Naturheilverfahren? Ich steh auf Chemie

06.11.2018

Der Trend zu allem, was als „natürlich“ gilt, ist ungebrochen. Auch viele Mediziner teilen diese Ansicht: Am besten heilen wir mit der Kraft der Natur. Ich hingegen liebe Chemiebomben. Am besten in voller Dröhnung und mehrmals am Tag.

Besonders interessant sind dabei bestimmte Schlagworte, die man immer wieder liest. Wir neigen offenbar dazu, Dinge die gutklingen so lange zu wiederholen, bis sie eigene Wortentitäten geworden sind. Dabei spielt es offenbar keine Rolle, was das Wort eigentlich bedeutet und wie unsinnig unsere Vorstellung davon ist.
 
In medizinischen Zusammenhängen dürfte eines der beliebtesten Modeworte derzeit wohl die „Natürlichkeit“ sein. Natürliche Therapien sind en vogue. Am besten heilen wir mit der Kraft der Natur. Ganz sanft. Chemie ist etwas, womit man vorsichtig sein muss. Richtig vorsichtig. Am besten sofort den eigenen Kindern den Kontakt mit Chemie verbieten. Da einige meiner besten Freunde aus Chemie bestehen, möchte ich mich aber einmal daran versuchen, eine Lanze für sie zu brechen.
 
Chemie schmeckt gut
 
Der Trend zu gesunder Ernährung ist ungebrochen. Im Univiertel, in dem ich notgedrungen verkehre, reiht sich eine organische Kaffeebar an die nächste und als kleine Zwischenmahlzeit isst man hier gerne Chiasamenjoghurt oder trinkt einen grünen Smoothie. Natürlich Pestizidfrei. Mir allerdings ist das zu doof. Ich habe heute früh eine kleine Chemiebombe zum Frühstück gehabt und das ganz ohne schlechtes Gewissen. Mein Morgensnack enthielt die verschiedensten E-Stoffe und diverse giftige Substanzen und war insgesamt ganz köstlich.

Ein Blick auf die Inhaltsstoffliste verrät das ganze Elend:
 
Hydroxylsäure, Zellulose, Fructose, Glucose, Saccharose, Sorbit, Stärke, Carotine, Tocopherol (E306) Riboflavin (E101), Ascorbinsäure (E300), Stearinsäure (E570), 2-Hydroxybernsteinsäure (E296), Nicotinamid, Pantothensäure, Biotin, Folsäure, Palmitinsäure, Ölsäure, Linolsäure, Oxalsäure, Salicylsäure, Purin, Sodium, Kalium, Mangan, Phosphor. Chlorid, Farbstoffe, Antioxidantien und Aromen (Ethyl-2-methylbutyrat, Ethylbutyrat, 2-Methylbutylacetat, Butylacetat und Hexylacetat)

Sicherlich hat jeder schon einmal von Salicylsäure gehört. Mit diesem Pflanzenhormon schützte sich unsere Flora vor Pathogenen. Antibiotika sozusagen, nur eben für Pflanzen. Wir kennen Salicylsäure auch in seiner acetylierten Form. Ein Medikament für alte Leute mit Herzproblemen. Blutverdünnend, steigendes Hirnblutungsrisiko. Verdammte Chemie. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs: Wenn man Salicylsäure zu schnell erhitzt, entsteht die giftige Industriechemikalie Phenol, die in der Kunststoffherstellung verwendet wird. Und auch in ihrem Reinzustand kann die Säure unsere Schleimhäute angreifen und sogar zu einer Lähmung des Atemzentrums führen.
 
Das kann einem schon Angst machen, wenn man genauer darüber nachdenkt. Ich vermeide solche Gedanken allerdings konsequent. Mir hat mein Apfel wirklich gut geschmeckt. Er kam aus unserem Garten. Garantiert chemiefrei.
 
Chemie macht Spaß

 
Unser Apfelbaum gehört eigentlich meiner Freundin. Sie hat ihn als Abschiedsgeschenk von der ersten Klasse bekommen, die sie durch die Grundschulzeit geführt hat. Ein tolles Geschenk, denn in meinen Augen ist meine Freundin natürlich die beste Lehrerin der Welt und verdient einen solch schönen Baum allemal.

