Krebsimpfung: Gut gemeint, gut gemacht?

02.11.2018

Vor wenigen Wochen erlebte die Krebsimmuntherapie einen herben Rückschlag: Während einer klinischen Studie starb ein Patient mit Non-Hodgkin-Lymphom an schweren Nebenwirkungen. Sind die neuen Therapien die richtige Strategie?

Anfang Oktober lief eine klinische Phase-1-Studie zur Krebsimmuntherapie aus dem Ruder. Drei Teilnehmer erlitten schwere Nebenwirkungen, wobei eine Person später starb. Bei ihnen sollte der bispezifische Antikörper AFM11 beim Non-Hodgkin-Lymphom (NHL) getestet werden, eine Entwicklung von Affimed. Der biologische Wirkstoff bindet an B-Zellen, von denen viele beim NHL entartet sind. Anschließend werden T-Zellen angelockt, um maligne B-Zellen zu zerstören. Prompt brach die Aktie ein, wenige Monate zuvor hatte Affimed einen bis zu fünf Milliarden Dollar schweren Deal mit Genentech zur Erforschung von Antikörpern ausgehandelt. Damit bleiben zwei Fragen: Wie weit sind Immuntherapien oder therapeutische Krebsimpfungen schon erforscht? Und wie soll die Strategie überhaupt funktionieren?

Flucht vor dem Immunsystem

Dass der Bedarf an neuen Wirkstoffen da ist, steht für Onkologen außer Frage. In den letzten Jahren gab es etliche Innovationen. Neue Wirkstoffe lösen u.a. molekulare Bremsen des Immunsystems (Checkpoint-Inhibitoren), halten das Wachstum von Blutgefäßen (Angiogenese-Hemmer) auf oder stören Stoffwechselwege (Tyrosinkinase-Hemmer, u.a.). Doch der Erfolg schwankt je nach Erkrankungsart. Nach fünf Jahren leben noch über 90 Prozent aller Patienten mit einem malignen Melanom oder mit Prostatakrebs. Bei malignen Erkrankungen der Lunge, Leber oder Bauchspeicheldrüse sind es weniger als 20 Prozent.

Deshalb gingen Wissenschaftler einen Schritt zurück. Sie fanden heraus, warum unser Immunsystem Krebszellen nicht erkennt. Eigentlich entarten Tag für Tag Zellen im Körper, doch wir erkranken nur selten an Krebs. Tumorzellen unterschieden sich mehr oder minder stark von unveränderten Zellen, und zwar anhand von Oberflächenstrukturen. Trotzdem entwischen sie körpereigenen Mechanismen.

Das kann unterschiedliche Gründe haben. Manche Tumoren sezernieren Botenstoffe, um die Reifung von Immunzellen zu stoppen oder ihre Aktivität zu verringern. Andere mobilisieren regulatorische T-Zellen: eine Spezies, die normalerweise körpereigene Strukturen schützt. Genau hier setzten therapeutische Impfungen an. Durch die Gabe spezifischer Antigene soll das Immunsystem wie bei klassischen Impfungen Antikörper bilden. Diese richten sich gegen Tumoren. Diese Reaktion führt zum Untergang unerwünschter Strukturen.

Angriff auf das Zellwachstum

Eine interessante Zielstruktur ist der epidermale Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGF). Überexpressionen werden mit mehr Angiogenese, einer stärkeren Proliferation und einem verlängerten Überleben von Zellen in Verbindung gebracht. Das ist beim nicht-kleinzelligen Lungenkrebs (NSCLC) der Fall.

Um diese Erkrankung zu behandeln, untersuchen Forscher den CIMAvax-EGF-Impfstoff. Er besteht aus einem Konjugat des EGF-Proteins mit einem Protein aus Meningokokken und einem Adjuvans. Der Impfstoff induziert Antikörper gegen EGF. Es wurde gezeigt, dass CIMAvax-EGF bei fortgeschrittenen NSCLC-Patienten sicher und immunogen ist. Eine klinische Phase 1/2-Studie läuft. Dann wissen wir mehr.

Impfung als Strategie

Neben transgenen Proteinen kommen auch Viren infrage, um Krebs zu eliminieren. Forscher zeigten, dass das Lymphozytäre Choriomeningitis-Virus (LCMV) und das Junin-Virus in Tumorzellen stärker exprimiert werden als im gesunden Gewebe. Bei den Tests kamen verschiedene Krebsmodelle zum Einsatz, u.a. für Melanome, Kolonkarzinome oder hepatozelluläre Karzinome. Die virale Replikation führt zu einer lokalen Immunaktivierung, zum Rückgang der malignen Erkrankung und zur langfristigen Krankheitskontrolle. Unklar ist, inwieweit sich die Aussagen auf Menschen übertragen lassen.

Die Pilotstudien zeigen bislang, dass therapeutische Krebsimpfungen prinzipiell funktionieren. Unspezifische Ansätze bergen jedoch die Gefahr allzu starker Reaktionen, was vielleicht bei der AFM11-Studie passiert ist. Personalisierte Ansätze verringern das Risiko, wie eine Studie zeigt. Im ersten Schritt sequenzieren Molekularbiologen dabei Melanome von sechs Patienten. Sie suchen nach mutierten Genen, die für Oberflächenproteine codieren und vom Immunsystem angegriffen werden. Dann stellen sie im Labor Antigene als Impfstoff her und verabreichten diese Krebsvakzine. Tatsächlich wurde das Immunsystem aktiviert. Nach 25 Monaten waren vier Studienteilnehmer immer noch ohne Rezidiv. Bei zwei Personen führte die zusätzliche Gabe von PD-1-Inhibitoren zum Verschwinden des Tumors. Bedrohliche Nebenwirkungen traten in der Studie nicht auf. Wer weiß – vielleicht mausert sich die therapeutische Impfung in fünf bis zehn Jahren zur nächsten tragenden Säule der Onkologie.

Bildquelle: Ed Uthman, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.11.2018.

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Medizin, Onkologie
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