Brief an Mitglieder des Gesundheitsausschusses

29.11.2018

Brief an Mitglieder des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages - Aktuelle Transplantations-Medizin-Debatte im Deutschen Bundestag

An: erwin.rueddel@bundestag.de, harald.weinberg@bundestag.de, michael.henrich@bundestag.de, sabine.dittmar@bundestag.de, axel.gehrke@bundestag.de, andrew.ullmann@bundestag.de, achim.kessler@bundestag.de, kirsten.kappert-gonther@bundestag.de 

Gesendet am Mittwoch, den 28.11.2018 um 15:18 Uhr 

Sehr geehrte Damen und Herren Bundestagsabgeordnete, 

Nach wie bestehen Unehrlichkeiten, mangelnde Orientierungen, Fake-News und z. T. blinder Aktionismus in der Transplantationsmedizin: Drama-Sprüche wie "Jeden Tag sterben 3 Menschen. WIDERSPRUCHSLÖSUNG JETZT!" von http://change.org/widerspruchsloesung 
sind eher kontraproduktiv, insbesondere, wenn Aktivistinnen und Aktivisten sich gar nicht professionell auf dem Gebiet der Transplantations-Medizin bewegen und/oder davon Betroffene betreuen bzw. behandeln. 

Ursache mangelnder Organspende-Bereitschaft ist in Deutschland nach wie vor die fehlende gesellschaftspolitische Debatte über bio-psycho-sozialen Auswirkungen der Transplantationsmedizin. Bei möglichst lebensfrischen, transplantablen Spenderorganen mit zu Recht geforderten, guten Erfolgsaussichten bei den Organempfängern kann es keine euphemistisch bezeichnete "postmortale", sondern nur eine p e r i m o r t a l e Organspende geben. 

Verantwortliche Fachärzte-Teams, die den Hirntod feststellen, bzw. die Organ Ex-, Trans- bzw. -Implanteure, deren chirurgisch-fachliche Qualifikation ich nicht in Frage stelle, bewegen sich auf einem denkbar schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Es geht um Minuten zwischen Hirntodfeststellung, Entscheidungsfindung und Transplantations-Geschehen. 

Will man "mehr Organspende-Bereitschaft wagen", geht das nur mit Stetigkeit, Beharrlichkeit, Überzeugungskraft, Selbst-Reflexion, Nachhaltigkeit, Perspektive, Mut u n d Offenheit. In einer säkularen Gesellschaft sind eine "Wiedergeburt" (Transplantationsmediziner Prof. E. Nagel) ebenso wie eine "moralisch-ethische Pflicht zur Organspende" oder ein "Ja" oder "Nein" ebenso spekulativ wie appellativ und unwirksam. 

Allein die nicht nur von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, sondern auch von unserer Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, in die Debatte geworfene "Widerspruchslösung", nach der Jede(r) quasi von Geburt an potenzieller Organspender wäre und bleiben solle, wenn er nicht ausdrücklich widerspräche, reflektiert einen undemokratischen Fundamentalismus und vernebelt den Blick. Sie wird in Spanien gar nicht in dieser Form verwirklicht, wie eine Gruppe von Parlamentariern jüngst feststellen musste: https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/organspende/article/975345/organspende-spanien-widerspruchsloesung-erfolgreich.html

Die Widerspruchslösung offenbart in der medizinischen Grenzsituation einer primären oder sekundären Reanimation unauflösbare medizinisch-ethische Zielkonflikte und Fragen: 
1. Eine (prä-)klinische Reanimation wird nur halbherzig durchgeführt, um den Hirntod zur Erreichung eine Organspende-Option feststellen zu können? 
2. Eine Reanimation wird ohne erkennbare Wiederbelebungs-Effekte in extenso ohne klinischen Erfolg so lange fortgesetzt, bis ein Transplantationszentrum erreichbar ist? 
3. Eine (prä-)klinische Reanimation wird selektiv in Abhängigkeit vom Organspende-Status gemacht? 

Diese 3 Fragen sind zugegebenermaßen provokativ, müssen aber gestellt und diskutiert werden. In den Diskurs gehört auch das immer wieder selbst von einigen Ärztinnen und Ärzten öffentlich vorgetragene Argument, eine Selektion von zur Organspende bereiten und nicht bereiten Personen einzuleiten: In dem Sinne, dass "wer sich nicht selbst zur Organspende bereit erklärt, auch keine fremden Organe bekommen solle". Dies verkennt neben dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung, dass viele unserer Patientinnen und Patienten auf Grund von wesentlichen, bedrohlich lebensverkürzenden Erkrankungen selbst niemals als potenzielle Organspender, sondern nur als Organempfänger in Frage kämen. 

Bei allem Respekt, auch wenn die bisherige, verfassungskonforme Entscheidungs-/Zustimmungslösung von einer breiten Mehrheit im Deutschen Bundestag durch eine m. E. verfassungswidrige Widerspruchslösung ersetzt würde, müsste die Bereitschaft zur Organspende ebenfalls durch endlich von der Bundesregierung verabschiedete flankierende Maßnahmen verbessert werden. Dazu gehören die finanzielle und ideelle Aufwertung der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken und die bessere Ausstattung von Explantations-Teams. Die GKV-Krankenkassen haben viel zu lange Milliarden € gespart und die hohen logistischen Aufwendungen konterkariert. 

Aber wenn wie bisher Manipulationen praktiziert, oder auch nur der Hauch eines Verdachts der Diskriminierung Organspende-unwilliger Betroffener entsteht, bricht die langsam wieder aufkeimende Organspende-Bereitschaft erneut zusammen. 

Mit freundlichen Grüßen 
Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler 
Facharzt für Allgemeinmedizin 
Kleppingstr. 24 
44135 Dortmund 
0231-523002 
0152-55947070 
th.g.schaetzler@gmx.de

Artikel letztmalig aktualisiert am 29.11.2018.

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