Als ich sie das erste Mal gesehen habe, war mein Körper vollgepumpt mit Chemikalien. Als angehender Arzt sollte man natürlich nicht öffentlich von seinen Rauschzuständen schreiben, aber heute mache ich eine Ausnahme:
Die Droge, die in meinem Blut zirkulierte war ß-Phenylethylamin, ein enger Verwandter von Speed und Meskalin. Ein wunderbarer Stoff, wie ich finde. Er wird mit dem Entstehen von Glücksgefühlen in Verbindung gebracht und neben den Chemikalien Dopamin, Serotonin und Oxytocin durch komplizierte Reaktionen in unseren Körpern hergestellt, wenn wir verliebt sind.
 
Chemie ist schön

 
Meine Freundin war es auch, die mich gestern darauf hinwies, dass dieser Herbst besonders schön sei. Bäume regulieren ihren Laubfall je nach Durchschnittstemperatur, Umgebung und Tageslänge. Der Laubfall wird, wie sollte es auch anders sein, chemisch vollzogen. Das Chlorophyll, der zentrale Stoff der Photosynthese, bei der Kohlendioxid und Wasser zu Zucker und Sauerstoff umgewandelt werden, wird abgebaut und in seine Bestandteile zerlegt. Cytokinine und das Pflanzenhormon Auxin hemmen die Verfärbung, weswegen zumindest Auxin auch im Gartenbau als Spray verwendet werden kann, um den Laubfall hinauszuzögern. Jeder Baum entscheidet aufgrund seiner individuellen Situation, welchen chemischen Cocktail er produziert und damit also auch, wann er sein Chlorophyll abbaut. Da dieser Sommer ein wenig verrückt war, kam es zu einem stärker versetzten Beginn der Laubverfärbung zwischen den einzelnen Bäumen. Nur deswegen kann man derzeit durch Alleen laufen, die in allen möglichen Farben leuchten. Diese elendige Chemie hat uns also unseren deutschen Durchschnittsherbst verdorben.
 
Was hat das mit Medizin zu tun?
 
Von einem Bären angefallen zu werden, ist ein recht natürliches Ereignis. Sich mit Tollkirschen zu vergiften ebenfalls. Es gibt also offenbar natürliche Gefahren und chemische Wunderbarkeiten. Allerdings bewirkt die Tollkirsche auch einen chemischen Prozess in unserem Körper und von einem Bären angegriffen zu werden, löst einen chemischen Sturm in unseren Hormondrüsen aus. Offenbar sind „chemisch“ und „natürlich“ also nur Kofferwörter, in denen sich bestimmte Erwartungen und Wünsche von Menschen verbergen. So geht es vielen unserer Patienten und auch einigen von uns Heilberuflern. Das ist ein Problem.
 
Weltweit ist das Aufkommen antiwissenschaftlicher Bewegungen zu beobachten, die versuchen eine wunderbar komplizierte Welt mit einfachen Mitteln zu erklären. Impfpräventable Krankheiten sind in vielen Industrienationen wieder auf dem Vormarsch, weil unterkomplexe Vorstellungen von Impfstoffen allseitig kolportiert werden. Dabei hat jeder von uns einmal gelernt, das Medizin nie ohne Risiko ist, Krankheit auch nicht und dass die Dosis das Gift macht.
 
Es wird von daher Zeit, dass unsere Patienten mehr über Abwägungen und Risikoprofile lernen. Das geht auch damit einher, dass wir die unrealistischen Verheißungen unserer Hochgeschwindigkeitsmedizin ablegen. Auch müssen wir natürlich lernen, genau diese Risikoerfassungskompetenz zu vermitteln. Auch wenn es keiner hören will: Gesundheitsarbeit ist Gesellschaftsarbeit.

Bildquelle: Toni Cuenca, pexels

Artikel letztmalig aktualisiert am 16.11.2018.

