Delir: Finger weg von Antipsychotika

09.11.2018

Schwerkranke Patienten mit Delir profitieren nicht von antipsychotischen Medikamenten, die seit mehr als vier Jahrzehnten auf der Intensivstation eingesetzt werden. Haloperidol oder Ziprasidon zeigen gegenüber Placebo keinen Mehrwert. Ist unser Verständnis des Delirs falsch?

Ein Delir tritt bei nahezu jedem dritten auf der Intensivstation betreuten Patienten auf. Es lässt sich auf zahlreiche Grunderkrankungen zurückführen. Unabhängig von der kausalen Therapie versuchen Ärzte, diese Form einer Psychose mit Pharmaka zu kontrollieren, da es sich um einen lebensbedrohlichen Zustand handelt. Die deutsche Leitlinie rät u.a. zum Einsatz von Haloperidol. In den USA ist auch Ziprasidon üblich. E. Wesley Ely von der Vanderbilt University School of Medicine zweifelt aufgrund neuer Daten an der Sinnhaftigkeit dieser Wirkstoffe.  

Randomisierte Studie zeigt keinen Mehrwert 

Ely rekrutierte in mehreren Krankenhäusern 1.183 Patienten für seine ransomisierte, placebokontrollierte Studie. Von ihnen entwickelten 566 (48%) ein Delir. 184 wurden nach dem Zufallsprinzip mit Placebo behandelt, 192 erhielten Haloperidol und 190 Ziprasidon. Als primären Endpunkt definierte Ely die Zahl an Tagen ohne Delir oder Koma während der 14-tägigen Interventionsperiode. Das waren 8,5 Tage (Plaebo), 7,9 Tage (Haloperidol) bzw. 8,7 Tage (Ziprasidon). Einen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den Studienarmen gab es nicht. Auch die 30- oder die 90-tägige Mortalität war gleich. "Jeden Tag erhalten viele tausend Patienten unnötige Antipsychotika auf der Intensivmedizin", kritisiert Ely. Das bedeute ein medizinisches Risiko und hohe Kosten ohne Nutzen in Bezug auf die Endpunkte. 

Falsches Verständnis des Delirs 

Thomas P. Bleck vom Rush Medical College, Chicago, hat die Ergebnisse im Rahmen eines Editorials kommentiert. Auch er ist erstaunt, dass jahrzehntelang eingesetzte Medikamente keinen Mehrwert zeigen. „Es ist wahrscheinlich, dass unser Konzept des Delirs fehlerhaft ist“, schreibt Bleck. Die Neurochemie umfasse mehrere Neurotransmitter sowie strukturelle und immunologische Veränderungen. Mitunter kämen klinisch nicht erkennbare Hirninfektionen noch hinzu. Für Beck bedeutet das Impulse für weitere Studien. 

Bildquelle: darkday / Flickr, CC BY 2.0

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.11.2018.

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Die AWMF schreibt, jeweils mit Evidenzgrad (LoE) 1a und Zustimmungsgrad (GoR) A: 5.e.3 Die Behandlung von psychotischen Symptomen (unabhängig ob im Delir, beginnendem Delir oder isoliert vorkommend) soll mit Neuroleptika erfolgen [318]. 5.f.2 Bei der Behandlung des Delirs kann niedrig dosiert mit Haloperidol, Risperidon, Olanzapin oder Quetiapin erfolgen [318]. Der Review von Fn. 318 erklärt: Among the six studies reviewed, only one was a placebo‐controlled study. The rest were comparison studies [...]. The only placebo‐controlled study examined the efficacy of quetiapine among general hospital inpatients whose DRS‐R 98 total scores were ≥15.20 Although the quetiapine and placebo groups did not differ in their delirium severity at any time point, the quetiapine group had a more rapid improvement in symptoms. But because that study was prematurely discontinued, we are unable to draw any definitive conclusions. Das ist kaum mehr als nichts an Evidenz.
#1 am 13.11.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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