Dinge, die mich die Notaufnahme gelehrt hat

05.11.2018

Es ist jetzt einige Monate her, dass ich meinen Arbeitsplatz gewechselt und die Notaufnahme verlassen habe. Zeit, mal innezuhalten und darüber nachzudenken, was mich die Zeit in der Notaufnahme gelehrt hat. Es folgen acht Punkte, die ich besonders wichtig finde.

1. Gelassenheit

Was man definitiv lernt und auch lernen muss, ist Gelassenheit. Gelassenheit im Umgang mit merkwürdigen Patienten, besorgten Angehörigen, erschreckenden Krankheitsbildern, mit Kollegen, mit denen man im besten Fall klarkommt, im schlechtesten Fall ihnen zumindest nicht an die Gurgel geht.

In der Klinik gibt so vieles, das mit Gelassenheit besser klappt. Oftmals hat man auch keine Wahl: Es nützt nichts, wenn man sich voller Emotionen in etwas reinsteigert. Dafür gibt‘s keine Sonderpunkte in Authentizität, sondern höchstens noch mehr Verdruss. Es ist ein bisschen wie bei der Goldmarie in Frau Holle: Dinge, die anstehen, machen. Es kostet viel weniger Energie und Nerven, als wenn ich weiterhetze. Im besten Falle wartet am Ende der Schicht ein Topf voller Gold. In der Pflege bedeutet das: Ich habe heute so pflegen können, wie ich es wollte und konnte und am besten war. Gelassenheit ist ein unbedingt erstrebenswerter Zustand.

Und tatsächlich hilft mir diese Gelassenheit heute im Alltag, mit diesem oder jenem besser klar zukommen. Ich weiß zumindest, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man versucht, daran zu ziehen. Dass Dinge einfach Zeit brauchen, manchmal viel Zeit. Und das bringt mich direkt zum nächsten Punkt, zum Gegenteil von Gelassenheit.

2. Ungeduld

Ich war und bin es gewohnt, schnell zu arbeiten. Da ist es umso ätzender, wenn man auf Mitmenschen trifft, die schneckengleich durch den Tag schleichen. Die mit aller Gemütsruhe ihrem Tagesgeschäft nachgehen, während man von einem Fuß auf den anderen trippelt. Die unendlich lange brauchen, um fünf Zahlen zusammenzurechnen oder die Pommes nach Schönheit zu sortieren. Ungeschickte Bewegungen, die einen beim Zusehen in den Wahnsinn treiben. Man möchte sie schütteln und ihnen gerne alles sofort aus der Hand nehmen.

Ich bin auch ungeduldig mit Worthülsen geworden. Politiker, die sich vermeintlich schöne Sachen ausdenken und sofortige Hilfe versprechen. Geht mir weg. Taten statt Worte, du Lauch. Vorher glaube ich keinem mehr ein Wort. Ich bin sogar zu müde, die Augen bei unsinnigen Ideen zu rollen. So vieles – gerade in der Pflege – höre ich seit Jahren. Nichts hat sich geändert bisher. Gut,  der Neue hebt sich dadurch hervor, dass keine Woche vergeht, in dem er nicht die ein oder andere lustige Idee vorstellt. Ich schaue zu und warte ab.

Der Vorteil ist, dass ich innerhalb kürzester Zeit sofort merke, ob jemand rumlabert oder ob ein echtes Interesse an der Lösung möglicher Probleme besteht. Das betrifft nicht nur die Vorschläge von Herrn Spahn, auch in der Notaufnahme gilt: Laberrababa ist meist wenig zielführend. Es ist größtenteils Zeitverschwendung. Ich vermeide es, so gut es geht.

3. Solidarität

Ich habe sie oft erlebt unter Kollegen, die Solidarität. Dann hüllt sie dich ein wie ein warmer Mantel. Sie verschafft mehr Sicherheit, Selbstvertrauen. Zueinanderstehen ist großartig.