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"Alles Leben ist Chemie"? Leben ist doch gerade der Unterschied zwischen Chemie und Biologie. Natürlich gibt es kein Leben ohne Chemie, genauso wie es keine Chemie ohne Physik gibt, und keine Physik ohne mathematische Strukturen. Reduzieren wir aber Komplexität auf einen Gegensatz von Naturheilkunde und Schulmedizin, dann vergessen wir dabei zu leicht, dass unser Körper oft selbst der beste Arzt ist. Der Schweizer Sekten und Esoterikkritiker hat m.E. die Problematik mit den Scharlatanen viel besser erfasst als der obige Artikel, insbesondere in den beiden unteren Absätzen. Man google mal "25373333 Tages Anzeiger" (https://www.bernerzeitung.ch/meinungen/dossier/kolumnen--kommentare/Unser-Koerper-ist-der-beste-Arzt/story/25373333?track) - es lohnt sich. Denn "Leben ist Bewegung" … und eben nicht Chemie!
#10 vor 23 Tagen (editiert) von Friedrich Pagel (Nichtmedizinische Berufe)
  2
Ohne Chemie wären Sie jetzt im Steinzeitalter. [...]. Nachtrag; Den undankbaren Dummköpfen sollte man hier eigentlich keine guten Tipps geben, das lernt man hier aus dem Feedback. Deswegen wurde die ursprüngliche Version stark abgekürzt.
#9 vor 26 Tagen (editiert) von Alexander Schütz (Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent)
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Danke für den Beitrag -toll. Lebewesen Mensch, warum machtst du dir das Leben so schwer? Jahrtausende Erfahrungsheilkunde - alles liegt uns zu Füßen. Kann mich nur anschließen, wir müssen lernen langsamer zu gehen, langsamer zu wollen, langsam wieder lernen auf uns und unsere Bedürfnisse, Fähigkeiten und unseren Körper zu hören. Ich würde es nicht Gesundheitsarbeit und Gesellschaftsarbeit nennen, sonder Gesundheitslernen und Gesellschaftslernen. Es gibt nichts schöneres als für sich und mit den andern durch lernen von vorhandenem Wissen (und das haben wir), sich und unsere Welt zu gesunden. Wir sollten, und da erstmal jeder für sich, endlich damit anfangen.
#8 vor 26 Tagen von Claudia Betz (Heilpraktikerin)
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Das größte und erfolgreichste Chemielabor ist nach wie vor, ohne Konkurrenz, die Natur!
#7 vor 27 Tagen von Barbara Hoffmann-Schmidt (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Danke für diesen Artikel. Schade, dass den wahrscheinlich wieder nur die Therapeuten lesen und nicht die Patienten.
#6 vor 28 Tagen von Dr. rer. nat. Kerstin Reider (Heilpraktikerin)
  4
Chemie ist alles und Natur ist nicht immer so harmlos, wie sich viele das vorstellen. Es gibt nichts natürlicheres, als von einem Bären gefressen zu werden.
#5 vor 28 Tagen von Claudia Kern (Medizinische Dokumentarin)
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Gast
Ohne Chemie geht nix.
#4 vor 28 Tagen von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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Wer glaubt, es gäbe etwas Essbares "ohne Chemie", der glaubt auch an Tomaten "ohne Gene" und Mineralwasser "ohne H2O", fürchtet sich vor giftigem Chlor in Kochsalz, verzichtet auf Fruchtsaft, um sich nicht mit Methanol zu vergiften, meidet wegen der Radioaktivität Kalium in Lebensmitteln und stellt zum Schutz vor Sauerstoffradikalen das Atmen ein. ;-) Gleichzeitig werden "Mercurius cyanatus D4" und "Kalium bichromicum D4" als "Naturheilmittel" eingenommen. Grundkenntnisse der Naturwissenschaften sind im Allgemeinwissen leider viel zu selten vertreten. :'-(
#3 vor 28 Tagen von Marco Lange (Chemiker)
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wunderbar :-))))) aber in einer Welt, in der das gesamte Weltgeschehen in einem tweet erklärt und geregelt werden muss, will das alles leider keiner wissen :-(((((
#2 vor 29 Tagen von Kerstin Sielisch-Kropp (Ärztin)
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Gästin
Alles Leben ist Chemie:)
#1 vor 29 Tagen von Gästin (Nichtmedizinische Berufe)
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