Causa obscura: Vergiftet

14.11.2018

Ein 19-Jähriger wird in eine Notaufnahme eingeliefert. Er ist zunehmend verwirrt und reagiert nicht mehr auf Fragen. Die Ärzte vermuten einen Drogenrausch, können aber keine Substanz in seinem Blut nachweisen. Erst als der Patient wieder spricht, kann er das Rätsel lösen.

Ein junger Mann ist verwirrt und hat Probleme sich auf den Beinen zu halten. Sein Onkel, bei dem er seit dem Tod seiner Eltern wohnt, ruft den Notarzt, weil sich der Zustand seit Stunden verschlimmert. Der Verwandte kann dem Arzt bei der Aufnahme aber nicht erklären, worin die Ursache für das seltsame Verhalten seines Neffens liegen könnte.

Bei der körperlichen Untersuchung liegt der Blutdruck des Patienten bei 148/65 mmHg, seine Herzfrequenz bei 96 Schlägen pro Minute. Et atmet schnell und tief, doch die Sauerstoffsättigung ist normal. Der 19-Jährige ist zunehmend agitiert und reagiert nicht auf Fragen. Im Rahmen der neurologischen Untersuchung führen die Ärzte mehrere Tests durch: Die Kernig- und Brudzinski-Zeichen sind positiv, auch der Patellarsehnenreflex ist vorhanden. Er reagiert auf Schmerzreize und sein Pupillenreflex ist normal.

Vermeintlicher Drogenrausch

Die Ärzte vermuten, dass ihr Patient unter Drogeneinfluss steht. Bei der toxikologischen Untersuchung finden sie dafür aber keine Anzeichen. Tests auf Alkohol, Amphetamine, Cannabinoide, Benzodiazepine, Opiate und Kokain sind negativ. Trotzdem liefert die Blutuntersuchung erste Hinweise auf die Ursache seines Zustandes: Eine vergößerte Anionenlücke, also ein Defizit an Anionen im Blut, deutet auf eine metabolische Azidose hin. Auslöser dafür kann eine Vergiftung sein. Aufgrund seines verwirrten Zustandes, einer erhöhten Leukozytenzahl und eines Hirnödems vermuten die Ärzte zwischenzeitlich auch eine septische Enzephalitis.

Zur Behandlung der schweren Azidose verabreichen die Ärzte ihrem Patienten Natriumhydrogencarbonat sowie eine isotonische Kochsalzlösung. Zudem bekommt er das Antibiotikum Ceftriaxon. Nach 24 Stunden erwacht der Mann aus seinem Delir. Er ist zwar immer noch verwirrt, reagiert aber wieder auf Fragen. Sein Natriumhydrogencarbonat- und Leukozytenstatus verbessern sich, jedoch verschlechtert sich das Serumkreatinin.

Die Ärzte sind ratlos. Sie vermuten, dass sich ihr Patient eine Methanolvergiftung zugezogen hat. Weil zu diesem Zeitpunkt entsprechende Tests fehlen, die eine solche Vergiftung nachweisen könnten, befragen die Ärzte die Verwandten des jungen Mannes erneut. Könnte er – vielleicht aus Versehen – Methanol zu sich genommen haben? Die Verwandten verneinen, erklären bloß, dass sie vom gelegentlichen Alkohol- und Cannabisgebrauch wissen. Auch habe er bereits Benzodiazepine eingenommen. Psychische Probleme seien ihnen aber nicht bekannt.

Erster bekannter Fall

Drei Tage nach der Einlieferung ist der Patient endlich so weit ansprechbar, dass er den Ärzten den Grund für seinen Zustand nennen kann. In Suizidabsicht schluckte der 19-Jährige sogenanntes Transformatorenöl. Dieses findet man oft in der Industrie und wird in der Hochspannungstechnik in Transformatoren und Kondensatoren zur Isolation, zur Schmierung und zur Kühlung verwendet. Wie viel er von dem Öl schluckte, das er in der Wohnung seines Onkels fand, bleibt in dem Bericht der Ärzte offen. Sie erklären, dass es sich hierbei um den ersten bekannten Vergiftungsfall durch ein solches Öl handelt.

Damit ist die Behandlung des Patienten aber noch nicht abgeschlossen. Nachdem sich sein Zustand zunächst verbessert, klagt der Patient über starke Kopfschmerzen und verliert immer wieder das Bewusstsein. Weil es keine ähnlichen Fälle gibt, sind die Ärzte mit der weiteren Behandlung vorsichtig. Eine Hämodialyse schließen sie zunächst aus, weil die Möglichkeit besteht, dass die im Blut vorhandene Substanz nicht dialysierbar ist.

Nachdem der Patient zwei tonisch-klonische Anfälle erleidet, entscheiden sich die Ärzte aber dann doch zur Hämodialyse. Sein Zustand verbessert sich zusehends und seine Kopfschmerzen verschwinden nach drei weiteren Dialysen komplett. Nach zwölf Tagen wird der Patient entlassen, kommt aber weiterhin zu regelmäßige Kontrollterminen in die Klinik.

 

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Quelle:

Young man with severe metabolic acidosis after transformer oil ingestion: a case report.
FG Khan et al., Journal of Medical Case Reports, doi: 10.1186/s13256-018-1827-4; 2018

 

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Artikel von Anke Hörster
 
 

 

 

 

Bildquelle: A_Different_Perspective, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.11.2018.

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