So schön sich Solidarität anfühlt, so sehr ist ihre Abwesenheit ein Schlag ins Gesicht. Diese Schläge treffen einen besonders hart, wenn sie überraschend kommen und aus einer Ecke, die man für sicher gehalten hat. Bestärkt euch daher zunächst, wenn möglich, selbst. Im Zweifel, auch das hat meine Erfahrung gezeigt, wird keiner für dich Stärke zeigen.

Für mich ist Solidarität trotzdem wichtig geworden. Haltung zeigen und verteidigen. Den andern stärken und auch schützen. Und nicht vergessen: Einen weiten Bogen um Idioten machen.

4. Keine Entschuldigungen und Erklärungen

Viele Leute meinen, das Konzept der Pflege erklären zu können: Ein bisschen Liebe, Berufung und Empathie und fertig ist die Nächstenliebesuppe. Jeder ist Experte, der schon mal einen Wellensittich gefüttert hat. Alle kennen sich aus. Ganz schön viel Meinung bei gleichzeitiger Ahnungslosigkeit.

„Pflegen kann jeder, der über die Fähigkeiten Liebe und Empathie verfügt und bei ein wenig Erbrochen nicht sofort mitwürgt.“ Da kann ich nur leise gähnen.

Der Pflege, in der ich gearbeitet habe und die ich einst lernte, lag ein komplexes Wissen zugrunde, eine enorme Professionalität und ein gewissen Maß an Selbstreflexion. Nicht jeder kann das leisten. Auch das muss mal gesagt sein.

Wenn Pflege gut sein soll, muss sie vor allem professionell sein und nicht ausschließlich von Berufung und Liebe getragen werden. Ich verstehe, dass vielen Kollegen die Haare vom Kopf abstehen, sobald das B-Wort fällt. Denn es impliziert auch immer einen Hang zur endlosen Güte, Selbstaufopferung und Verzicht. Und natürlich braucht man dann auch keinen anständigen, angemessenen Lohn. Liebe bezahlt man nicht. Liebe schenkt man. Ach, hört mir doch auf.

5. Den Wandel begrüßen.

Jeden Tag in der Notaufnahme sah ich, wie schnell sich die Welt aufhören kann zu drehen. Es ist also ein guter Ort, um zu kapieren, dass alles immer und ständig im Wandel ist. Und man erkennt: Es betrifft nicht nur die anderen, sondern auch mich.

Dieser eigene Wandel geht immer einher mit zweierlei: Dem sofortigen Wunsch, dass alles bitteschön bleibt, wie es ist und einer Euphorie allem Neuen gegenüber. Es ist oft die Angst, die uns hindert, neue Wege zu beschreiten. Schaff ich das? Bin ich bereit dazu? Kann ich mich nach vielen Jahren noch auf Neues einlassen? Werde ich je wieder so nette Kollegen haben?

Im Sommer traf ich eine ehemalige Kollegin.  Sie war damals Ärztin, ein echtes Hasenkind. Unsicher, ängstlich, oft überfordert, eine, die man nicht wachsen ließ. „Jetzt ist Dienst und du hast zu funktionieren. Komm klar!“

Wir stellten fest, dass wir beide nun nicht mehr in der Klinik arbeiteten. Sie sagte, sie hätte sich ein Leben jenseits der Klinik nie vorstellen können. Und als sie dann doch ging, merkte sie, dass sich die Welt weiterdrehte und ohne die Belastung sogar schöner wurde. Sie bekam Lust, etwas Neues auszuprobieren und reiste ein halbes Jahr durch Südostasien.

Ich staunte nicht schlecht. Ich hätte sie anders eingeschätzt. Ihre ganze Körperhaltung war anders. Wir stellten fest, dass es eine gehörige Portion Mut und Überwindung kostet, aus dem Gewohnten auszubrechen. Dann folgt ein Gefühl von Freiheit, das man am ganzen Leib spürt. Man merkt, dass das Leben einen trägt. Das man nicht zugrunde geht.

