Vom Wert ärztlicher Fortbildung

14.11.2018

Wissen ist die wichtigste Ressource jedes Mediziners und jeder Medizinerin. Damit es nicht verkümmert, muss es kontinuierlich gepflegt und ausgebaut werden. Im Klinikalltag ist Fortbildung aber meist nur eine nette Nebensache. Dies wird auch so bleiben, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern.

Wissen[1] ist die wichtigste Ressource jedes Arztes und jeder Ärztin, der/die in der Patientenversorgung tätig ist. Sei es in Fächern mit diagnostischem oder mit therapeutischem Schwerpunkt, sei es in mehr theoretisch ausgerichteten oder eher handwerklich-praktisch orientierten Fachgebieten. Da die Tätigkeit eines Arztes i. d. R. sehr komplex ist, spielen selbstverständlich auch andere Aspekte eine wichtige Rolle (fachspezifische Fertigkeiten, allgemeine Fähigkeiten, Intelligenz etc.). Doch das Wissen ist für einen Arzt/eine Ärztin absolut elementar und entscheidend.

Denn genuin ärztliche Tätigkeiten sind intellektueller Natur: eine Ärztin muss fragmentarische Einzelbefunde zu einer Diagnose integrieren, sie muss die therapeutische Strategie festlegen und die einzelnen Behandlungsschritte planen; die konkrete, operative Ausführung kann dann oft delegiert werden (bspw. an Pflegekräfte, Arzthelfer/innen und bald wohl auch an Operationsroboter und intelligente Befundungssoftware etc.). Das hierfür notwendige Wissen wird in einem langen Studium und einer fast ebenso langen Facharztausbildung erworben.

Wissen muss gepflegt werden

Wissen aber, das nicht verwendet, aktiviert, und ausgebaut wird, wird unbrauchbar und geht verloren. Denn das Gehirn ist bekanntlich kein Behälter, welcher »eingetrichtertes« Wissen konserviert, sondern wählt aktiv aus, nach dem Motto »use it or lose it«: häufig benutzte Synapsen werden gestärkt, selten benutzte abgebaut. Wissen muss daher kontinuierlich und intensiv gepflegt werden, ähnlich dem täglichen Training von Hochleistungssportlern.

Eine kontinuierliche Wissensförderung im Rahmen von Fortbildung ist daher nach dem Studium bzw. der Facharztausbildung notwendig, sowohl für Assistenzärzte als auch für Ober- und Chefärzte. Allein schon deshalb, um bei der immer kürzer werdenden Halbwertszeit von Spezialwissen up to date zu bleiben, mit dynamischen Arbeitsanforderungen Schritt zu halten und die eigene Tätigkeit auch in Zukunft bestmöglich ausüben zu können. Dies nützt dem individuellen Arzt, noch mehr aber den Patienten (und somit auch den Kliniken).

Fortbildung als Maßnahme der Qualitätssicherung gehört daher zu den ärztlichen Berufspflichten[2], und Ärzte müssen innerhalb von fünf Jahren 250 Fortbildungspunkte sammeln.[3] Wird dieses Soll nicht erreicht, hat das für den niedergelassenen Arzt Honorarkürzung oder gar den Entzug der Zulassung zur Folge (§ 95d SGB V). Klinikärzten drohen hingegen keine direkten Konsequenzen; etwaige Gegenmaßnahmen liegen im Ermessen der Geschäftsleitung.

Fortbildung kann dabei nicht auf das spezifische Wissen des jeweiligen Fachs beschränkt bleiben. Denn jedes Fach hat Schnittmengen mit vielen anderen (auch nicht medizinischen) Gebieten. Ein Chirurg etwa muss auch etwas von Innerer Medizin verstehen, ein Internist auch von Onkologie, ein Onkologe auch von Pathologie, ein Pathologe auch von Radiologie, um nur wenige Beispiele zu nennen.

In bestimmten allgemeinen Bereichen sollte zudem praktisch jeder Arzt, egal welchen Fachgebiets, Kenntnisse haben: Notfallmedizin, Ethik, aber auch Gesundheitsökonomie und Statistik.[4] Dabei ist gerade die Notfallmedizin von besonderer Bedeutung, schließlich wird von jedem Arzt erwartet, dass er in Notsituationen kompetent handeln und die richtigen Entscheidungen treffen kann – auch wenn er gerade im Urlaubscharter nach Hawaii sitzt.

