Keine Zeit für Elternzeit

19.11.2018

Während meiner Schwangerschaft unterhielt ich mich mit einem Kollegen, der bald Vater werden würde. Er erklärte, dass er keine Elternzeit nehme, schließlich wolle er mit seiner Weiterbildung fertig werden. Ach, wirklich? Und die Frauen vom Fach wollen das nicht?

„Nein, ich nehme keine Elternzeit. Ich möchte mit meiner Weiterbildung fertig werden. Ja, ich weiß, dass ihr Frauen benachteiligt seid. Aber das ist halt so, mit der ganzen Elternzeit und der Teilzeitarbeit und so weiter. Wir Männer können schließlich noch keine Kinder bekommen.“

Das sagt mir ein Kollege im Gespräch über die weitere Planung unserer Berufswege. Zu diesem Zeitpunkt stand uns, ihm und mir, das Elternwerden unmittelbar bevor. Nicht zusammen. Er mit seiner Frau und ich mit meinem Mann.

Hier geht es auch um Diskriminierung

Ich empfinde die Einstellung meines Kollegen als Diskriminierung. Nicht, dass Männer keine Kinder bekommen können. Naja, bis auf die Männer mit Uterus natürlich. Ich meine die Einstellung, dass wir Frauen auf die hinteren Plätze gehören. Die Plätze mit den 12 Monaten Elternzeit, die mit der Teilzeitarbeit, die mit der verlängerten Weiterbildungszeit, die mit der Kinder-/Haushalt-/Arbeits- und Sozialleben-Organisation, die mit der Vereinbarkeitsproblematik. Eine akzeptierte, gelebte Benachteiligung. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber der Großteil der Familien in unserer Gesellschaft lebt immer noch ein Leben, in dem die Mutter die Kinder versorgt und in dem der Vater das Geld oder zumindest mehr Geld verdient. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Mutter/der Vater allein erziehend ist, aber ab da ist man ja anscheinend auch keine richtige Familie mehr und Unterstützung ist sowieso nicht notwendig.

Es ist akzeptierte Realität, dass Frauen weniger Rente bekommen, kein eigenes Geld erwirtschaften und den Haushalt erledigen. Ist ja schließlich genauso wertvoll, wie das bare Geld des Ehemanns. Wenn das so ist, dann lasst diese Arbeit doch auch häufiger die Männer machen! Aber die meisten Frauen wollen das doch so. Kind, Kegel, Haushalt, vom Geld des Ehemanns leben. Natürlich. Ich vergaß. Sie sind allein für diese Aufgabe geschaffen, so hat Gott es gewollt.

Gleichberechtigung ist nicht Gleichstellung

Ich spreche hier nicht von Gleichberechtigung. Ich spreche von Gleichstellung. Von Männern, die sechs Monate oder acht Monate in Elternzeit gehen, damit die Frau wieder in den Beruf einsteigen kann. Von Männern, die im Anschluss an die Elternzeit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit tragen. Die, wie ihre Frauen, in Teilzeit arbeiten, damit beide Elternteile arbeiten gehen können. Damit die Kinderbetreuung und die Bewältigung der Haushaltsaufgaben gewährleistet ist.

Worum es hier nicht geht, ist Kinder zu bekommen, um sie fünf Tage in der Woche jeweils zehn Stunden in der Kita betreuen zu lassen und am Wochenende von den Großeltern oder einer Nanny. Ich rede von Männern, die ihr Leben leben. Mit ihren Familien. Die pünktlich von der Arbeit nach Hause gehen, weil die Kinder von der Schule zu Hause sind und das Abendessen vorbereitet werden muss. Die länger in der Klinik Nachtdienste schieben und in der Notaufnahme arbeiten, weil sie länger als ursprünglich angenommen für den Facharzt brauchen.

Leben mit Kindern, mit Familie, mit dem Ehepartner

Von Männern, die ihren Chefs und Chefinnen erklären, dass ihre Unterstützung nicht nur in der Firma, sondern auch in der Familie notwendig ist. Von Chefs, die pünktlich nach Hause gehen, damit sie mit Mitte 40 nicht vor dem Trümmerhaufen ihrer Ehe stehen. Von Kindern, die arbeitende Mütter und arbeitende Väter als Rollenbilder haben. Von Kindern, die männlichen und weiblichen Einfluss in ihrem Leben haben.