Alles ist im Wandel. Diese Tatsache sollten wir auch für uns selbst in Anspruch nehmen. Macht euch los von Strukturen, die euch krank machen oder euch langweilen. Es gibt ein Leben jenseits.

6. Lust auf Leben

Wenn man mit viel Krankheit und Leid zu tun hat, braucht es immer einen Ausgleich. Meine Lust auf Leben und Neues ist definitiv über die Jahre gewachsen. Weil ich mir klarmache, dass eine kleine Unachtsamkeit, ein Blutgerinnsel oder was auch immer einem das Leben in seiner Schönheit vermasseln kann, werde ich immer mutiger. Der Blog war ein Anfang. Der Berufswechsel ein weiterer Schritt. Sie reihen sich langsam aneinander. Das, was mir das Leben bieten kann, will ich mit offenen Armen empfangen. Möglich, dass es dann auch Dinge geben wird, die mich überfordern oder an meine Grenzen bringen. Aber: Das Bedauern wiegt auf der Wage des Lebens schwerer als das Ausprobieren. Also, auf! Leben, zeig mir was Schönes! Ich bin da.

7. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

Jahrelang verunsicherte mich eine Kollegin: Sie erzählte beständig von ihrer enormen Erfahrung, die sie auch wirklich hatte. „Ich hab schon so viel gesehen!“ war einer ihrer häufigsten Sprüche. Als Frischling in der Notaufnahme ist man erst einmal beeindruckt. Bis ich nach Jahren feststellte: Sie kocht auch nur mit Wasser. Ihre Erfahrungen habe ich nicht, aber meine eigenen. Und die sind mittlerweile solide gewachsen, ich muss mich nicht von ihr verunsichern lassen.

So fing ich endlich an meinen eigenen Fähigkeiten zu trauen. Vertraut euch. Seid dabei nicht großkotzig und bleibt reflektiert, aber lasst euch nicht klein machen von Leuten, die es auch nicht mehr drauf haben als ihr. Lernt euren Wert kennen und macht ihn euch bewusst, wenn der nächste Verunsicherer um die Ecke biegt.

8. Ideen schmieden

Wir sind insgesamt sehr eingeschränkt in unserem Denken. Ich merkte das letztens, als ich ein Video sah von einem Mann, der im im Stil von Keith Haring malte. Er malte und malte eine ganze Seite voll. Und immer, wenn ich dachte: „Och, das ist hübsch so, hör auf“, malte er hier noch einen Kringel hin und dort eine Blume und das Blatt wurde voller und voller. Es war für mich so eine Art Augenöffner. Weiter zu malen. Mehr zu machen. Das Ganze voll zu kritzeln und sich nicht einzuschränken.

Es wird Zeit, in anderen Bahnen zu denken, wenn wir uns selbst und andere retten  wollen. Vieles – nicht nur im Gesundheitswesen – wird auseinanderbrechen, anderes wird sich verändern und neu finden. Neue Fragen müssen gestellt werden. Wir brauchen mehr Idee, die diskutiert werden wollen. Das, was viele Jahre funktioniert hat, hält in vielen Bereichen nicht mehr stand.

Bildquelle: Presidencia de la República Mexicana, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 07.11.2018.