Zudem bietet das Medizinstudium von seiner Anlage her wie nur wenige andere Studiengänge die Gelegenheit zu einem Studium generale. Zwar liegt der Schwerpunkt auf Naturwissenschaften und Krankheitslehre, doch werden auch scheinbar medizinferne Fächer wie Psychologie, Soziologie, Ethik, Ökonomie, Statistik oder Epidemiologie gelehrt.[5] Im Medizinstudium kann man somit ein breites akademisches Basiswissen wie in kaum einem anderen Studiengang erwerben. Es bildet somit nicht nur die Grundlage für eine spätere fachspezifische Tätigkeit in dem breiten medizinischen Fächerspektrum, sondern fördert auch Fähigkeiten wie kritisches Denken und bereitet damit auf die Übernahme verantwortungsvoller Rollen und Aufgaben in der Gesellschaft vor. Es wäre eine große Verschwendung, diese Grundlagen verkümmern zu lassen – zumal Humanmedizin der mit Abstand teuerste Studiengang ist.[6]

Im Arbeitsalltag geht viel Wissen verloren

Erhalt und Ausbau des in Studium und anschließender Facharztausbildung erworbenen Wissens hat eine enorm hohe Bedeutung für die Ärzteschaft, die Patienten, die Kliniken und die Gesellschaft. Doch wie sieht die Realität aus? In vielen Fächern und Kliniken sind Ärzte Arbeitsmaschinen in Diensten der Patientenversorgung. Im Alltag bleibt ihnen allenfalls Zeit, um zu akuten Fragen und Problemen ad hoc passende Informationsfragmente zu recherchieren (was meist bedeutet: zu »googlen«).

Einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit müssen sie zudem für administrative und andere arztferne Tätigkeiten aufwenden. Briefe schreiben und formatieren, Befunden hinterhertelefonieren, Krankheiten nach ICD kodieren, Formulare ausfüllen, Blut abnehmen und Venenverweilkatheter legen sind aber keine Tätigkeiten, die die intellektuellen strategischen und planerischen Fähigkeiten eines Arztes fördern würden. Im Gegenteil: Zeit und Energie, die für diese Tätigkeiten vergeudet werden, stehen nicht mehr für die Pflege eigenen Wissens zur Verfügung. Mittel- und langfristig kommt es so zu einem Verlust von Wissen und Kompetenzen.

Wenn dennoch Fortbildung stattfindet, dann meist in Form von sporadischen Vorträgen über zufällige fachbezogene Themen mit anschließender Diskussion. Dort werden zwar oft interessante Informationen präsentiert, die Denkanstöße für die ärztliche Praxis geben können. Durch Vorträge wird Wissen aber weitgehend passiv aufgenommen und vorwiegend assoziativ und oberflächlich verarbeitet. Um langfristige Wissensstrukturen aufzubauen, bedürfte es einer anschließenden selbstständigen Nachbereitung, in der man das Gehörte reflektiert und in das bestehende Wissensnetz einbaut. Doch dafür fehlt meistens die Zeit.

Besser für den Erwerb langfristigen Wissens sind Symposien, deren Vorträge einem roten Faden folgen und ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Noch effektiver sind mehrtägige Kurse zu einem bestimmten Themenbereich, in denen Wissen intensiv vermittelt und auch praktisch angewendet und in realitätsnahen Situationen eingeübt wird.[7] Doch viele Kliniken räumen ihren Ärzten, wenn überhaupt, nur wenige freie Tage für derartige Veranstaltungen ein.[8]

Plädoyer für eine adäquate Lernkultur

Die effektivste Weise, sich Wissen langfristig anzueignen, ist aber das Selbststudium – eigenständiges, aktives Durchdenken und Verknüpfen von Informationen zu kohärenten Wissensstrukturen. Hierzu bieten sich neben den gängigen Mitteln (bspw. Lehrbücher, Reviews, Online-Materialien) die oft sehr gut aufgebauten und verständlich geschriebenen CME-Artikel diverser Fachzeitschriften an, die einen konzisen Überblick über ein Thema liefern und auch eine Lernerfolgskontrolle anbieten (mit der Möglichkeit zum Erwerb von Fortbildungspunkten).

Doch Aufbau und Pflege von Wissensstrukturen mittels Selbststudium erfordern entsprechende Rahmenbedingungen, vor allem Zeit, Muße und Energie – die während eines langen, stressreichen Arbeitstages nicht gegeben sind und auch nicht in den kurzen Stunden des Feierabends, die man für Erholung und Regeneration benötigt, von den Verpflichtungen durch Haus- und Familienarbeit gar nicht erst zu reden.

