Diese Krankheit gibt es wirklich

05.11.2018

Es beginnt wie eine normale Erkältung. Laufende Nase, etwas Fieber. Nicht untypisch für Herbst und Winter. Dann entwickelt das Kind plötzlich eine Schwäche im Arm oder Bein. Lähmungserscheinungen. Manchmal folgt die Lähmung der Atemmuskulatur. Klingt wie Polio? Ist es aber nicht.

Die Krankheit ist erst seit ein paar Jahren bekannt. Sie betrifft hauptsächlich Kinder unter 18 Jahren, mit einem Mittelwert von vier Jahren. In den USA werden die Eltern inzwischen dafür sensibilisiert, dass sie bei (plötzlichem) Auftreten von Schwäche nach einer Erkältung sofort mit dem Kind ins Krankenhaus müssen. Denn es kann sogar zum Erstickungstod kommen. Aufhalten lässt sich die Erkankung nicht, aber im Krankenhaus kann man die Kinder bei Beeinträchtigung der Atemmuskulatur beatmen. Es gibt weder eine Behandlung der Ursache, noch eine wirksame Prophylaxe.

Welche Gefühle löst eine solche Bedrohung aus?

Man weiß inzwischen, dass der Krankheitserreger die Nerven in der Wirbelsäule und das Gehirn befällt. Um welchen Erreger es sich dabei genau handelt, ist trotz ausgiebiger Tests noch nicht klar. Im Verdacht standen erst Enteroviren, von denen es Vertreter gibt, die ganz ähnliche Symptome hervorrufen (dazu später mehr), aber das hat sich nicht komplett bestätigt.

Eine Frage an die Eltern und Kinderärzte unter euch: Wie fühlt ihr euch, wenn ihr das lest? Eine unbekannte, aber gefährliche Krankheit, die übertragen werden kann wie eine normale Erkältung, deren Verlauf (rasch) lebensgefährlich werden kann und die, wenn das Kind überlebt, lebenslange Beeinträchtigungen mit sich bringt: Lähmungen, eventuell Bettlägerigkeit und Beatmung bis ans Lebensende?

Keine Prophylaxe und keine Behandlung

Es gibt keine Prophylaxe, abgesehen von der allgemeine Empfehlung, häufig die Hände zu waschen und keine Medikamente außer Beobachtung und Aufrechterhaltung der lebenswichtigen Körperfunktionen.

Die Krankheit gibt es – sie heißt acute flaccid myelitis (AFM). Zum Glück ist sie (noch?) wirklich selten. In den letzten vier Jahren sind etwa 390 Fälle bekannt geworden, die meisten davon in den USA.

So beunruhigend das für mich klingt, ich musste daran denken, dass wir bereits eine Krankheit haben, die um einiges gefährlicher ist, die auch hierzulande früher jährlich abertausende Menschen betraf. Vor allem auch Kinder, die daran starben oder mit dauerhaften körperlichen Folgeschäden leben mussten. Poliomyelitis.

Polio: Ein unglückliches Roulettespiel

Die Symptome und Folgen von Kinderlähmung sind denen der AFM sehr ähnlich. Und es gibt noch heute Leute, die mit den Lähmungen nach überstandener Krankheit leben. In der Apotheke sehe ich sie noch manchmal, sie sind heute alt, Überlebende sozusagen. Und wer sie fragt, erfährt, wie übel das damals war.

Jeder konnte angesteckt werden. Einmal angesteckt war es ein unglückliches Roulettespiel. Wie weit würden die Lähmungen gehen? Würde man vielleicht in der eisernen Lunge landen und sein Leben liegend und extern beatmet verbringen müssen? Oder würde es „nur“ ein Bein oder eine Hand sein, die nie mehr richtig gebraucht werden konnten. Selbst die, die Infektion mit wenig Problemen überstanden, Jahre später treten bei den meisten Spätfolgen auf: extreme Müdigkeit, Muskelschmerzen und Muskelschwund.

Ausrottung in Gefahr

Es wundert nicht, dass bei einer derart hohen Inzidenz der Erkrankung alles daran gesetzt wurde, die Krankheit zu bekämpfen. Bei Viren ist das schwierig, heute noch, – aber es wurde ein Impfstoff entwickelt. Nach 1960 nahmen die Fälle dank konsequenter Impfungen weltweit so stark ab, dass die WHO sich 1988 das Ziel gesetzt hat, Polio (wie die Pocken) komplett auszurotten. Der Mensch ist das einzige Reservoir für den Virus, der sich auch kaum verändert.

Es ist fast schon bedauerlich, dass man den Verlauf und die Folgen dieser schweren Erkrankung heute kaum noch „live“ sieht. Wohl auch deshalb ist das Ziel der WHO in Gefahr. Einerseits dank dem Nicht-Impfen der Impfgegner. Ich finde, die sollten sich unbedingt mal mit Polio-Überlebenden unterhalten.

Verschwörungstheorien in muslimischen Ländern

Andererseits gibt es auch in einigen islamischen Ländern Widerstände dem Impfen gegenüber. Dort treibt eine Verschörungstheorie ihr Unwesen, die besagt, dass der Polio-Impfstoff zur Sterilisierung von Muslimen diene.

Vielleicht müssten wir also erst erleben, wie eine neue gefährliche Krankheit epidemisch wird. Und ich frage mich, wie Impfgegner auf etwas reagieren, das man dann selbst sehen kann und als akute Gefahr für sein Kind empfindet. Dann geht es nicht mehr nur um eine Erkrankung, von der man via Fake News und unglaubwürdigen Vertretern der bösen Big Pharma erfahren hat.

Nicht, dass ich dieses Szenario mit ansehen wollen würde.

Bildquelle: tolmacho, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.11.2018.

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Oder Phagen !
#2 vor 40 Tagen von Vorstand der BSHV Daniela Dippold (Sonstige)
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Antilosyne gegen resistente Keime könnte auch helfen !
#1 vor 40 Tagen von Vorstand der BSHV Daniela Dippold (Sonstige)
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Es gibt eine Epidemie in den USA, die ausser Kontrolle ist und die mehr kostet und mehr Leute betrifft als jegliche mehr...
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