Keine Zeit fürs Bauchgefühl

12.11.2018

Ich bin ein Kopfmensch. In meinem Kopf werden Probleme gelöst und Ideen umgesetzt. Aber das System funktioniert nicht ohne Beteiligung meines Bauches. Lebensentscheidungen? Dazu brauche ich das Bauchgefühl. Medizin? Geht nicht ohne Bauchgefühl.

Ich bin ein Kopfmensch. Alle Ideen, Zielsetzungen, Entscheidungen werden in meinem Kopf zerkaut, bis ich eine geeignete Strategie gefunden habe. Mittlerweile habe ich gelernt, andere an diesem Prozess zu beteiligen. Meist weiß mein Mann schon, dass ich über irgendetwas nachdenke, bevor ich ihn in meine Überlegungen einbinde.

Glücklicherweise treffe ich die endgültigen, wichtigen Entscheidungen in meinem Leben aber mit meinem Bauch. Der befindet sich in enger Nachbarschaft zu meinem Herzen. Die beiden arbeiten ganz gut zusammen und ich kann mich auf sie verlassen. Die Entscheidung, mein Weiterbildungsfach zu wählen, in eine Wohnung außerhalb der Hauptstadt zu ziehen, Kinder in der Weiterbildungszeit zu bekommen, Teilzeit weiter zu arbeiten - all das sind Bauchentscheidungen. Es fühl sich einfach richtig an. Nur dann kann meine Welt funktionieren. 

Kopf und Bauch: Wichtiges Zusammenspiel in der Medizin

Wenn ich ehrlich bin, übertrage ich dieses System sogar auf meine Patienten. Sie kommen mit Symptomen, die ich in meinem Kopf zerkaue, bis ich eine passende Verdachtsdiagnose gefunden habe. Umso länger ich arbeite, desto öfter schaltet sich aber am Ende mein Bauchgefühl ein. Es schreit dann „Da stimmt was nicht“ oder „Achtung, du übersiehst etwas“.

Die Erfahrung und die mit den Jahren zunehmende Verbesserung meiner klinischen Untersuchung, schult auch mein Bauchgefühl. Allerdings fällt mir innerhalb der letzten Monate auf, dass ich mehr Fehler mache.

Zeitdruck in der Notaufnahme

Vor allem in der Notaufnahme ist effizientes Arbeiten notwendig. Die Arbeitsverdichtung und das vermehrte Patientenaufkommen, die Zunahme der Arbeitsbelastung hat Konsequenzen. Mein Kopf arbeitet auf Hochtouren, ich arbeite konsequent die Patienten ab. Leitlinien, Checklisten, Häufigkeitsverteilungen. Untersuchung, Röntgen, Haken dran, weiter geht es. 

Primär ist dieses Vorgehen sicherlich richtig. Aber mein Bauchgefühl hat keine Zeit mehr, laut genug zu schreien. Einige Beispiele:

Fall 1: Eine primär übersehene Syndesmosenruptur bei OSG-Distorsion. Nur der ohnehin eingefügte Standardsatz „Bei anhaltenden Beschwerden bitte ich um MRT-Diagnostik“ führte letztendlich zur korrekten Diagnose. 

Fall 2: Eine schleichende, nicht dislozierte Schenkelhalsfraktur bei einer dementen Patientin, die ich wieder ins Pflegeheim schickte. Naja. Am Folgetag kam sie disloziert.

Was ist schief gegangen?

Fall 1: Kann immer mal wieder passieren? Ich hätte genauer untersuchen müssen, als der Patient sagte, er könne überhaupt nicht auftreten. Rückblickend kann ich mich noch zu gut an den Patienten erinnern. Aha, da war also mein Bauchgefühl anwesend, aber mein Kopf hat es im Zeitdruck ignoriert.

Fall 2: Die Fraktur sieht man in der nicht dislozierten Form auch meist erst im CT? Ja, sicherlich, aber ich habe keines durchgeführt. Die Mobilisation der Patientin war mehr als erschwerlich. Auch hier erinnere ich mich im Nachhinein noch zu gut.

Eine Medizin ohne Bauchgefühl ist nicht nur unbefriedigend und für die Patienten nachteilig. Eine Medizin ohne Bauchgefühl ist ein Systemfehler.

Bildquelle: Josch13, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.11.2018.

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