Klugschei.... mit Krankenakten

13.11.2013
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Eine Studie im EuJC möchte belegen, dass Frauen mit Brustkrebs oder malignem Melanom eine deutlich schlechtere Prognose haben, wenn sie kurz zuvor ein Kind geboren haben und dann akut erkrankt sind (Abb. Praxis Dr. Schätzler)

Die unten zitierte Publikation aus dem European Journal of Cancer: "Recent childbirth is an adverse prognostic factor in breast cancer and melanoma, but not in Hodgkin lymphoma" von Henrik Møller et al. ist eine rein retrospektive Studie mit 6 bis 15 Jahre alten, verlinkten Krankenakten. Das Autorenteam gibt in seinem Abstract dies nicht mal zu ["The national cancer registration and hospital discharge data for women in England (1998–2007) were linked, and the records for Hodgkin lymphoma, melanoma and breast cancer were indexed as to whether women had delivered a child in separate time periods prior to their cancer diagnosis. Survival analyses were conducted in order to characterise prognosis in relation to childbirth, with statistical adjustment for age and (where possible) stage."]. 


Stutzig macht die Angabe im Volltext der EurJC-Studie, dass die Patientinnen zwischen zehn Jahre (!) und 54 Jahre alt waren ["From the cancer registration dataset for the England population, we extracted records for women aged 10–54 years, diagnosed in 1998–2007 with Hodgkin lymphoma (3603 cases), melanoma of the skin (16,528) and breast cancer (110,943). "]. Eine Schwangerschaft mit nachfolgendem Mammakarzinom, malignem Melanom oder Hodgkin Lymphom (HL) ist allerdings bei Kindern und Jugendlichen so extrem unwahrscheinlich, dass hier ein systematischer Fehler in der Datenerhebung vermutet werden muss.


Wissenschaftstheoretisch vollkommen unglaubwürdig ist die Gegenüberstellung von HL, seit über 25 Jahren mit exzellenter Langzeitprognose auch im Rezidiv mit Interferon behandel- und beherrschbar, mit den z. T. extrem aggressiv wachsenden und oft primär metastasierenden Mammakarzinomen und malignen Melanomen in Abhängigkeit von Grading und Staging bzw. genetischen BRCA-1 und -2-Faktoren. 

Geradezu entsetzt bin ich über die bio-psycho-soziale Naivität und Bildungsferne der retrospektiv orientierten Krankenakten-Exegeten: Brustkrebs- und Melanomdiagnosen mit ihrer wesentlich unsicheren Prognose als beim Hodgkin-Lymphom, in relativ kurzem Abstand zur Geburt des eigenen Kindes sind ein m a x i m a l e r und m u l t i m o d a l e r Stress- und Gefährdungsfaktor für Selbstbestimmung, Mutter-Kind-Interaktion, Lebensperspektive, Arbeit, interpersonelle und soziale Beziehungsebenen. D i e s haben diese wissenschaftlichen Krankenakten-"Klugscheisser", entschuldigen Sie bitte diesen Ausdruck, bei Ihren "Interpretationen" aber mit keinem Wort erwähnt oder andiskutiert ["Interpretation - Melanoma and breast cancer prognosis are adversely affected by recent gestation and childbirth in a way that is not due to stage of the cancer, but rather to inherent biological properties of the tumours. Possible biological mechanisms include immunosuppression (melanoma), the hormonal milieu in gestation and a tumour promoting microenvironment post-partum (breast cancer). "].  Quelle:

 http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0959804913005583

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.11.2013.

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Medizin, Forschung, Onkologie
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"das Kompilot" Nach Abstauben meiner Lateinkenntnisse vermutete ich dass das Wort "Kompilat" oder "Kompilation" gemeint sein könnte - bin mir aber nicht sicher, weil ich meinen Grossvater, der das so richtig beherrschte, nicht mehr fragen kann. Dank wikipedia weiss ich nun: "Der Begriff Kompilation für diese Werke kommt im 16. Jahrhundert auf und hat seine negative Grundbedeutung, wie sie bei Cicero angelegt war, behalten. Sie will den oberflächlichen und unkritischen Charakter dieser Arbeiten betonen."
#2 am 14.11.2013 von Thomas Zimmermann (Medizininformatiker)
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Man kann sich über Vieles ärgern. Für mich stellt sich allerdings die Frage, wer an so einer vermurksten Untersuchung (wirtschaftliche) Interessen haben könnte - denn so ganz ohne ist das Kompilot vermutlich nicht entstanden. Oder hat dieses Journal gelegentlich Probleme, die Seiten zu füllen?
#1 am 14.11.2013 von Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann (Nichtmedizinische Berufe)
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