwickelt habe. Solange wir dieses Thema totschweigen, werden wir uns weiter selbst schädigen, anfälliger für Suchterkrankungen sein und eine erhöhte Suizidrate haben, ganz abgesehen von dem persönlichen Elend das wir durchleben und davon, dass wir junge fähige Ärzte verlieren. VIELEN VIELEN DANK für diesen Beitrag!!!
#3 vor 16 Tagen von Ärztin
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Das regelmäßige Hinterfragen der eigenen Tätigkeit ist sicher mit am wichtigsten um Fehler zu im Vorfeld zu vermeiden. Aber mit Bauchweh (Angst?) aufzustehen, zu Schwitzen beim Lesen von fremden (nicht den eigenen) Laborbefunden ist auf die Dauer ungesund. Nicht nur an die Praxis und die Patienten denken! Carpe diem! (Seit 27 Jahren HNO Praxis, davor 8 Jahre Klinik)
#2 vor 17 Tagen von Iver Loennecken (Arzt)
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Dieser kleine Rest an Unsicherheit, dieser stetig nagende Zweifel ist das, was verantwortungsbewußte Ärzte oftmals davor bewahrt, Fehler zu machen und sie von den selbstgefälligen unterscheidet. Manche Fehler sind überdies korrigierbar - sofern man sie sich denn eingestehen kann.
#1 vor 17 Tagen von Annika Diederichs (Tierärztin)
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