Von einer Gesellschaft, die das Leben mit Kindern auch tatsächlich unterstützt und gut heißt. Ich weiß, dass ich von einer reichen Gesellschaft spreche. Einer Gesellschaft, die sich Elterngeld leisten kann. Einer Gesellschaft, die sich Teilzeitarbeit leisten kann. Einer Gesellschaft, in der Frauen genauso viel verdienen wie Männer. Einer Gesellschaft, in der Familie, Kinder, Erziehung und das Leben in der Gegenwart hohe Stellenwerte haben. In der Männer wie Frauen dafür angesehen werden, wenn sie ihre Kräfte nicht nur in die Arbeit, sondern auch in das Familienleben, die persönliche Gesundheit und das Gemeinwohl stecken. Wenn sich Familien darum kümmern, gesund zu bleiben. Einer Gesellschaft, die Frauen mehr Anerkennung verleiht für ihre wirtschaftliche Arbeit und Männern mehr Anerkennung für ihre Aufgaben in der Familie. Ich behaupte, wir wären eine reichere Gesellschaft. Eine gesündere Gesellschaft.

Deshalb freue ich mich nicht darüber, dass mein Kollege keine Elternzeit nimmt. Weil er mir zeigt, dass den Themen Gleichstellung und Familie in unserer Gesellschaft keine große Bedeutung gegeben wird.

Geht nicht? Ja. Die Liste der Ausreden ist lang. Der Weg bis zu einer tatsächlichen Gleichstellung auch.

 

Bildquelle: Clinton Steeds, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 19.11.2018.

122 Wertungen (4.21 ø)
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Medizin, Chirurgie
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HutoderHelm
Durch die Leistungserbringung im ÖD haben die meisten LErbringer doch zu den eigentlichen Realitäten wenig Kontakt. Woher auch? at 4
#5 vor 14 Tagen (editiert) von HutoderHelm (Arzt)
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Gast
Eine Lösung dieses Problems wäre eine Arbeitszeitverkürzung, und zwar auf 30 Stunden pro Woche. Dann könnten sich beide Eltern gleichermaßen um die Kinder kümmern, ohne Karrierenachteile zu erleiden. Unsinn? Bitte informieren (http://www.arbeitszeitverkuerzung-jetzt.de/das-abc-der-arbeitszeitverkuerzung.html)!
#4 vor 21 Tagen von Gast (Arzt)
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Sorry, aber von diesem Luxusproblem (Ich will alles: eigene Karriere, eigene Kinder und eine erfüllte Lebensgemeinschaft mit einem erfolgreichen Partner!) können viele Menschen nur träumen. Längere Auszeiten (z. B. Elternzeit) wirken sich nun mal negativ auf die berufliche Entwicklung aus. Wer diese Auszeiten in Anspruch nimmt, ist aber doch (abgesehen von den wenigen Mutterschutzwochen) „Verhandlungssache“ zwischen den Lebenspartnern. Gerade in gehobenen Gesellschaftsschichten werden die meisten Schwangerschaften inzwischen akribisch geplant. Da sollte es doch möglich sein, auch die jeweilige Vorstellung von der Einteilung des Berufs- und Privatlebens in diese Planung einzubeziehen. Und wenn man sich hier absolut nicht einigen kann, gibt es immer drei Möglichkeiten: Kinderwunsch zurückstellen/abhaken, eigene Karriere zurückstellen/abhaken oder einen Partner wählen, der besser zur eigenen Vorstellung eines gelungenen Lebens passt.
#3 vor 22 Tagen von Gudrun Kühlen (Nichtmedizinische Berufe)
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Genau deshalb waren meine Frau und ich froh, dass wir in Gemeinschaftspraxis berufstätig sein konnten. So konnten (ohne Mutterschutz oder Erziehungsurlaub) auch Stillpausen für die Kinder (die sind mittlerweile 23 und 25) organisiert werden (und die Patienten hatten sogar Verständnis!) als auch der Praxisbetrieb "laufen"... ;-) Es ist mir bewusst, dass das nicht in jedem Fall funktionieren kann - aber Selbständigkeit hat nicht nur Nachteile. Und (horribile dictu:) ich habe auch versucht, meine Frau nach Kräften zu unterstützen (übrigens: sie mich auch, wir sind jetzt 32 Jahre verheiratet...). Viel Erfolg und viel Glück an alle (werdenden) Mütter und Väter!
#2 vor 22 Tagen von Dr. med. dent. Wolfgang Carl (Zahnarzt)
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Kein Wunder, dass viele Frauen erst mit Ende 30 oder sogar Anfang 40 Kinder bekommen, dann sind Facharztprüfung und kleiner Karrieresprung erledigt. Der Nachteil ist, dass es dann oft nur bei einem Kind bleibt (ich gehöre wie einige Frauen meines Freundes- und Bekanntenkreises dazu). Das ist ein fauler Kompromiss, teilweise auch befristeten Arbeitsverhältnissen und zögerlichen Männern geschuldet. Aber immer noch besser, als gar kein Kind zu bekommen. Dies sollte jetzt kein Loblied auf späte Mutterschaft sein. Das Lob gebührt allen Männern, die mitziehen.
#1 vor 22 Tagen von Sylvia Robinson (Ärztin)
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