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Medizin
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Menschliche Tragödien spielen sich allerorten ab und wer mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht das. Dazu muß man nicht einmal Nachrichten schauen. Warum manche hier so idiosynkratisch auf den Begriff "Gemeinplatz" reagieren, kann man nur spekulieren. Nach meiner Erfahrung bevorzugen die meisten Menschen das ihnen wohl Bekannte und wollen gleichzeitig glauben, das es sich dabei um etwas ganz Besonderes, etwas Einzigartiges handelt. Da keine der Reaktionen eine sachliche Kritik enthalten hat, liegt m.E. der Verdacht nahe, daß die Diskreditierung meiner Person dazu dienen soll, die Illusion des Besonderen, des "Hervorragenden" aufrecht zu erhalten, welche oftmals mow. mit dem eigenen Selbstwertgefühl verbunden ist. @Detlef Menges: Gemeinplätze berühren mich nicht sonderlich, da bin ich eher indifferent; aber es ist aufschlußreich zu beobachten, wie andere darauf reagieren.^^ @Sylvia Robinson: Das sehen Sie richtig ...;)
#11 vor 8 Tagen von Annika Diederichs (Tierärztin)
  16
#8: Auch bei der Angst um geliebte Haustiere kann es sicherlich emotionale Dramen geben, das kann ich mir schon vorstellen. Aber als geneigter Leser weiß man auch: Frau Diederichs hat immer recht ;-)
#10 vor 10 Tagen von Sylvia Robinson (Ärztin)
  0
Na sieh mal an, ein argumentum ad hominem. Die Wikipedia führt dazu näher aus, daß es sich dabei um ein Scheinargument handelt, in dem die Position oder These eines Streitgegners durch Angriff auf dessen persönliche Umstände oder Eigenschaften angefochten wird. Dies geschieht meistens in der Absicht, wie bei einem argumentum ad populum, die Position und ihren Vertreter bei einem Publikum oder in der öffentlichen Meinung in Misskredit zu bringen und eine echte Diskussion zu vermeiden.
#9 vor 11 Tagen von Annika Diederichs (Tierärztin)
  50
Klinikarzt
@3 Frau Diederichs: Solch einen Kommentar zu der hervorragenden Schilderung aus der Notaufnahme einer Klinik kann nur jemand abgeben, der sein ganzes Berufsleben sich nur um Tiere gekümmert hat und keinen Bezug zu den menschlichen Tragödien hat, die sich hinter Klinikmauern abspielen.
#8 vor 11 Tagen von Klinikarzt (Arzt)
  14
Auch von mir: DANKE!
#7 vor 12 Tagen von Aring Hammerbacher (Weitere medizinische Berufe)
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Ein schöner und lebensbejahender Artikel. Danke hierfür!! Anmerkung an #3: Mögen Sie diese "Gemeinplätze" nicht? Dann schauen Sie halt Nachrichten auf RTL, da gibt´s Unfälle und Tragödien en masse...
#6 vor 12 Tagen von Dr. Detlef Menges (Naturwissenschaftler)
  9
Danke!! Danke für die Essenz vieler Jahre, mitnichten sind es Gemeinplätze. Es ist die Realität, Stärke, Durchhaltevermögen und Lust am Leben.
#5 vor 12 Tagen von Hildur Bohland (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  1
Vielen Dank für diesen wunderschönen Beitrag! Er hat mich an manchen Stellen echt zu Tränen gerührt. Wirklich toll geschrieben - authentisch, witzig, tief und echt. Ihr Beitrag macht viel Mut und gibt Hoffnung, danke dafür und alles Gute für Sie!
#4 vor 12 Tagen von Nadja Geuther (Studentin der Humanmedizin)
  1
Hui, so viele Gemeinplätze. Das erinnert mich unwillkürlich an gängige Ratgeberliteratur.
#3 vor 12 Tagen von Annika Diederichs (Tierärztin)
  132
Danke für den Blog. Erfahrungen, die jeder für sein Leben nutzen kann.
#2 vor 12 Tagen von Bernd-Detlev Bönig (Arzt)
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Sehr genau, klug und reflektiert beobachtet und beschrieben. Erinnert mich an meine verstorbene Lebensgefährtin und ihre Arbeit in der Krankenpflege auf der Intensivstation des Westdeutschen Herz- und Transplantations-Zentrums, UK-Essen, bzw. ihre Reanimations-Schulungen für alle nichtärztlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Universitätsklinikums.
#1 vor 12 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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1. Also ich könnte das ja nicht! Och – geht schon! Wisst ihr, was ich nicht könnte? Stundenlang an mehr...
Jens mag für andere Menschen der Herr Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sein, für mich ist er Jens. Ich darf ihn mehr...
Ich komme dich besuchen … oder lieber doch nicht? Manchmal tut man gut daran, zu Hause zu bleiben und von einem mehr...

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