An vielen Kliniken müsste daher eine Lernkultur entstehen, die der immensen Bedeutung kontinuierlicher Wissensförderung gerecht würde. Zum einen müsste der Besuch von Kursen unterstützt werden; mindestens 15 Arbeitstage im Jahr müssten für Fortbildung zur Verfügung stehen. Zum anderen müssten die Rahmenbedingungen für ein effektives Selbststudium geschaffen werden: den Ärztinnen und Ärzten müssten hierzu ausreichend Zeit, ein ruhiger Rückzugsort und Lernmaterial zur Verfügung gestellt werden. Zehn Prozent der Arbeitszeit jedes Arztes und jeder Ärztin sollten für das Selbststudium reserviert sein; bei einer 40-Stunden-Woche wären dies jeweils vier Stunden pro Arbeitswoche – kurz genug, um den Arbeitsablauf nicht zu beeinträchtigen, und lang genug, um eine effektive Fortbildung zu ermöglichen.

Die Kliniken werden diese Rahmenbedingungen jedoch kaum aus eigener Initiative schaffen. Daher liegt es wohl an den Ärztekammern und dem Gesetzgeber, die normative Kraft des Faktischen wirksam werden zu lassen. Erstens, indem die erforderliche Mindestzahl an Fortbildungspunkten deutlich angehoben wird, und zweitens, indem die Nichteinhaltung der Fortbildungsverpflichtung spürbar sanktioniert wird.

Erst dann würden die Kliniken ärztlicher Fortbildung endlich den Stellenwert einräumen, der ihr zusteht.

 

Endnoten:

[1] Wissen besteht aus miteinander vernetzten und integrierten Informationen. Es wird meist unterteilt in Wissen über Sachverhalte (deklaratives Wissen, d. h. wissen, was), und Wissen über die Anwendung von Fertigkeiten (prozedurales Wissen, d. h. wissen, wie).

[2] Bundesärztekammer, »Empfehlungen der Bundesärztekammer zur ärztlichen Fortbildung«, S. 4, https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Fortbildung/EmpfFortb_20150424.pdf (14.11.2018)

[3] Bundesärztekammer, »(Muster-)Fortbildungsordnung 2013«, http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/_Muster-_Fortbildungsordnung_29052013.pdf (14.11.2018)

[4] Auch im klinischen Abschnitt des Medizinstudiums werden zahlreiche sog. »Querschnittsfächer« gelehrt.

[5] Die praktische Umsetzung ist freilich ernüchternd: die Inhalte sind aus Zeit- und Effizienzgründen auf das für Ärzte Notwendige eingedampft und die vielerorts gängige Form der Lernerfolgskontrolle mittels zahlreicher Klausuren und eines Examens, das unverhältnismäßig viel abstruses Detailwissen im Multiple-Choice-Format abfragt, fördert kurzfristiges, auf klausur- und examensrelevante Inhalte beschränktes Bulimie-Lernen und nicht das langfristige Anlegen und Kultivieren von grundlegenden vernetzten Wissensstrukturen.

[6] Statistisches Bundesamt, »Laufende Ausgaben (Grundmittel) je Studierende/-n«, https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/BildungForschungKultur/BildungKulturfinanzen/Tabellen/LaufendeGrundmittelFaechergruppe.html (14.11.2018)

[7] Für den Lernerfolg noch günstiger wäre freilich, wenn die Wissensvermittlung nicht massiert, sondern in Intervallen erfolgte.

[8] Es gibt allerdings in fast allen deutschen Bundesländern die Möglichkeit, pro Jahr bis zu fünf Tage langen (bezahlten) Bildungsurlaub zu nehmen. Die Regelungen sind länderspezifisch; für genauere Informationen siehe Internet.

 

Bildquelle: Wikimedia Commons

Artikel letztmalig aktualisiert am 27.11.2018.

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"Wissen ist die wichtigste Ressource jedes Mediziners und jeder Medizinerin". Ich finde, das ist ein schöner Satz zur Einleitung. Auch dass dieses Wissen gepflegt werden muss, entspricht der Wahrheit. Nach dem Motto ""Use it or lose it" hat man einen guten Anhaltspunkt. Selbst, wenn man sich stark spezialisiert hat und schon einige Jahre dabei ist, gibt es doch immer wieder neues zu lernen. Das liegt vor allem auch daran, dass es immer mehr Schnittstellen mit dem Wissen von anderen Fachgebieten gibt. Eine gute Kollegin von mir hat vor knapp einem Jahr verschiedene psychosomatische Grundversorgungs-Kurse über https://www.memomed.de/psychosomatische-grundversorgung/6.html gemacht und konnte mir dabei einiges Berichten, was auch mir bis dahin völlig neu war.
#1 vor 45 Tagen (editiert) von Tim Klein (Arzt)
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